und Weite der Haken und riet , in welchem Jahr und auf welchem Berg der Bock geschossen wäre . Fast immer traf er das Richtige . Oder er schickte Moser aus der Stube und öffnete , im Lehnstuhl ruhend den eisernen Schrank . Eine Lade um die andere zog er auf , legte die Samttabletten vor sich aus und ließ die tastenden Finger über die Steine gleiten . Bevor er den Schrank nicht geschlossen und den Schlüssel abgezogen hatte , durfte Moser die Stube nicht betreten . So saß er wieder einmal vor dem offenen Schrank und zählte die Steine . Da hörte er das Geläut der Kirchenglocken , und die Klänge schienen ihn unbehaglich zu berühren . » Moser ! « Der alte Büchsenspanner erschien . » Bleib bei der Tür stehen ! Ich will nur fragen - wem wird denn da geläutet ? « » A Kindl tragen s ' aussi . « » Wem hat das Kind gehört ? « » Dem Bruckner-Lenzi . Jetzt hat der arm Teufel schon ' s zweite verloren . An der Halsbräune . Jaaa , ich sag ' s allweil : der Hals und d ' Augen , dös sind zwei heiklige Sachen . Der Hals bei die Kinder und d ' Augen bei uns alte Leut ! « » Rindvieh ! « brummte Graf Egge und griff an seine Binde . » Der Bruckner-Lenzi ? Von dem du immer sagtest , daß er gegangen wäre ? « » Ja , Herr Graf ! Ich hab mich auch net täuscht seinerzeit . Aber jetzt , mein ' ich , is er sauber . Jetzt geht er nimmer . « » So ? - Setz ' dich wieder hinaus und mach ' die Tür zu ! Fest , daß ich es höre ! - Mich geniert die Zugluft . « Graf Egge tastete an den Steinen umher und begann zu zählen . Nach einer Weile verstummte das Geläut . An diesem Abend wurde in der Schifferschwemme des Seehofes wieder ein » Gsturitrunk « gehalten . Und wieder blieb , während die Gäste laut durcheinander schwatzten , der Bruckner-Lenzi stumm und mit gläsernen Augen hinter der Flasche sitzen . Mali mahnte ihn nicht mehr an den Heimweg . Als zum Ave-Maria geläutet wurde , erhob sie sich wortlos und ging . Schon wollte sie den stillen Hof des Bruders betreten , als über den Zaun die Stimme der Nachbarin klang : » Mali ? Bist du ' s ? « » Ja , Nachbarin ! « » Geh , komm a bißl eini ! ' s Netterl verlangt soviel nach dir . « Kein Wunder , daß Mali erschrak . » Um Gotts willen ! ' s Kindl wird doch frisch sein ? « » Aber freilich ! Schaut aus wie ' s Leben ! Aber allweil verlangt ' s nach dir . « Mali empfand die Anhänglichkeit des Kindes wie einen warmen Trost . Dennoch zögerte sie mit der Antwort . » Ich trau mich net recht , ich könnt vom Halsgift was im Gwand haben . « » Ich gib dir von mir an Rock und an Janker . « Diesen Vorschlag nahm Mali an . Und dann saß sie in der Kammer bei dem Kinde , das mit seinen glänzenden Augen aussah , als hätte ihm die Verbannung aus dem Vaterhause so wohl getan wie einem Stadtkind die Sommerfrische . Es ging auf die neunte Abendstunde , als Mali das Kind in Schlaf gesungen hatte und von der Nachbarin Abschied nahm . Immer wieder drückte sie die Hände des Weibleins . » Tausendmal Vergelts Gott ! Meiner Seel , Nachberin , was dem guten Kind z ' lieb tan hast , vergiß ich dir meiner Lebtag net ! « » Geh , was redst denn ! Mach lieber , daß d ' heimkommst ! Den Schlaf kannst brauchen ! « » Ja , Nachberin , heut brauch ich d ' Ruh . Aber morgen in aller Fruh wird ' s Haus aufgwaschen , Türen und Fenster aufgrissen und alles ausgräuchert . Ehnder trag ich ' s Kindl net heim . Und unser Herrgott wird mithelfen . Es muß doch wieder amal Tag werden bei uns ! « Als Mali den Hof des Bruders betrat , sah sie Lichtschein an den Stubenfenstern . » Gott sei Dank , er is schon daheim ! Da kann er doch kein Rausch net haben . « Sie bekreuzte sich aus Freude über das gute Anzeichen . Doch als sie die Stubentür öffnete , erschrak sie , daß ihr das Blut wie zu Eis wurde . Der Bauer stand am Tisch , hatte den Hut auf dem Kopf , einen Bergsack hinter den Schultern und wischte mit einem schmutzigen Lappen den Rost von einer alten Büchse . » Lenzi ! « Er wandte das verwüstete Gesicht . » Der Schnaps will nimmer helfen . Probier ich halt ' s ander wieder . « » Lenzi ! Um Gotts willen ! « Eine namenlose Angst schrie aus dem erstickten Wort . Er zuckte die Achseln . » Ich muß für d ' Leichenkosten sorgen . Der Doktor tät warten . Der Pfarr pressiert . « Er schleuderte den Lappen in einen Winkel . Wie eine Verzweifelte stürzte Mali auf ihn zu und umklammerte seinen Arm . » Lenzi ! Hat dich denn unser Herrgott ganz verlassen ? « » Ah na ! Er hat sich bsonders um mich kümmert . Fleißig treibt er ' s Engelmachen . Respekt ! « Heiser lachend schüttelte Bruckner die Schwester von sich ab . Sie versuchte ihm das Gewehr zu entreißen . Bruckner lachte . » Tu dich net sorgen ! Ich geh dem deinigen net ins Gäu . Ich such mein ' alten Spezi wieder auf . Der laßt mit ihm reden , hat er gsagt . « Er stieß die Schwester von sich und riß die Tür auf . Ein rauschender Luftstrom fuhr in die Stube und löschte