von deren ernstem Inhalt er nachtheilige Folgen fürchtete , so lange meine Gesundheit noch wankend wäre . Ich kam ihm in seinem Verlangen entgegen , weil ich immer noch hoffte , wenigstens von Dir etwas Tröstliches zu erfahren , und er zögerte nicht mehr , mich mit meiner Lage bekannt zu machen und mir seine Wünsche mitzutheilen , die nur mein Wohl beabsichtigten . Der würdige Mann hatte keine Mittel verabsäumt , um Nachrichten von Dir zu erhalten , und er hatte durch seine Nachforschungen nur erfahren , daß ich auch meinen Vater zu beweinen habe , der sein kummervolles Leben in der Schweiz geendigt hatte . Du warst spurlos verschwunden , und von allen Wesen , denen ich liebend angehörte , blieb mir nichts , als Dein und meines Bruders Kind , das mit unschuldiger Heiterkeit zu meinen Füßen spielte und mit kindlichem Lächeln mich seine Mutter nannte , während ihm unbewußt die Stürme des Unglücks über sein schuldloses Haupt hinwegzogen . Herr St. Julien betrachtete die furchtbare Revolution , die mit entsetzlicher Gewalt alle Blüten unseres Lebens zu Boden schlug , mit den Augen eines Bürgers . Er schauderte vor den Strömen Blutes , die täglich flossen , aber er glaubte , große Mißbräuche hätten diese entsetzlichen Reibungen hervorgebracht , und hoffte , unsere Nachkommen würden die Früchte unserer Leiden genießen . Er hielt sich für überzeugt , daß der Adel mit allen seinen Vorrechten und ehrgeizigen Träumen für immer aus Frankreich verschwunden sei , und glaubte deßhalb mir keinen Nachtheil zuzuziehen , wenn er mir seine Hand anböte , um mir als französischer Bürgerin den Schutz unsers Vaterlandes zuzusichern . Der edle Mann sagte mir mit bescheidenen , aber bestimmten Worten , daß sein Verhältniß zu mir das eines Vaters bleiben würde , und daß nicht die selbstsüchtigen Absichten eines thöricht verliebten Greises ihn leiteten , sondern daß er mein Wohl vor Augen habe . Er sagte mir , daß er die bestimmte Ueberzeugung habe , nicht mehr lange leben zu können , und daß ich dann als seine Wittwe mit Anstand meine Unabhängigkeit bewahren oder eine andere Wahl treffen könne , daß ich aber als Fräulein Evremont schutzlos tausend Gefahren ausgesetzt sei , und noch weniger für Adolph sorgen oder ihn schützen könne . Ich sah die Wahrheit alles Gesagten ein und empfing mit Dankbarkeit und Rührung die Hand des edeln Greises und man nannte mich Madame St. Julien . Als auf diese Weise meine Rechte in seinem Hause festgestellt waren , legte mein großmüthiger Freund mir alle unsern Adolph betreffende Papiere vor , den er zugleich adoptirt hatte . Was von dem Vermögen unsers Vaters hatte gerettet werden können , war in seinen Händen , und er sicherte mir und Adolph bald nach unserer Verbindung nicht nur dieß , sondern auch noch sein beträchtliches Vermögen . Ich machte ihn darauf aufmerksam , daß dieß vielleicht eine Ungerechtigkeit gegen seine Verwandten sei , aber er antwortete mir mit einem bittern , schmerzlichen Lächeln , alle seine Angehörigen hätten für das Vaterland ihr Blut verspritzt , theils auf dem Felde der Ehre , theils unter dem Messer der Guillotine , so daß ihm nur einige sehr entfernte Verwandte , die kaum auf diese Benennung Anspruch machen könnten , in Italien geblieben wären , die ihr schlechter Charakter von seinem Herzen geschieden haben würde , auch wenn sie ihm näher ständen . Meine Bitten vermochten den lebensmüden , gebeugten Greis dennoch , diesen ein bedeutendes Legat auszusetzen , und nun glaubte ich mit ruhigem Gewissen in liebevoller Dankbarkeit die Beweise seiner Großmuth für mich und Adolph annehmen zu können . Die Ahnung der Nähe seines Todes hatte meinen edeln Beschützer nicht getäuscht . Wenige Monate nach unserer Verbindung entschlummerte er in meinen Armen sanft zur ewigen Ruhe , und wie einen zweiten Vater beweinte ich ihn kindlich mit heißen Thränen . Mein großmüthiger Freund hatte vor seinem Tode alle seine Geschäfte so geordnet , daß ich mit Hülfe eines erfahrnen Buchhalters sie noch eine Zeitlang fortführen , und mich dann nach und nach zurückziehen konnte . Ich folgte mit Gewissenhaftigkeit allen Vorschriften , die er hinterlassen hatte , und fand mich dadurch nach zwei Jahren im Besitze eines Vermögens , über dessen Größe ich selbst erstaunte . Nachdem ich den Schmerz über den Verlust meines edeln Freundes überwunden hatte , wendete sich alle leidenschaftliche Liebe , deren mein Herz noch fähig war , unserm Adolph zu . Du kannst wohl denken , daß sich manche Bewerber der jungen , reichen Wittwe nahten , aber sei es , daß meine Liebe zu Adolph jede andere Neigung unmöglich machte , oder daß mein Herz nach so vielen harten Schlägen des Schicksals überhaupt nicht mehr fähig war , gerührt zu werden , genug , die Jugend verschwand , ohne daß ich mich auch nur ein Mal versucht gefühlt hätte , meine Freiheit aufzuopfern , und Adolph ist meine einzige Leidenschaft geblieben . Es ist natürlich , daß dieser Bericht nicht hatte ohne Unterbrechung gegeben werden können . Viele zärtliche und schmerzliche Erinnerungen machten , daß die Freundinnen sich oft weinend umarmten , und daß sie erst wieder Zeit bedurften , um sich zu erholen , ehe sie eine Unterhaltung fortsetzen konnten , deren Inhalt für Beide so wichtig war . Ich hätte wohl gewünscht , schloß endlich , ihre Thränen trocknend , Adele , daß ich Adolph , der mich allein an das Leben fesselte , von der Gefahr einer kriegerischen Laufbahn hätte zurückhalten können , aber es machten dieß theils die jetzigen Einrichtungen unseres Vaterlandes , theils das Blut der Evremonts , das in seinen Adern fließt , unmöglich , denn er hatte kaum das erforderliche Alter erreicht , als er sich in die Reihen der Krieger drängte , und ich hielt es unter solchen Umständen für das Beste , Alles , was ich vermochte , anzuwenden , um ihn zu empfehlen , damit er so bald als möglich zum Offizier befördert würde . Dieß geschah auch trotz seiner großen