» ich habe dir soeben , als ich kam , auch einen Tort angetan ich habe gefürchtet , daß du vielleicht einen fremden Mann bei dir haben könntest ! « Sie gab mir sogleich eine Ohrfeige , doch , wie es mir schien , mehr aus Vergnügen als aus Zorn und sagte » Du bist ein recht unverschämter Gesell und glaubst wohl , du brauchst deine schändlichen Gedanken nur einzugestehen , um von mir absolviert zu sein ! Freilich sind es nur die beschränkten und vernagelten Leute , welche nie etwas eingestehen wollen ; aber die übrigen machen deswegen damit auch nicht alles gut ! Zur Strafe gehst du mir jetzt gleich zum Tempel hinaus und machst , daß du nach Hause kommst ! Morgen des Nachts darfst du dich wieder zeigen ! « Sie trieb mich unerbittlich aus dem Hause ; denn sie hatte jetzt genugsam gemerkt , daß es mich stark zu ihr hinzog und daß ich eifersüchtig auf sie war . Ich begab mich nun , sooft es anging , des Nachts zu ihr ; sie brachte den Tag meistens allein und einsam zu , während ich entweder weite Streifzüge unternahm , um zu zeichnen , oder in des Schulmeisters Haus , als in einer Schule des Leidens , mich still und gemessen halten mußte . So hatten wir in diesen Nächten vollauf zu plaudern und saßen oft stundenlang am offenen Fenster , wo der Glanz des nächtlichen Himmels über der sommerlichen Welt lag , oder wir machten dasselbe zu , schlossen die Laden und setzten uns an den Tisch und lasen zusammen . Ich hatte ihr im Herbst auf ihr Verlangen nach einem Buche eine deutsche Übersetzung des Rasenden Roland zurückgelassen , welchen ich selbst noch nicht näher kannte ; Judith hatte aber den Winter über oft darin gelesen und pries mir jetzt das Buch als das allerschönste in der Welt an . Judith zweifelte nicht mehr an Annas baldigem Tod und sagte mir dies unverhohlen , obgleich ich es nicht zugeben wollte ; durch diesen Gegenstand und meine Berichte von jenem Krankenlager wurden wir trübselig und düster , jedes auf seine Weise , und wenn wir nun im Ariost lasen , so vergaßen wir alle Trübsal und tauchten uns in eine frische glänzende Welt . Judith hatte das Buch erst ganz volkstümlich als etwas Gedrucktes genommen , wie es war , ohne über seinen Ursprung und seine Bedeutung zu grübeln ; als wir aber jetzt zusammen darin lasen , verlangte sie manches zu wissen , und ich mußte ihr , so gut ich konnte , einen Begriff geben von der Entstehungsweise und der Geltung eines solchen Werkes , von dem Wollen und den bewußten Absichten des Dichters , und ich erzählte , soviel ich wußte , von Ariost . Nun wurde sie erst recht fröhlich , nannte ihn einen klugen und weisen Mann und las die Gesänge mit verdoppelter Lust , da sie wußte , daß diesen so heiteren und so tiefsinnigen Wechselgeschichten eine helle und tiefgefühlte Absicht zugrunde lag , ein Wollen , Schaffen und Gestalten , eine Einsicht und ein Wissen , das ihr in seiner Neuheit wie ein Stern aus dunkler Nacht erglänzte . Wenn die in Schönheit leuchtenden Geschöpfe rastlos an uns vorüberzogen , von Täuschung zu Täuschung , und , leidenschaftlich sich jagend und haschend , immer eins dem andern entschwand und ein drittes hervortrat , oder wenn sie in kurzen Augenblicken bestraft und trauernd ruheten von ihrer Leidenschaft oder vielmehr sich tiefer in dieselbe hineinzuruhen schienen an klaren Gewässern , unter wundervollen Bäumen , so rief Judith » O kluger Mann ! Ja , so geht es zu , so sind die Menschen und ihr Leben , so sind wir selbst , wir Narren ! « Noch mehr glaubte ich selbst der Gegenstand eines poetischen Scherzes zu sein , wenn ich mich neben einem Weibe sah , welches ganz wie jene Fabelwesen auf der Stufe der voll entfalteten Kraft und Schönheit stillzustehen und dazu angetan schien , unablässig die Leidenschaft fahrender Helden zu erregen . An ihrer ganzen Gestalt hatte jeder Zug ein siegreiches festes Gepräge , und die Faltenlagen ihrer einfachen Kleider waren immer so schmuck und stattlich , daß man durch sie hindurch in der Aufregung wohl goldene Spangen oder gar schimmernde Waffenstücke zu ahnen glaubte . Entblößte jedoch das üppige Gedicht seine Frauen von Schmuck und Kleidung und brachte ihre bloßgegebene Schönheit in offene Bedrängnis oder in eine mutwillig verführerische Lage , während ich mich nur durch einen dünnen Faden von der blühendsten Wirklichkeit geschieden sah , so war es mir vollends , als wäre ich ein törichter Fabelheld und das Spielzeug eines ausgelassenen Dichters ; nicht nur das platonische Pflicht- und Treuegefühl gegen das von christlichen Gebeten umgebene Leidensbett eines zarten Wesens , sondern auch die Furcht , schlechtweg durch Annas krankhafte Träume verraten zu werden , legten ein Band um die verlangenden Sinne , während Judith aus Rücksicht für Anna und mich und aus dem Bedürfnisse sich beherrschte , in dem zierlich platonischen Wesen der lugend noch etwas mitzuleben . Unsere Hände bewegten sich manchmal unwillkürlich nach den Schultern oder den Hüften des andern , um sich darumzulegen , tappten aber auf halbem Wege in der Luft und endigten mit einem zaghaften abgebrochenen Wangenstreicheln , so daß wir närrischerweise zwei jungen Katzen glichen , welche mit den Pfötchen nacheinander auslangen , elektrisch zitternd und unschlüssig , ob sie spielen oder sich zerzausen sollen . In solchen Augenblicken rafften wir uns auf ; Judith zog ihre Schuhe an und begleitete mich in die Sommernacht hinaus ; es reizte uns , ungesehen ins Freie zu gelangen und auf nächtliche Abenteuer durch den Wald und über die Höhen zu gehen . Solche romantische Gewohnheiten vergnügten meine Begleiterin um so mehr , als sie ihr neu waren und sie noch nie ohne einen bestimmten und außerordentlichen Zweck nächtlicherweise aus dem Dorfe gegangen war . Sie freuete sich aber dieser Freiheit um ihrer selbst willen und nicht aus Naturschwärmerei