sie ihn mit unverkennbarem Widerwillen von sich und stand auf . Leuthold ließ sie schweigend gewähren . Es war das erste Mal , daß sie ihm gestattete , über Möller zu sprechen und er hatte auch den Moment genützt und ihr das sicherste Gift eingeflößt , das es gegen die Liebe gibt , er konnte es nun ruhig nachwirken lassen . Ernestine ging im Zimmer auf und nieder — ihr Schritt , ihre Haltung war königlich — ihre Gestalt schien plötzlich um einige Zoll gewachsen . Der Oheim konnte Recht haben , sie haßte ihn dafür — aber dennoch hatte er Recht . Was mußte der Mann , was seine Mutter von ihr denken , daß sie sich ihm so nachgeworfen ? Deshalb die demütigende Behandlung seitens der Mutter — deshalb der kühle bedingungsweise Antrag des Sohnes ! Sie wiederholte sich jedes von Johannes ’ Worten , es waren meist ernste Ermahnungen oder scharfer Tadel gewesen . Auch wo er gut und liebevoll sprach , hatte er doch nur wie ein Vater oder Richter vor ihr gestanden . Nie , — nicht in dem Augenblick , da er ihre Hand begehrte , hatte er die stolze , gemessene Haltung abgelegt , die ihm eigen war . Ja , selbst als er um sie weinte , war es mehr der Schmerz eines edlen Menschen um eine verlorene Seele gewesen als der des Liebenden um die Geliebte . — Und sie ? Sie erinnerte sich an jedes herzliche Wort , jeden freundlichen Blick , den sie Johannes gewährt und Alles war ihr nun zuviel , erschien ihr im Gegensatz zu ihrer sonstigen starren Haltung als eine Unanständigkeit , die Johannes als eine Herausforderung deuten konnte und mußte . Ja — vielleicht verachtete er sie deshalb und sie hatte die Aufdringlichkeit so weit getrieben , ihm noch einmal zu schreiben ! Selbst das armselige Verdienst , sich ihm doch nicht um jeden Preis und unter jeder Bedingung zur Frau gegeben zu haben , war dadurch wieder vernichtet . Er mußte darin einen neuen Versuch der Annäherung erblicken , und er wies diesen Versuch stillschweigend zurück . Aus der Welt hätte sie verschwinden mögen vor ihm — jeder Gedanke an ihn trieb ihr die Schamröte in das Antlitz . Nur fort , fort über das Meer , war plötzlich ihr einziger Wunsch . Sie blieb stehen , als sie an dem Kamine vorüberging und winkte Leuthold : „ Verbrenne das Buch ! “ Das waren die ersten Worte , die über ihre Lippen kamen . Schnell wie der Hauch von ihrem Munde glitt Leuthold dahin , um es zu holen und in wenigen Minuten hatte er es angezündet . Ernestine stand dabei und sah zu , wie die Flamme um den Einband züngelte , wie dieser sich bog und aufrollte in der Glut . Jetzt war er verzehrt und leise knisternd mit unsichtbaren Fingern blätterte der Zugwind in dem brennenden Buche und wo er eine neue Seite aufschlug , da verschlang die Flamme , ein gieriger Leser , den Inhalt . Ermstine verwandte kein Auge von dem traurigen Schauspiel . Sie sah die einzelnen Namen , die ihr so lieb geworden , rot aufleuchten und verschwinden . Die Schneekönigin , die kalte , eisglänzende , die Seejungfrau in ihrem feuchten Element — sie mußten alle vergehen in der Glut ! Jetzt verkohlte knisternd das Eichenlaub , das sie einst von dem teuern Baume gerissen . Endlich fiel das ganze Buch auseinander , von allen Seiten flackerte es auf . Die losen Blätter wirbelten in den wehenden Flammen auf und nieder . Da — da — noch ein Name , deutlich , unverkennbar — der Schwan ! Das Papier flog empor , fiel herab und der Schwan war verbrannt , der schöne Schwan . Er sollte nie mehr sein Gefieder vor ihr entfalten — er hob sich nicht , ein zweiter Phönix , mehr aus den Flammen . Das Feuer erlosch . Die kleine zauberische Welt lag in Asche und einzelne Fünkchen krochen traurig dazwischen umher , als suchten sie die Leichen der verwandten erstorbenen Lichtgestalten . Ernestine trat hinweg . Ihr war es , als habe das Feuer die Fittiche ihrer Seele mit versengt ; sie stand gebeugten Hauptes wie der Gott mit der ausgelöschten Fackel — und weinte ! Leuthold ließ sie gewähren , er fühlte , daß er sie jetzt schonen müsse . Da wurde die Tür geöffnet und Frau Willmers trat ängstlich ein : „ Herr Professor Möllner ! “ Leuthold fuhr auf , wie von einem Pfeile getroffen . Ernestine mußte sich am Kaminsims halten , um nicht zusammenzubrechen . „ Wie können Sie mir jetzt Jemanden melden , wie können Sie — ! “ knirschte er außer sich vor Schreck und Wut . „ Tun Sie mir , was Sie wollen , Herr Doktor , ich konnte nicht anders : Der Herr erklärte ganz einfach , nicht von der Stelle zu gehen , bis ich ihn angemeldet . “ „ Sagen Sie dem Herrn , daß wir keinen Besuch empfangen ! “ Frau Willmers blickte zögernd nach Ernestinen . Diese stand leichenblaß und unbeweglich wie zuvor . „ Nun , worauf warten Sie ? “ fragte Leuthold und in seiner Miene lag eine gefährliche Drohung . , ,Ich gehe ja schon , ich gehe , “ erwiderte die Frau und eilte hinweg . Emestine tat einen Schritt vorwärts , als wolle sie ihr nach . Aber sie bezwang sich . Ein Sturm erhob sich in ihrem Innern , der ihr fast die Besinnung raubte . Er war doch gekommen , er hatte sie nicht ganz aufgegeben ! Das starre Herz wollte ihr brechen , daß sie ihn fortschicken ließ . — Aber nein , sie klagte sich selbst der Schwäche an , hatte er doch so lange gezögert , bis er kam , und wer weiß , ob er nicht eben nur kam , weil er sich für verpflichtet hielt , ihrem Rufe zu folgen — sie wollte ,