selbst Ihnen unzugängliche Kluft . Dort mag er ruhen , in dem weiten Grabe wo so vieles ruht . Wollen Sie es ? Wollen Sie mir die Freude gönnen , den letzten Wunsch meines Vaters auch im kleinsten Punkt erfüllt zu sehen ? « » Noch heute , noch in dieser Stunde , « erwiderte Hippolit , und drückte seine brennenden Augen auf ihre liebe Hand . » Wie könnte ich je Ihrem ausgesprochnen Willen widerstreben ! « » Dank Ihnen , innigen Dank , « erwiderte Gabriele , mit einem fast unfühlbaren Händedruck . » Sie haben Nachsicht mit meiner Schwäche , « setzte sie matt lächelnd hinzu , » Sie spotten nicht einer vielleicht kindischen Ehrfurcht gegen den Willen der Todten . Aber das Zuviel ist hier in unserm Dunkel doch noch immer dem Zuwenig vorzuziehen ; nicht wahr lieber Hippolit ? « » Gabriele ! himmlisches Wesen ! nicht diese Engelmilde gegen mich , wenn ich nicht ganz vernichtet werden soll ! « rief Hippolit tief erschüttert . » Ich fühle alles , was Sie mir verbergen und andeuten , vergebens suchen Sie es mir zu verschleiern um auch nur die Idee eines Vorwurfes von Ihnen mir zu ersparen . Jene noch immer roth schimmernden Fenster der Kapelle , Ihre eigne verklärte Gestalt , sogar die Dämmerung um uns her rufen mir die Vergangenheit zurück . Alles ist wie es war , alles heute wie damals ! Und doch , wie ist es auch so furchtbar anders ! Kindischer Thor der ich war ! daß ich damals schon das Unglück zu kennen wähnte ! « » Sie kannten es damals nicht , « fiel Gabriele ein ; » und glauben Sie mir , es kommt ein Tag , wo alles , was Ihr Herz heut so schwer belastet , Ihnen eben so erscheinen wird , als jetzt jener Schmerz , der damals Sie in Tod und Verzweiflung jagte , Ihnen erscheint . O mein theurer Hippolit , es kommt eine Stunde , in welcher die Erde mit all ihrem Weh unter uns zusammen sinkt und der Himmel mit seinen Freuden sich uns öffnet . Wie leicht , wie klein sehen wir dann alles , was uns vor kurzem noch so schwer , so unübersteiglich groß dünkte ! Geloben Sie mir , mein geliebter Freund , geloben Sie mir , diese meine Worte nie zu vergessen . Lieber lieber Hippolit , sie nicht zu vergessen , in keiner noch so dunkeln schweren Stunde Ihres Lebens . Ach Sterben ist oft so viel leichter als Leben ! Wer würfe nicht gern alles , was uns belastet , von sich , um einer geliebten entschwebenden Seele durch alle Himmel zu folgen ? Doch mein edler Freund wird das Schwerere wählen , und es tragen , so lange die ewige Vorsicht es will . « Gabriele streckte ihre rechte Hand gegen ihn aus , doch er legte nicht versichernd die seine hinein . Dunkel , fast verzweifelnd starrte sein Blick hinaus in die Dämmerung , durch welche die Fenster der Kapelle noch immer im Abendschimmer röthlich erglänzten . » Undurchdringliche Nacht verhüllt uns das Jenseits , « sprach jetzt mit bewegter Stimme Gabriele , wir ahnen seine Schrecken wie seine Seligkeit , und es ist verwegen , mit sterblicher Zunge von Göttlichem stammeln zu wollen . Doch den Rand des Grabes vergoldet ein purpurner Schein , der den ewigen herrlichen Ost uns verkündet ; er heißt Hoffnung des Wiedersehens ! Ach und doch wäre es möglich , daß eigenmächtiges Eingreifen in den Willen der Vorsicht eine Kluft risse , die dieses Hoffen vielleicht vernichtet , vielleicht auf Jahrtausende hinausschiebt . Längre Prüfung in andern Welten erwartet vielleicht den , der ungerufen diese verläßt . - Schrecklich , schrecklich muß es seyn , furchtbar über alle Beschreibung , « sprach sie lauter und heftiger ; » es würde mir den Tod erst zum Tode machen , wenn ich entschlummern müßte , ohne die beruhigende Zuversicht , daß alle , die ich liebe , vertrauend , wenn gleich weinend mir nachblicken werden , und daß keines von ihnen sich vom Schmerz zu einem Schritt verleiten lassen wird , der mein Hoffen eines nahen seligen Wiedersehens in der ungemessenen Ewigkeit vernichten könnte . « An allen Kräften erschöpft , bleich , leblos beinah , sank Gabriele mit diesen Worten in ihren Sessel zurück , aber ihr bittendes Auge haftete noch immer mit unaussprechlichem Ausdruck auf Hippoliten . » Heilige ! Verklärte ! « rief jetzt dieser , außer sich vor unaussprechlicher Angst , und warf sich , ihre Knie umfassend , vor ihr nieder . » O entschwebe mir noch nicht ! Nimm mein Gelübde mit , daß ich Deinen Willen erfülle , sey es noch so schwer ; daß ich keine Kluft ewiger Trennung zwischen uns reißen will . Ja ich will noch leben , weil Du es gebeutst , ich will noch leben und athmen so lange ich kann , auch wenn Du - « Thränen erstickten seine Worte . Gabriele vermochte es nicht ihm zu antworten , aber ihre Hände ruhten segnend auf seinem Haupte , ein dankbares Lächeln umspielte ihre Lippen , und ihr gen Himmel gerichtetes glänzendes Auge erhob sich betend für ihn . Bange , leise , wehmüthig einander zulächelnd , und doch unfähig jeder ausgesprochnen Mittheilung ihres Gefühls , wandelten in den nächstfolgenden Tagen Gabrielens Freunde neben einander her . Im Schlosse herrschte eine bange schwüle Stille , wie vor einem Gewitter , und auch draußen war es so in der Natur . Alle Gipfel ruhten , kein Lüftchen spielte in den goldigen Blättern , sie fielen von selbst leise und langsam , man hörte das flüsternde Rieseln ihres Niedersinkens , weil kein stärkerer Ton durch den schweigenden Wald rauschte . Gabriele blickte täglich aus ihrem Bogenfenster hinaus in die herbstliche Pracht , denn weiter zu gehen verstattete ihr ihre große , wenn gleich schmerzlose Mattigkeit nicht mehr . Mit jeder Stunde beinah sahen ihre Freunde die