abzugewöhnen . Übermorgen gehe ich nach Paris . « Corona hatte noch immer auf den Knien gelegen ; jetzt stand sie auf und sagte zu Felicitas , indem sie ihr die Tränen von den langen Wimpern trocknete : » So , meine Lili ! jetzt küsse dem Papa die Hand und bitte ihn um Verzeihung , daß wir geweint haben . « Zaghaft gehorchte das Kind , küßte Orests Hand und sagte ängstlich : » Papa , nicht böse auf Lili . « » Geh ' nur , geh ' ! « erwiderte er rauh . Corona nahm die Kleine auf den Arm und verließ schweigend Orest , der mit beiden Händen seinen Kopf ergriff und hielt und bei sich selbst murmelte : » Die Weiber sind ganz darauf eingerichtet , einen ehrlichen Mann um den Verstand zu bringen ! « So wirkt die Leidenschaft : sie entnervt den Menschen und sie macht ihn barbarisch . Orest ging nach Paris , Corona blieb allein ; aber Gott war mit ihr . Sie war wochenlang auf ihre Gemächer beschränkt , so leidend , daß sie sich kaum mit etwas Handarbeit - und gar nicht mit Musik und Lesen beschäftigen durfte ; und daß es ihr nicht einmal möglich war , Sonntags zum Gottesdienst zu fahren . Sie verlor nie die Geduld bei so herben Entbehrungen ; sie klagte nie , daß sie ihr zur Last fielen . In ihrem freundlichen Turmkabinet verbrachte sie meistens ihre Tage . Zuweilen ruhte ihr Blick lange auf der winterlichen Landschaft , die sie aus ihren Fenstern weit und breit übersah . Das weiße Leichentuch des Schnees lag auf Berg und Tal , auf Wald und Flur - so kalt , so schauerlich , so ertötend . O Winter meines Lebens ! seufzte wohl einmal Coronas Menschenherz mit seinen zwanzig Jahren . Und der Frühling kommt doch ! der ewige Frühling ! setzte sie entschlossen hinzu und zog mit himmlischer Energie ihr Herz höher , über seine zwanzig Jahre und seine Erdenwünsche hinauf . Und fiel ihr Auge gar auf Felicitas , so rief sie froh : Mein Gott , wie undankbar ich bin ! hab ' ich nicht im Erdenwinter mein Schneeglöckchen , mein süßes Kind ! O du Seele meines Kindes - in dir besitze ich ja das Paradies ! - - Graf Damian besuchte sie und fand sie so leidend , so übel aussehend , daß er der Baronin Isabelle schrieb und sie bat , nach Stamberg zu kommen . Grenzenlos war Coronas Freude , als sie nicht allein kam ; Onkel Levin begleitete sie . Seit vielen langen Jahren hatte er Windeck nicht verlassen . Aber er dachte : Vielleicht ist sie reif für die Ewigkeit ; vielleicht ruft der gnädige Gott eine Seele , die durch reine edle Schmerzen früh geläutert ist , aus diesem Tal der Tränen . Und sie hat niemand , der ihr in schwerer Stunde mit geistlichem Trost und mit den göttlichen Gnadenmitteln der Kirche zur Seite stehe . Er erbat und erhielt die bischöfliche Erlaubnis , in einem Saal , der an die Wohnzimmer stieß und nicht benutzt wurde , eine Kapelle einrichten und die heiligsten Geheimnisse feiern zu dürfen . » Heute ist meinem Hause Heil widerfahren ! « frohlockte Corona , als Onkel Levin eintraf und diese Nachricht mitbrachte . Ihrem Vater gegenüber war sie immer fröhlich , mitteilend , gesprächig - und ganz ungesucht , ganz einfach . Sie litt nicht , daß er auch nur eine Silbe der Mißbilligung über Orest ' s Benehmen äußere . Von diesem Zwang , der ihm sehr lästig war , erholte er sich bei Levin . » Ich möchte dem Jungen , dem Orest , den Hals umdrehen ! « rief er zuweilen . » Lieber das Herz ! « entgegnete Levin . » Ja freilich - das Herz ! aber hat er ein Herz , wenn er keines hat für diesen Engel von Frau ? sie ist meine Tochter und es ist wider den Anstand , das eigene Kind zu loben ; aber ich kann mir nicht helfen ! Sehe ich ihr liebes , sanftes Gesicht an , so muß ich immer denken : O du lieber Engel ! « - Mit Levin sprach Corona anders , als mit Graf Damian . Sie sagte : » Lieber Onkel , wie gut ist Gott ! wie erbarmt er sich meiner ! Ich war ein kleines , eitles , launenhaftes Mädchen , mit allen Anlagen zur Selbstsucht und zur Selbstgefälligkeit - und dabei verzogen und verwöhnt wie Eine ! Wäre das so fortgegangen , hätten mich die äußeren Verhältnisse immer so weich und warm gewiegt und getragen - wer weiß , ob ich nicht ein recht schlimmes Weltkind geworden wäre . « » Wohl Dir , daß Du es erkennst , geliebtes Kind , « erwiderte Levin . » Irdisches Glück erschlafft und erkältet uns oft gegen unsere himmlische Bestimmung . Das Herz des Menschen ist wie ein Rauchfaß , in welchem allerhand Weihrauchkörner liegen und aus welchem dennoch kein Wohlgeruch aufsteigt - denn der Weihrauch brennt nicht . Da fallen Kohlen auf ihn , entzünden ihn , entwickeln seinen Arom , der sich zu lieblichem Duft und in zartem Gewölk ausbreitet und zum Tabernakel emporsteigt , in welchem unser Gott unter uns wohnt . Die zündende Kohle im Menschenherzen , Kind - das ist der Schmerz . Wer möchte ihn missen , da durch ihn unser kaltes trockenes Herz verwandelt wird in eine Schale , die vor Gott süßen Wohlgeruch aushaucht . « - - Corona war sehr krank . Zwei Ärzte waren im Schloß . Ein Telegramm ging nach Paris und benachrichtigte Orest von ihrer Gefahr . Er war aber nicht in Paris , sondern in Lyon , wo Judith ein Konzert gab . Corona sagte zu den Ärzten : » Ich habe von Fällen gehört , in denen es möglich sein soll , Mutter und Kind am Leben zu erhalten . Es könnte ja