der Einsamkeit von Schloß Grenwitz nachzuhängen . Am Tage nach seiner Ankunft waren seine beiden schönen Reitpferde glücklich angelangt , und so konnten bei den weiteren Ausflügen wenigstens zwei der Herren beritten gemacht werden . In einem entlegeneren Theile des Gartens war unter seiner Leitung ein kleiner Schießstand hergerichtet worden , und in den späteren Nachmittagsstunden ertönte jetzt sehr oft ( zu der Baronin geheimen Entsetzen ) der kurze , scharfe Knall gezogener Pistolen bis in die geheiligte Stille der nach dem Garten gelegenen Wohngemächer . Oswald , Albert und selbst Bruno waren in keinem Augenblick vor Felix sicher , der fortwährend auf der Jagd nach einem Gefährten zu dieser oder jener Unternehmung war , und stets so lange bat und quälte , bis man sich wohl oder übel seinen Wünschen fügte . Mit der Aenderung seines Lebens , über die er mit der Baronin so viel correspondirt hatte , war es ihm keineswegs Ernst . Das Garnisonsleben war ihm langweilig geworden ; die Schaar der Gläubiger immer dringender und seine Situation der Art , daß , als er betreffenden Orts um längeren Urlaub einkam , man ihm zu verstehen gab , er thäte , wenn seine Gesundheit wirklich so angegriffen sei , vielleicht besser , sogleich seinen Abschied zu nehmen . Gerade in dieser kritischen Zeit machte ihm die Baronin von Grenwitz ihre Anerbietung betreffs Helene ' s. Felix , der hier einen Ausweg fand , an den er noch gar nicht gedacht hatte - denn Anna-Maria ' s Gemüthlosigkeit in Geldangelegenheiten war ihm aus Erfahrung bekannt - griff mit beiden Händen zu , obgleich eine Heirath nicht eben nach seinem Geschmacke war . Indessen war er bereit , sich auf jeden Fall auch in diese Bedingung zu fügen . Wie angenehm war er deshalb überrascht , als ihm in seiner Cousine , die er bis dahin nicht gekannt hatte , ein Wesen entgegentrat , schöner , anmuthiger , als irgend eine der Damen , die er bisher mit seiner Neigung beehrt hatte - ein Wesen , das , die Seine zu nennen , den Stolzesten der Stolzen entzückt haben würde . So waren denn nicht zwei Tage vergangen , als Felix für seine schöne Cousine in seinem Herzen eine Leidenschaft fühlte , die freilich , genau betrachtet , bloße Eitelkeit war , ihm selbst aber wie ein Wunder vorkam ; und so konnte er denn nicht müde werden , die Baronin von seiner Liebe zu unterhalten und sich auch gegen die Uebrigen , besonders Oswald , über die Herrlichkeit eines auf das Höchste gerichteten Strebens auszulassen . Er zweifelte nicht einen Augenblick daran , daß seine Leidenschaft erwidert werde . Hatte er nicht bis jetzt noch überall reüssirt ? war sein Glück bei den Frauen nicht sprüchwörtlich selbst unter den Kameraden , von denen sich doch so ziemlich jeder Einzelne für einen Paris oder Adonis hielt ? und hatte er nicht schon so oft erfahren , daß sich die Liebe hinter dem Anschein der Gleichgiltigkeit , ja der Abneigung verbirgt ? Freilich trieb seine schöne Cousine die Komödie ziemlich weit ; freilich behandelte sie ihn mit einer Kälte , einer Geringschätzung , die manchmal geradezu beleidigend war - aber er ließ sich dadurch in dem felsenfesten Glauben an seine unwiderstehliche Liebenswürdigkeit nicht beirren und verspottete die Baronin , wenn diese ihn wieder und wieder zur Vorsicht ermahnte . Denn Anna-Maria sah , da keine persönliche Eitelkeit die Klarheit ihres Blickes trübte , in dieser Angelegenheit viel schärfer als Felix . Sie , die an sich selbst die Energie des Charakters so hoch schätzte , mußte im Stillen die consequente Gleichmäßigkeit in Helenens Betragen , die bescheidene Festigkeit , mit der sie ihre Ansichten aussprach und behauptete , bewundern . Es war ein Etwas in der stolzen Schönheit ihrer Tochter , wovor sie sich unwillkürlich beugte . Helene war nach jenem Abend am Strande wo möglich noch stiller und zurückhaltender geworden . Sie flüchtete , wenn sie irgend konnte , in die Einsamkeit ihres Zimmers . War sie in der Gesellschaft , schloß sie sich am liebsten an ihren Vater an , oder suchte es auf den Spaziergängen so einzurichten , daß Bruno ihr Begleiter war . Sie hatte stets einen kleinen Dienst für ihn : bald mußte er ihr den Hut , bald die Mantille tragen ; bald hatte er ihr eine Blume zu pflücken , die auf der andern Seite des Grabens wuchs ; bald ihr an einer steileren Stelle des Ufers die Hand zu reichen . Bruno unterzog sich dem Dienste mit einem milden Ernst , der freilich den Spott des Baron Felix zuweilen herausforderte , für Jeden aber , der sich für den Knaben interessirte , und die wilde Unbändigkeit seiner Natur kannte , etwas unendlich Rührendes hatte . Sein Wesen schien , sobald Helene ' s Blick auf ihm ruhte , wie umgewandelt . Er war dann sanft und freundlich , dienstfertig und zuvorkommend ; ein Wort von ihr , ein Wink nur ihrer langen , dunklen Wimper genügte , ihn , wenn er sich ja einmal von seiner alten Heftigkeit hinreißen ließ , sofort zu besänftigen . Diese Heftigkeit machte sich vor allem gegen Felix Luft , gegen den er einen Haß und eine Verachtung empfand , die er sich kaum zu verbergen bemühte . Stets hatte er ein höhnisches , bitteres Wort für ihn in Bereitschaft ; die mancherlei kleinen Blößen , die jener sich in seiner maßlosen Eitelkeit der Gesellschaft gegenüber gab , fanden in Bruno einen unerbittlichen , grausamen Verfolger , der um so lästiger war , als seine Jugend ihn nicht als ebenbürtigen Gegner erscheinen ließ , gegen den man nicht mit anderen Waffen kämpfen konnte , als höchstens mit einem von oben herab geführten Hiebe , der meistens ganz vortrefflich parirt wurde . Felix selbst empfand dies einigermaßen , und wenn ihm der Knabe auch nicht gefährlich erschien , so war er ihm doch im hohen Grade unbequem . Wo Helene war , da war auch Bruno ,