mit Bruno langsam zu folgen . Helene erklärte , daß sie bei Bruno bleiben würde ; der alte Baron , der bei dem ganzen Vorfall eine große , wenn auch thatlose Theilnahme an den Tag gelegt hatte , schlug vor , die Gesellschaft sollte sich in einen Vortrab und einen Nachtrab theilen , er selbst wolle bei dem letzteren bleiben . Du wirst Dir den Schnupfen holen , lieber Grenwitz , sagte die Baronin ; ich dächte , Du kämest mit uns . Nein , ich werde bei den Anderen bleiben , sagte der alte Baron mit einer Bestimmtheit , die Alle überraschte . Er gab seiner Tochter den Arm , blieb aber in der Nähe Oswald ' s und Bruno ' s , eine harmlose Unterhaltung , wie er sie liebte , mit ihnen führend und sich von Zeit zu Zeit nach des Patienten Befinden erkundigend . Ich befinde mich wohl , ganz wohl , versicherte dieser ein Mal über das andere ; doch fühlte Oswald , daß er sich fest auf seinen Arm stützte und daß seine Hände kalt waren . Sie kamen , lange nach den Anderen auf dem Schlosse an . Der alte Baron wünschte gute Besserung , als Oswald sich sofort mit Bruno auf dessen Zimmer begab , wo er den Knaben sich sogleich zu Bett legen ließ . Du bist kränker , Bruno , als Du zugeben willst , sagte er , sich zu ihm auf ' s Bett setzend , nicht wahr , Du hast Deine alten Schmerzen ? Ja , sagte Bruno , dessen Zähne zusammenschlugen und auf dessen Stirn der kalte Schweiß stand . Oswald beeilte sich , die alten Hausmittel , wie jenes erste Mal , herbeizuschaffen ; und es gelang seinen Bemühungen auch jetzt , das Uebel zu heben , wenigstens die Schmerzen in kurzer Zeit zu lindern . Wirst Du auch mir nicht sagen , Bruno , was Dich so bewegt hat ? fragte Oswald da . Doch ! sagte der Knabe , ich wollte es nur nicht in der Anderen Gegenwart , weil ich ihr albernes Gelächter schon im voraus hörte . - Ich war etwas hinter den Anderen zurückgeblieben und durch einen Vorsprung des Ufers von ihnen getrennt . Ich dachte immer , Ihr würdet nachkommen und deshalb ging ich so langsam und blickte oft nach oben . Da sah ich plötzlich Helene ganz nahe an den Rand des Ufers treten , das an dieser Stelle wohl hundert Fuß und darüber lothrecht hinabfällt . Ich schrie laut auf in entsetzlicher Angst , da trat sie noch näher - bog sich sogar herüber - und da wurde es mir schwarz vor den Augen - nun und das Uebrige weißt Du ja . Aber ich höre Malte kommen . Gute Nacht , Oswald . Gute Nacht , Du Wilder ! Oswald küßte seinen Liebling auf die Stirn und ging nachdenklich auf sein Zimmer . Er lehnte sich in das offene Fenster und schaute lange , in Sinnen und Brüten verloren , in den Garten hinab . Die Nacht war finster , nur hier und da schimmerte ein Stern auf Augenblicke durch den Wolkendunst . Manchmal rauschten die Bäume lauter auf , als sprächen sie ängstlich in einem wirren , unruhigen Schlaf ; der Brunnen der Najade plätscherte dazwischen , leise und abgebrochen . Dein Leben gleicht dieser Nacht , sprach Oswald bei sich : hier und da ein Stern , der so bald wieder verschwunden ist , und sonst Alles chaotisches Dunkel . Du hast recht , guter Berger : unser Leben ist ein hohles Nichts , und wer nur überhaupt einen Verstand zu verlieren hat , muß ihn darüber verlieren . Wolltest Du , daß Dir Dein Schüler sobald als möglich nachfolgen könnte , als Du mich hierher schicktest ? Da bist Du nun an demselben Orte , wo Melitta ist und auch Oldenburg . Vielleicht siehst Du sie , wenn sie Arm in Arm an Deiner Zelle vorübergehen ; vielleicht kommt Dir bei der Gelegenheit der Verstand wieder , den andere Leute bei dem Anblick verlieren würden . Ich könnte ja auch eine kleine Reise nach Fichtenau machen , meine guten Freunde zu besuchen ; wer weiß ? vielleicht gefällt mir der Ort so sehr , daß ich gleich da bleibe . Wie geht es Bruno ? tönte eine Stimme aus dem Garten herauf . Es war Helene ' s Stimme . Oswald sah ihr helles Gewand durch das Dunkel heraufschimmern . Ich danke , gut ! antwortete er hinab . Schlafen Sie wohl ! Und das helle Gewand verschwand in den Büschen . Nein , das Leben ist mehr als ein hohles Nichts , murmelte Oswald , indem er das Fenster schloß ; hätte Berger dieses Mädchen gesehen , er hätte wieder an das Leben geglaubt . Und doch ! er hat sie ja gesehen , gesehen und bewundert und besungen , und ist doch wahnsinnig geworden ! Oede Alles und dunkel und gespenstisch und in dem öden gespenstischen Dunkel eine holde , freundliche Stimme , die uns schlafen gehen heißt . Sechsundvierzigstes Capitel Eine Zeit fieberhafter Spannung war für die vor Kurzem noch so stille Gesellschaft auf Schloß Grenwitz hereingebrochen . Bruno ' s plötzlicher Unfall , von dem er sich übrigens schon am nächsten Tage erholte , hätte für den Scharfsichtigeren ein Symptom von dem sein können , was da Alles unter der glatten Hülle geselliger Höflichkeit und peinlich genau beobachteter Formen in der Tiefe gährte und kochte : geheime Liebe und tief versteckter Haß ! Feindschaften unter der Maske trefflichsten Einvernehmens und guter Kameradschaft ! herzliche Sympathieen , die sich unter dem Anschein von Gleichgültigkeit , ja Abneigung verbargen ! Selbst die Physiognomie des äußeren Lebens war verändert . Die tiefe , fast beängstigende Stille , die sonst in dem weiten Raume herrschte , welchen der Schloßwall einschloß , wurde jetzt gar vielfach gestört . Baron Felix mochte es sich nicht versagen , wenigstens einer oder der andern seiner gewohnten Beschäftigungen in