dennoch von der dumpfen , erdrückenden Angst , die auf ihm gelegen hatte , und er konnte wieder etwas Anderes denken , als die Worte Sünde und Schande , obschon seine Gedanken aus derselben Wurzel stammten . Er sagte sich , daß jetzt Alles anders sei , anders werden müsse . Es kam ihm vor , als sei der gestrige Tag schon lange , lange vergangen , so lange vergangen , wie die Zeit , in der er als kleines Kind mit der Mutter vor dem Schlosse gestanden hatte ; denn gestern war er ja auch noch ein Kind gewesen , und jetzt war er das nicht mehr . O , nein , nicht mehr ! Er seufzte , als er sich dies sagte , und hätte doch nicht zu erklären vermocht , was in ihm vorgegangen sei . Er wußte nicht , daß er kein Kind mehr sei , weil das Leben ihn also zu seufzen gelehrt , weil der Schleier plötzlich vor ihm zerrissen worden war , der die Kindheit von dem Leben abtrennt , und weil an dessen Schwelle die kalte Unerbittlichkeit der Welt mit ihren Gefährten , dem Kummer und dem Schmerze , vor ihm gestanden hatten . Er konnte nicht schlafen . Wirre Vorstellungen trieben sich in seinem Kopfe umher , daß der Kopf ihn schmerzte und die Unruhe ihn nicht rasten ließ . Die Finsterniß , welche er erst gesucht hatte , fing ihn zu ängstigen an , aber das frühe Tageslicht minderte den Zustand nicht , bis er endlich , als die Sonne schon drüben an den Dachfenstern des Nachbarhauses golden wieder zu scheinen anfing , müde und frierend einschlief . Gegen die Gewohnheit mußte man ihn mehrmals wecken . Die Magd , welcher dies oblag und die ihm sein Frühstück gab , sagte ihm , er möge , ehe er zur Schule gehe , noch bei Mamsell Seba vorsprechen . Er hörte es , aber heute mochte er nicht zu Seba gehen . Sie wußte es ja auch ! Auf der Straße traf er wie immer mit einigen von seinen Kameraden zusammen ; das war ihm unlieb . Er achtete nicht auf ihre Unterhaltungen , er konnte auch in der Schule sich nicht zwingen , dem Unterrichte zu folgen . Man kannte ihn nicht wieder . Lehrer und Schüler fragten ihn , ob er krank und weßhalb er so traurig sei . Er versicherte , daß ihm nichts fehle . Er wollte auch gern lachen und munter sein wie sonst ; aber es wollte ihm nicht gelingen . Es freute ihn nichts . Was sollte er auch hören , was sollte er sehen , was kümmerte ihn denn auf der Welt , als die eine verzweiflungsvolle Frage : wissen sie es denn , wer weiß es denn ? - Es wurde ihm ärger und ärger zu Sinne , es zerriß ihm fast das Herz , denn er hatte es mit einem Male an sich selbst erfahren , was Unglück sei und wie es schmerze . Aber während der arme Paul also die erste schwere Last des Lebens auf sich wuchten fühlte - und jungen , ungewohnten Schultern fällt sie zehnfach schwerer , als wir es ermessen - rühmte sich die Kriegsräthin gegen ihren Mann , daß sie es vorgezogen habe , sicher zu gehen , weil sie es nicht liebe , sich in wichtigen Angelegenheiten auf fremde Einsicht und Gewandtheit zu verlassen . Da sie zufällig Paul gestern noch am Fenster gefunden , habe sie ihm lieber gleich gesagt , was er früher oder später doch erfahren müssen , und sie habe es ihm kurz und rund heraus gesagt , denn das Vertuschen und Verweichlichen könne sie nicht leiden ; der Mensch müsse bei Zeiten daran gewöhnt werden , die nackte Wahrheit zu ertragen . Und wie hat Paul die Mittheilungen aufgenommen ? fragte der Kriegsrath mit sichtlicher Besorgniß . Wie soll er sie aufgenommen haben , entgegnete die Frau , Du kennst ihn ja ! Er machte die großen Augen noch weit größer auf und starrte mich an , wie das seine Art ist , hinter der Du und die Flies ' sche Familie Gott weiß welche Eigenschaften verborgen glaubt , und die mir von jeher einfältig und frech erschienen ist . Den Schlaf hat es ihm nicht geraubt , denn man hat ihn kaum erwecken können . Der Kriegsrath gab sich damit wie jetzt überhaupt mit allem Uebrigen zufrieden ; aber er ging dennoch zu Madame Flies , ehe er sich in sein Bureau verfügte , um sie zu benachrichtigen , daß seine Frau mit Paul gesprochen habe und daß Seba es also nicht zu thun brauche , wenn der Knabe dies nicht selbst veranlasse . Denn , sagte er , meine Frau glaubt das zwar nicht , aber ich weiß , der Junge hat Ehrgefühl und Herz , es wird ihn wurmen und er wird ' s nicht leicht verwinden . Fünftes Capitel Wie befindest Du Dich heute ? fragte der Freiherr seine Gattin , als sie sich an dem Tage von der Tafel erhoben hatten . Sie antwortete ihm , daß es ihr nicht übel gehe . Aber Mama , sagte Renatus , Du hast ja Blut gespieen ! Der Freiherr ward achtsam , denn das war nie zuvor geschehen , und er erkundigte sich lebhaft , ob der Arzt davon benachrichtigt worden sei . Angelika beruhigte ihn darüber . Sie sagte , wie der Doctor ihr versichert , daß dies gar Nichts auf sich habe , wenn sie sich nur vor heftigen Gemüthsbewegungen und vor Erhitzung hüte . Nur so bald als möglich auf das Land zurückzukehren , habe er ihr gerathen , und sie selber trage auch danach Verlangen , denn sie habe sich in den Städten niemals wohl befunden . Der Freiherr meinte , sie sähe eben jetzt erhitzt aus , indeß sie wiederholte , daß sie sich erleichtert , ja freier fühle als seit langer Zeit , und nachdem er eine Weile etwas zu