sie durfte keine Schwäche mehr zeigen . Leuthold stand an der Tür , er lauschte mit angehaltenem Atem , ob er Johannes sich entfernen höre . Aber zu seinem unermeßlichen Entsetzen kam Frau Willmers wieder : „ Der Herr geht nicht , “ sagte sie mit heimlicher Freude . „ Er sagt , er wolle , das gnädige Fräulein besuchen und nehme keinen Bescheid vom Herrn Oheim an ; denn da das Fräulein schon seit mehreren Jahren mündig sei , habe es selbst zu entscheiden , wen es sehen wolle und wen nicht . “ Ernestine horchte hoch auf . „ Was , was ist das ? “ Ihr Blick fiel fragend auf den Oheim — sie gewahrte zu ihrem höchsten Erstaunen den tödlichen Schreck , der sich in seinem Gesicht malte : „ Oheim ! “ fragte sie nochmals : „ Was heißt das ? Gib mir Antwort ! “ „ Laß Dich doch nicht auf solch albernes Geschwätz ein , der Mensch ist ein Lügner — oder — “ „ Sag ihm das selbst , wenn Du den Mut dazu hast , “ unterbrach ihn Ernestine in aufloderndem Zorn . „ Bitten Sie den Herrn einzutreten ! “ sprach sie gebieterisch Die Willmers eilte hinaus . „ Ernestine ! “ rief Leuthold verzweifelnd . „ Mir das , mir ? “ „ Ich will wissen , was es mit der Mündigkeit für eine Bewandtnis hat ! “ rief das Mädchen und heftete einen Blick auf Leuthold , vor dem er die Augen zu Boden schlug . — Möllner trat ein . Er maß Leuthold mit dem Ausdruck vollster Ruhe und tiefster Verachtung , dann verneigte er sich vor Ernestinen , ohne sie anzusehen . Er wollte sie schonen , ihr Zeit lassen , sich zu sammeln . Sie verstand es falsch , sie hielt es für Kälte und erwiderte es mit Kälte . Eine lange Pause entstand . Leuthold wollte sich den Schein der Unbefangenheit geben und unterbrach das Schweigen : „ Darf ich nach dem , was zwischen Ihnen und meiner Nichte vorfiel , fragen , was Sie noch bei uns zu suchen haben , mein Herr ? “ „ Das werde ich sogleich dem Fräulein sagen — und wenn Sie Zeuge dieser Unterredung sein wollen , so werden Sie mich sehr zu Dank verpflichten . “ „ Nun , so haben Sie die Güte , Platz zu nehmen , “ sprach Leuthold und bot Johannes einen Stuhl . „ Nur müssen wir Sie dringend bitten , sich kurz zu fassen , da wir im Begriffe sind , abzureisen . “ „ Das sind Sie nicht , Herr Doktor . “ „ Mein Herr — sind Sie besser von unsern Absichten unterrichtet als wir selbst ? “ Johannes setzte sich , nachdem Ernestine sich niedergelassen und erwiderte mit einfacher Bestimmtheit : „ Von Ihren Absichten nicht — wohl aber von der Ausführung derselben , welche ich im Notfall durch Ihre Verhaftung zu verhindern gesonnen bin . “ Leuthold war einen Augenblick verstummt , dann lächelte er zu Ernestinen hinüber , die wie versteinert war : „ Das ist der echte Ritter von der Eiche ! Schade , daß wir nicht mehr in den Zeiten des Faustrechts leben , wo man jeden ehrlichen Mann von der Straße wegfangen und in den Turm werfen konnte . “ „ O nein , Herr Doktor , nach solchen Abenteuerlichkeiten gelüstet einen philiströsen Gelehrten wie mich durchaus nicht . Ich wähle sicherere , gesetzlichere Mittel ! Ich lasse Sie ganz einfach durch den im Orte stationierten Gendarme festnehmen , wenn Sie sich von hier entfernen , bevor Ihre Angelegenheiten mit Fräulein von Hartwich zu meiner Zufriedenheit geordnet sind . Ist das geschehen , dann mögen Sie sich meinethalben verkriechen , wohin Sie wollen , dann gehen Sie mich nichts mehr an . “ „ Herr Professor , “ rief Leuthold , „ ich kann nur denken , daß man mich nichtswürdig bei Ihnen verleumdet hat und bitte Sie , mit mir auf mein Zimmer zu kommen , damit wir wenigstens nicht die Ohren des Fräuleins , welches der größten Schonung bedarf , durch diese Erörterungen beleidigen . “ „ Ist das Fräulein stark genug , um , wie Frau Willmers sagt , nach New York zu reisen , dann wird sie auch dies Gespräch aushalten können . Vor allen Dingen , Ernestine , frage ich Sie , ist es Ihr freier Entschluß , Ihre Heimat zu verlassen ? “ „ Ja , “ hauchte sie kaum hörbar hin . „ Nun denn , Sie sind Herrin Ihres Willens . Sie müssen aber , bevor Sie ihn ausführen , wissen , was Sie tun . Jetzt wissen Sie es noch nicht — und ich bin gekommen , es Ihnen zu sagen ! Wenn Sie mit Herrn Gleißert gehen , so ketten Sie Ihr Schicksal an das eines Betrügers ! “ Ernestine und Leuthold sprangen auf . Johannes erhob sich gleichfalls ; die Hand auf den Tisch gestützt , ließ er seine großen Augen , ohne mit der Wimper zu zucken , auf den Beiden ruhen . Leuthold war keines Wortes mächtig . Ernestine verlor sich im Anschauen der edeln Gestalt seines Gegners . Johannes fuhr fort : „ Sie werden mich nach den Beweisen für eine so furchtbare Anschuldigung fragen . Ich trage sie seit heute früh bei mir , hier sind sie . “ Er zog einige Schriften aus der Brusttasche . Eine derselben entfaltete er . Leuthold warf einen Blick hinein , taumelte zurück und sank auf einen Stuhl . „ Haben Sie das geschrieben ? “ fragte Johannes und reichte Ernestinen das Blatt . „ Bitte , lesen Sie . “ „ Nein “ — sagte diese mit unverhehltem Erstaunen , nachdem sie den Inhalt überflogen . „ Oder haben Sie vielleicht ein Aktenstück , dessen Inhalt Sie nicht kannten , bei einem Notar mit Ihrem Namen unterzeichnet ? “ „ Niemals ! “ war die bestimmte Antwort . Möllner