es seien menschliche Laute . Als ich indessen einsah , daß meine Befürchtungen unbegründet seien , und die tiefe Stille , welche beim Hereinbrechen der Nacht herrschte , mich beruhigte – da faßte ich Vertrauen . Noch hatte ich nicht nachgedacht . Ich hatte nur gehorcht , gewacht , gefürchtet . Jetzt kehrte die Fähigkeit des Nachdenkens wieder . Was sollte ich beginnen ? Wohin mich wenden ? O qualvolle , unerträgliche Fragen , wenn ich nichts beginnen , mich nirgendhin wenden konnte ! Wenn meine müden , zitternden Glieder noch einen langen , langen Weg zurücklegen mußten , bevor ich menschliche Wohnungen erreichen konnte – wenn ich das kalte Mitleid in Anspruch nehmen mußte , bevor ich eine Unterkunft fand ; widerstrebende Barmherzigkeit angerufen , herzlose Zurückweisungen ertragen werden mußten – ehe überhaupt jemand meine Geschichte anhören oder irgend einem meiner Bedürfnisse abgeholfen werden würde ! Ich berührte den Haideboden , er war trocken und noch warm von der Hitze des Sommertages . Ich blickte zum Himmel empor ; er war klar ; ein freundlicher Stern funkelte gerade über dem Gipfel der Felsenklippe . Der Thau fiel , aber glücklicherweise sehr schwach ; nicht ein Windhauch störte die Ruhe . Die Natur schien mir gut und wohlwollend ; ich glaubte , daß sie mich arme Ausgestoßene liebe . Und ich , die ich von Menschenkindern nur Mißtrauen zu erwarten hatte , Zurückweisung und Beleidigungen , ich klammerte mich mit kindlicher Zärtlichkeit an sie . Heute Nacht wollte ich wenigstens ihr Gast sein – wie ich ihr Kind war . Mutter Natur würde mir ja Obdach gewähren ohne Geld , ohne Preis , Ich hatte noch einen kleinen Bissen Brot ; der Rest einer Semmel , welche ich in einer Stadt gekauft , die wir um die Mittagszeit passiert , gekauft mit einem losen Pfennig – meinem letzten Geldstück . Hie und da sah ich reife Heidelbeeren , wie Jetperlen im Haidekraut ; ich pflückte eine Handvoll davon und aß sie zu meinem Brote . Mein zuvor noch nagender Hunger war , wenn auch nicht gestillt , so doch gemildert durch dieses Einsiedlermahl . Zuletzt sagte ich mein Abendgebet und dann suchte ich mir mein Nachtlager . Neben der Felsenklippe war das Haidekraut sehr hoch . Als ich mich niederlegte , waren meine Füße beinahe darin begraben ; an beiden Seiten wuchs es so hoch , daß es fast über mir zusammenschlug und dem Hereindringen der Nachtluft nur wenig Raum gewährte . Ich legte meinen Shawl doppelt zusammen und breitete ihn wie eine Decke über mich ; eine unmerkbare , moosige Erhöhung bildete mein Kopfpolster . So verwahrt , spürte ich wenigstens beim Beginn der Nacht keine Kälte . Meine Nachtruhe wäre vielleicht ruhig gewesen , wenn ein gequältes Herz sie nicht unterbrochen hätte . Es klagte über seine blutenden Wunden , seinen inneren Schmerz , seine zerrissenen Saiten . Es zitterte für Mr. Rochester und sein Schicksal ; es beklagte ihn mit tiefinnigem Mitleid ; es verlangte nach ihm mit endloser Sehnsucht , und , hilflos wie ein Vogel , dem beide Flügel gebrochen , schlug es noch mit seinen zerstörten Schwingen und machte vergebliche Versuche , zu ihm zu fliegen . Erschöpft durch diese Seelen- und Gedankenqualen erhob ich mich auf die Knie . Die Nacht war gekommen und ihre Planeten waren aufgegangen ; eine schöne , stille Nacht , zu rein und klar , als daß man der Furcht hätte Raum geben können . Wir wissen , daß Gott allgegenwärtig ist ; aber gewiß fühlen wir seine Gegenwart am deutlichsten , wenn seine größten und herrlichsten Werke im Glanze vor uns ausgebreitet liegen . Und der unbewölkte Nachthimmel , an dem seine Welten ihren stillen Kreislauf vollenden , macht uns am meisten seine Unendlichkeit , seine Allmacht , seine Allgegenwärtigkeit empfinden ! Ich hatte mich auf die Knie erhoben , um für Mr. Rochester zu bitten . Als ich mit thränenblinden Augen aufsah , erblickte ich die gewaltige Milchstraße . Indem ich mich dessen erinnerte , was sie eigentlich sei – welche zahllosen Systeme dort nur wie ein Lichtschein durch den Raum zogen – da fühlte ich die Macht und die Kraft Gottes . Ich war überzeugt von seiner Macht , das erhalten zu können , was er erschaffen hatte ; ich war sicher , daß die Erde nicht untergeben könne , noch irgend eine Kreatur , die auf ihr lebte . Dann wandelte ich mein Gebet in eine Danksagung : der Quell des Lebens war auch der Erlöser der Seelen . Mr. Rochester war in Sicherheit ; er war Gottes , und Gott würde ihn schützen ! Und ich legte mich wieder an die Brust der Erde und nicht lange dauerte es , so hatte ich im Schlaf allen Kummer vergessen . Aber am nächsten Tage trat die Not bleich und hager an mich heran . Lange nachdem die kleinen Vögel ihre Nester verlassen hatten ; lange nachdem die Bienen während der süßen Jugend des Tages den Honig aus den Haideblüten gesogen , bevor der Thau noch getrocknet – als die langen Schatten des Morgens kürzer wurden und die Sonne Himmel und Erde erfüllte – da erhob ich mich und blickte umher . Welch ein stiller , warmer , herrlicher Tag ! Welch eine goldene Wüste dieses weite Moor ! Überall Sonnenschein ! Ich wünschte , daß ich in ihm und von ihm leben könnte ! Ich sah eine Eidechse über den Felsen huschen ; ich sah eine Biene geschäftig zwischen den süßen Heidelbeeren . Wie gern wäre ich in diesem Augenblick Biene oder Eidechse gewesen ; dann hätte ich hier hinreichende Nahrung , schützendes Obdach gefunden . Aber ich war ein menschliches Wesen und hatte die Bedürfnisse eines menschlichen Wesens . Ich durfte nicht weilen , wo ich nichts fand , um sie zu befriedigen . Ich erhob mich und blickte zurück auf das Lager , das ich verlassen . Ohne Hoffnung für die Zukunft hegte ich nur den einen Wunsch : daß mein Schöpfer