mir hassenswert in meinen eigenen Augen . Und doch konnte ich nicht umkehren – nicht einen einzigen Schritt zurückthun . Gott mußte mich so geführt haben ! Leidenschaftlicher Kummer hatte meinen eigenen Willen vernichtet und mein Gewissen zum Schweigen gebracht . Ich vergoß wilde , heiße Thränen , als ich auf meinem einsamen Wege dahinschritt . Ich ging schnell , schnell wie ein Fieberkranker . Eine Schwäche , die von innen herauskam und sich meiner Glieder bemächtigte , befiel mich und warf mich zu Boden . Dort lag ich einige Minuten und drückte mein Gesicht in das nasse Gras . Ich hegte die Furcht – oder vielmehr die Hoffnung , daß ich hier liegen bleiben und sterben würde . Aber bald war ich wieder auf und kroch auf Händen und Füßen vorwärts . Endlich stand ich wieder auf den Füßen – fest entschlossen und begierig , die Landstraße schließlich zu erreichen . Als ich sie erreicht , war ich gezwungen mich zu setzen und unter einer Hecke auszuruhen . Wie ich so dasaß , vernahm ich das Geräusch von Rädern und sah einen Wagen des Weges kommen . Ich stand auf und winkte mit der Hand . Der Wagen hielt an . Ich fragte , wohin er führe . Der Kutscher nannte einen weit entfernten Ort , von dem ich bestimmt wußte , daß Mr. Rochester dort keine Verbindungen habe . Ich fragte , für welche Summe er mich nach dort mitnehmen würde ; er antwortete : für dreißig Schillinge ; ich entgegnete ihm , daß ich nur zwanzig besäße . Nun , er wolle sehen , ob er es nicht auch dafür thun könne . Dann erlaubte er mir noch , mich in das Innere des Wagens zu setzen , da er leer war . Ich stieg ein . Die Thür wurde zugeschlagen und – dann rollte ich fort . Mein lieber Leser , mögest du niemals empfinden , was ich damals empfand . Mögen deine Augen niemals so stürmische , sengende , blutige Thränen vergießen , wie sie damals meinen Augen entquollen . Mögest du niemals den Himmel anflehen in Gebeten , die so hoffnungslos und so todesbetrübt , wie sie in jener Stunde von meinen Lippen kamen . Denn mögest du niemals , wie ich es that , fürchten , das Werkzeug zu werden , welches dem Menschen Böses zufügt , den du am meisten auf dieser Erde liebst ! Achtes Kapitel . Zwei Tage sind vorüber . Es ist ein Sommerabend . Der Kutscher hat mich an einem Orte abgesetzt , der Whitcroß heißt . Für die Summe , die ich ihm gezahlt , konnte er mich nicht weiter mitnehmen , und auf der ganzen Welt besaß ich nicht einen einzigen Schilling mehr . Um diese Zeit ist der Wagen schon eine ganze Meile weit fort . Ich bin allein . Und jetzt entdecke ich , daß ich vergessen habe , mein Packet aus der Wagentasche zu nehmen , wohin ich es der größeren Sicherheit wegen gesteckt hatte . Dort bleibt es , dort muß es bleiben – und ich bin von allen Mitteln entblößt . Whitcroß ist keine Stadt , nicht einmal ein Marktflecken ; es ist nur ein steinerner Pfeiler , welcher dort aufgerichtet ist , wo vier Wege sich kreuzen ; weiß angestrichen , damit er in der Ferne und in der Dunkelheit sichtbarer und in die Augen fallender ist , – wie ich vermute . Vier Arme gehen von seiner oberen Spitze aus ; die nächstgelegene Stadt , zu welcher diese zeigen , ist der Inschrift nach noch zehn Meilen von hier entfernt ; die am weitesten entfernte mehr als zwanzig . Durch die wohlbekannten Namen dieser Städte erfahre ich , in welcher Grafschaft ich ausgestiegen bin . Eine nördliche Binnenland-Grafschaft , mit düsterem Moorland , von Bergen eingerahmt : dies sehe ich . Hinter mir und zu beiden Seiten von mir sind große Torfmoore ; hinter jenem tiefen Thal zu meinen Füßen ziehen sich hohe Ketten von Bergen hin . Die Bevölkerung hier muß nur spärlich sein und ich sehe weder Fußgänger noch Reiter auf diesen Straßen ; sie strecken sich nach Norden , Osten , Süden und Westen hin – hell , breit , einsam ; sie alle sind über das Moor gelegt und das Haidekraut wächst wild und üppig bis an den Grabenrand . Und doch könnte zufällig ein Fußgänger vorüberkommen ; ich aber wünsche keinem fremden Auge zu begegnen ; man würde verwundert fragen , was ich hier thue , an den Wegweiser gelehnt , augenscheinlich ohne Ziel – verloren ! Man könnte mich fragen und ich vermöchte nichts anderes zu antworten als was unglaublich klingt – und dann würde ich Argwohn erwecken . Kein einziges Band verknüpft mich in diesem Augenblick mit der menschlichen Gesellschaft – kein Reiz , keine Hoffnung ruft mich dorthin , wo meine Mitmenschen sind – niemand , der mich hier sähe , würde einen freundlichen Gedanken oder einen guten Wunsch für mich haben . Ich habe keinen Angehörigen außer unser aller Mutter , die Natur ! Ich will mich an ihre Brust werfen und um Ruhe flehen ! Ich schritt direkt auf die Haide hinauf ; ich hielt mich in einem kleinen Durchgang , welcher die braune Moorerde tief durchfurchte . Ich watete knietief in der dunklen Vegetation , ich folgte all seinen Biegungen und als ich einen moosbewachsenen Granitfelsen in einem verborgenen Winkel fand , setzte ich mich . Hohe Moordämme umgaben mich ; die Klippe beschützte mein Haupt . Und über all diesem war der Himmel . Es verging einige Zeit , bevor ich mich selbst hier sicher fühlte . Ich hatte eine unbestimmte Furcht , daß wilde Viehherden in der Nähe sein könnten , oder daß ein Jäger oder ein Wilddieb mich entdecken könne . Wenn ein Windstoß über die Fläche fortfegte , so blickte ich erschreckt empor und meinte , es könne der ungestüme Anlauf eines Stiers sein ; wenn ein Regenvogel pfiff , so glaubte ich ,