Jubel , daß ihm solches zu sehen vergönnt gewesen , erfüllte ihn auch kleinmütiges Verzagen an der eigenen Begabung . Aber dann kam ihm der Trost : » An Talent mag er mich hundertfach übertreffen , an Begeisterung nicht . Wenn auch kein großer Künstler aus mir wird , so doch gewiß ein ehrlicher . « Und dieser Gedanke beruhigte ihn so , daß er im Morgengrauen endlich den Schlaf fand . Am Nachmittag holte ihn Nadler zu Dawison ab ; er wohnte in einem Hotel dicht neben dem Senders . Der Direktor hatte ihn wohl vorbereitet ; der Künstler wußte , daß er einem Todgeweihten die letzte große Freude seines Lebens bereiten konnte , und empfing ihn darum mit größter Herzlichkeit . » Unsere Schicksale sind einander so ähnlich « , sagte er . » Kampf mit der Armut und dem Vorurteil ! Freilich habe ich das Polnische in einer Schule erlernen können , aber mein Sequestrator , für den ich Akten rein schrieb , wird nicht viel anders gewesen sein , als Ihr Winkelschreiber . Und das Deutsche habe ich auch als Schreiber in der Redaktion der , Gazeta ' aus eigener Kraft erlernen müssen . Und es ist doch gegangen ! Ich hoffe , das wird Ihnen trostreich sein , lieber Kollege . « Sender vermochte nichts zu erwidern , er sah nur immer in das scharfgeschnittene , bewegliche Antlitz . Er , Sender , der Pojaz , war bei Bogumil Dawison und der nannte ihn seinen Kollegen . Es dünkte ihm wie ein Traum . Dawison sprach dann von seiner Lemberger Zeit , wie er durch Laubes Fürsprache ans Burgtheater gekommen und schließlich auch durch diesen verdrängt worden . » Aber das kann Sie nicht irre machen « , fuhr er dann hastig fort . » Natürlich hat das Künstlerleben auch seine Schattenseiten . Und dennoch : wer dazu berufen und auserwählt ist , sollte mit keinem König tauschen wollen ! « Sender nickte , seine Augen glänzten , Worte fand er nicht , kaum daß er zum Schluß seinen Dank stammeln konnte . Auch von Nadler nahm er zur selben Stunde Abschied . » Ich weiß « , sagte er . » Sie würden mir noch für einige Vorstellungen den Besuch erlauben , aber mir ist ' s , als hätte ich in die Sonne gesehen ; darauf kann man lange nichts anderes unterscheiden . Auch muß ich mich ja nun recht schonen , um im nächsten Frühling zur Stelle zu sein . Kann ich vielleicht - aber Sie dürfen nicht böse sein - erst Ende April kommen , weil dann schon das Wetter verläßlicher ist ? « Nadler nickte nur , sprechen konnte er nicht . Erst am zweitnächsten Morgen reisten die beiden ab . Können hatte auf dieser Rast nach den Aufregungen bestanden . Gleichwohl faßte ihn auf der Rückreise oft die Angst , daß sein Pflegling am Wege sterben werde . Aber es ging doch , und noch mehr : ahnungslos , wie er abgereist , kam Sender wieder . » Ich bin schwach « , sagte er dem Arzt , » das ist doch nach einer solchen Reise nur natürlich ! « Darum blieb er auch am nächsten Morgen geduldig im Bette . Er war schmerzloser , als seit lange , und griff nach den Büchern , die ihm Salmenfeld geliehen . Und da traf er auf das Zitat : » Jung stirbt , wen die Götter lieben . « Kurz darauf kam Pater Marian zu ihm . Sender erzählte von den Freuden , die ihm die Reise nach Lemberg gebracht , dann sagte er : » Sie haben mich so oft belehrt , tun Sie es auch heute ! Diesen Satz hier kann ich nicht verstehen . « Er deutete auf die Stelle . » Er hat einen guten Sinn « , sagte der Pater mit zitternder Stimme . Und er sprach von den Enttäuschungen , der Gebrechlichkeit des Alters . » Wer jung stirbt , hat das Höchste doch schon genossen , was das Leben bietet , das Streben nach hohen Zielen . « Sender nickte . » Gewiß ! Wenn man mir sagen würde : Streiche das Streben aus deinem Leben , und du wirst hundert Jahre alt , ich würde antworten : Dann will ich lieber heute sterben . Mein Leben war ja bisher so schön , so schön ! Sogar meine Liebe danke ich meinem Streben . Sie hat mir viel Schmerz gebracht , denken Sie vielleicht . O diese Nacht , wo ich geglaubt habe , daß sie mich liebt , wiegt alles auf ... Und meine Kunst - nun beginnt ja erst mein Leben . Gott läßt mich genesen , ich kann heute so leicht atmen , wie seit lange , sehr lange nicht . « Pater Marian ahnte , was das bedeutete , und der Arzt , der eintrat , bestätigte seine Vermutung . Nach einer Stunde waren alle , die ihn liebten , in der Stube versammelt . Sie mühten sich , ihr Schluchzen zurückzuhalten , aber er hörte sie nicht mehr . Das Bewußtsein war geschwunden , er phantasierte . Aus den leisen Worten , die zuweilen von seinen Lippen fielen , konnten sie entnehmen , daß ihn heitere Bilder umgaukelten . » O , er ist ein großer Künstler ... Ich danke Ihnen , Herr Dawison ... Danke ... Danke ... « Dann spielte er selbst den Shylock . » Wenn Ihr uns stecht , bluten wir nicht ? Wenn Ihr ... « Er suchte das Haupt aus den Kissen zu heben , seinen Mund umspielte ein seliges Lächeln . Nun verneigte er sich wohl vor dem Publikum ... Nur einmal noch öffnete er die Augen , und diesmal schien es Jütte , die seinem Bette zunächst stand , als glimme ein Strahl des Bewußtseins in ihnen . Aber das Lächeln schwand deshalb nicht von seinen Lippen . » Mein Leben « , hauchte er . » So schön ...