. Endlich öffnete sich der kleine Salon , in dem er seine Familie , fast zur Unkenntlichkeit in Trauergewänder eingehüllt , versammelt sah . - Er kam erwartet ; dennoch überraschend . Ein kurzer Aufschrei verrieth ihm das einzige Wesen , nach dem sein Herz noch eine Richtung hatte ; und überwältigt von der Vergangenheit , die zwischen ihm und seinem Weibe lag , eilte er nicht in ihre Arme , sondern kniete in demselben Augenblicke zu ihren Füßen . Viktorine hatte sich leise in einen Stuhl gesenkt - ihre Füße bebten , wie ihr Herz . Beide sprachen nicht ; es herrschte von allen Seiten ein verlegenes Stillschweigen ; Keiner verstand das Gefühl des Anderen . Die Empfangenden standen trocken und müde von einer thränenreichen Begebenheit , mit der sie fertig waren , und Leonin ' s Ankunft , dessen Stimmung Keiner zu errathen vermochte , erregte die Befürchtung , mit allen Schmerzenszeichen von Vorn anfangen zu müssen . Man schien von ihm wenigstens die Anregung abwarten zu wollen und behielt eine Stellung , aus der gleich zu machen war , was sich nöthig zeigte . Doch fand jeder unnatürliche Zwang bei Madame de Lesdiguères immer bald in ihrer raschen , geraden Gefühlsweise seine Erledigung . » Jetzt , Herr Graf Schwiegersohn , « rief sie plötzlich laut - » lassen wir das ! Kommen Sie zu sich , und denken Sie , daß wir alle von den Quälereien und der ganzen Geschichte nachgerade müde und matt sind . Wir haben Alle unsere christliche Theilnahme dargelegt - ging mir auch selbst recht zu Herzen ; aber jetzt muß es vorbei sein - wäre dem alten Marschalle selbst zuwider , wenn wir nicht endlich aufhören könnten ! « Leonin stand auf , nachdem er einen Blick des Schmerzes auf seine blasse Gemahlin geworfen . » Ich verlange gewiß nicht , « sprach er , » durch meine Gegenwart Euer Gnaden zu Gefühlen aufzufordern , über deren Dauer mit großem Rechte nur Jeder selbst bestimmen kann , und der Sohn darf sich gewiß in einem Verhältnisse bekennen , daß seine Gefühle nicht zur Richtschnur für Andere machen kann . « » So , « sagte die Herzogin - » das nenne ich vernünftig gesprochen . Man kann oft Ihre absonderlich auffallenden Handlungen gar nicht begreifen , wenn man hört , wie verständig Sie sich zu äußern wissen . « Leonin hatte während dieser Worte die Anwesenden stumm und abgemessen begrüßt . Es hatte sich seiner bei dem Anblicke seiner Mutter ein so kaltes , bitteres Zürnen bemächtigt , daß er den Ausdruck für die herkömmliche Weise verlor ; auch gab ihm die Herzogin bald Gelegenheit , sich zu entladen . » Nun , « rief sie - » mein Kind , ich habe recht darauf gewartet , Sie wiederzusehn ; denn nur Sie selbst können uns das Ereigniß erklären , das uns damals bei der Taufe Ihres Sohnes so sehr erschreckte . Waren Sie denn wirklich krank und liefen deshalb fort ? « » Nein , Madame , « erwiederte Leonin gemessen - » ich war nicht krank , als ich abreiste , ich ward es erst später . « » Nun , sehen Sie , Marschallin , « fiel jetzt die Herzogin ins Wort , » ich konnte Ihre Erzählung gleich nicht glauben ; denn kurz vorher hatte ich ihn gesehen , und mit eins sollte er toll und krank und deshalb davongejagt sein ! « » Sagte das meine Mutter ? « fragte Leonin scharf betonend . - » In Wahrheit , ihr Irrthum ist sehr auffallend , da sie am besten , denke ich , den Grund meiner Abreise wissen mußte ! « » Ihre Mutter , Graf ? « rief die Herzogin - » nun , das hätte ich nie für möglich gehalten ! « » Es war vielleicht eine zu große Schwäche von mir , « fuhr jetzt die Marschallin auf , durch Beide geängstigt und erzürnt - » daß ich die Unbesonnenheit meines Sohnes auf eine Weise zu erklären trachtete , die in der Handlung selbst sich mir darzubieten schien . Eine wahnsinnige Handlung dem plötzlichen Erkranken zuzuschreiben , möchte milder urtheilen heißen , als es ein Jeder in solchem Falle verdient ! « » Sie hätten Ihre Gnade nicht so weit treiben sollen , « erwiederte Leonin kalt ; - » aus den Umständen , die Ihnen bekannt waren , hätten Sie annehmen können , wie wenig ich mich geneigt fühlen müßte , eine Vormundschaft anzuerkennen , deren Erfolge ich eben einsehen lernte . « Die Marschallin bebte vor Zorn . Niemals hatte sie eine solche Sprache von ihm gehört ! Sie war zuerst um eine Antwort verlegen , die den ganzen tiefen Ingrimm ihres Herzens auszudrücken vermocht hätte . Doch überhob die Herzogin sie jeder Wahl . Aufs neue rief sie : » Kind , ich verstehe dieses Hin- und Herreden nicht , sagen Sie deutlich , wie es zusammenhing ! « » Enschuldigen mich Euer Gnaden , « sprach Leonin mit schonender Ehrerbietung - » Sie sind eine zu gefühlvolle Frau , eine zu gute Mutter , um nicht zu wissen , daß Viktorine das erste Recht an mein Vertrauen hat , und ich es abwarten muß , ob sie mich zur Rechenschaft ziehen will . « » Dagegen läßt sich Nichts sagen , « erwiederte gutmüthig lachend die alte Herzogin ; - » das heißt : schweige still , Du hast Dich nicht hinein zu mengen ! « » Dies möchte indessen nicht der Fall für Alle sein , « sprach die Marschallin scharf . » Der König hat eine persönliche Beleidigung , für die er Ihr Betragen nothwendig halten mußte , mit der Ungnade gegen Ihre Familie bestraft ; - und diese Familie , die während ihrer langen Existenz etwas Aehnliches nicht erfuhr , möchte wohl das unbestrittene Recht haben , einer Handlungsweise nachzufragen , die so beleidigende Folgen für sie hatte . « » Zwingen Sie mich nicht ,