. Sie pflegte mit der mütterlichsten Liebe und Ausdauer den verstümmelten Knaben , der in Lumpen und wärmende Pelzstücke gehüllt , wimmernd hinter dem Ofen lag , und darbte sich die Zeit , welche sie damit an der Arbeit versäumte , vom Schlafe ab , um ja nicht etwa einen Tag später , als es bedungen , die Webe dem Brodherrn abzuliefern . Als Muster in so beispielloser Ergebung und gläubigem Hoffen ging dem treuen Weibe ihr Vater voran . Traugott war ein Siebziger , hatte nie die Fülle irdischen Glücks kennen gelernt , hatte kaum Tage gehabt , in die ein hellerer Sonnenstrahl des göttlichen Segens fiel , und war dennoch nie von zweifelnden Gedanken heimgesucht worden . Er gehörte zu den in unsern Tagen immer seltener werdenden Menschen , die sich mit eiserner Kraft an das Wort klammern , wie es ihnen in frühester Jugend von gutmüthigen und gedankenarmen Lehrern eingeprägt wird . Dies Wort besitzt die wunderbare Kraft für Alle , welche daran glauben , daß es sie über jegliches Fährniß leicht hinweg geleitet und sie mit unerklärbarer Geistesheiterkeit begabt bis an den Rand des Grabes führt . Traugott war noch zur Stunde ein solcher beneidenswerther Greis , der in seiner Armuth lächeln , beten und Gott danken konnte , und der nie eine Secunde lang über das glücklichere Loos Anderer nur den leisesten Reiz zum Neide empfunden hatte . Was hätte er auch die Reichen , die Besitzenden beneiden sollen ? Was er beurfte , das hatte ihm im strengsten Sinne des Worts noch niemals gemangelt . Eine Rinde Brot , ein paar aufspringende Kartoffeln , eine Tasse dünnen Kaffees , mit so Wenigem war sein nicht leckerer Gaumen vollkommen zufrieden gestellt . Und außerdem hatte ihm der gütige Gott ein Kleidungsstück am Tage , ein Lager des Nachts bescheert . Dafür war er dankbar , wenn er bedachte , daß ja auch ihm , wie so vielen Andern , das weit traurigere Loos hätte zufallen können , vor den Hausthüren bettelnd und singend sein Brod suchen zu müssen . Nachdem wir so die Silhouetten der drei Hauptpersonen in dieser Familie entworfen haben , kehren wir zu unserer Erzählung zurück . - Auf Martells Gruß und Einladung zum Frühstück schob Eduard Garnsack und Stock unter die Bank , welche die Holzwand umgab , und setzte sich dem Freunde gegenüber . Paul nahm neben ihm Platz und ließ seine großen glänzenden in Form und Farbe Haideröschen so überaus ähnlichen Augen mit einer gewissen Aengstlichkeit durch das Zimmer laufen . Martell , von der nächtlichen Arbeit ermüdet und sichtlich aufgebracht , schlug sein Messer zu und legte die letzte , schon halb geschälte Kartoffel wieder in die Schüssel . » Verzeih mir ' s Gott , « sagte er zu Lore , seiner Frau , » ist mir ' s doch , als hätte ich Kieselsteine und Schwefel verschluckt . Der Aerger bringt mich um . Wahrlich , lange halte ich solch Leben nicht mehr aus ! « Lore schwieg , nur ein langer Blick aus ihrem weichen , milden Auge traf den zürnenden Gatten . Doch legte auch sie das Messer weg , fragte den Vater , ob er gesättigt sei und trug , da dieser bejahend nickte , den Rest der Mahlzeit in den Vorraum , um sie im Brodschrank für Mittag oder Abend aufzubewahren . » Ich habe von dem Unglücke gehört , das Dich betroffen hat , « sprach Eduard ; » Du bist von Herzen zu beklagen , aber trag ' s mit Geduld , wie ' s einem Christen ziemt . « » Würden wir armen Arbeiter nur erst wie Christen behandelt , an meiner Geduld sollt ' s nicht fehlen . So aber sind wir Hunde , die kurz geschlossen an ihrer Kette liegen , und die nicht ' mal heulen , viel weniger um sich beißen sollen , wenn ihnen verfaulte Knochen als Kost vorgesetzt werden ! Ist das Gerechtigkeit ? frag ' ich . « Martell hatte sich vor Eduard gestellt , und maß jetzt , die nervigen Arme über einandergeschlagen , um die ein zerfetztes , vom Oeldunst der Maschine beschmutztes , Hemd flatterte , bald diesen , bald Paul mit seinen flammenden Blicken . » Ist der Bursche ein Verwandter ? « setzte er gleichgiltig fragend hinzu , den Enkel Slobodas schärfer anblickend . » Von mir und Dir , « versetzte Eduard . » Von uns ? - Seit wann bin ich mit Dir Freundschaft ? « » Er besitzt nichts . « » Ha , ha , ha , ha ! « lachte Martell wild auf und schüttelte sich , daß seine lockigen Haare wie eine schwarze Mähne um die blassen eingefallenen Wangen flogen . » O , Du hast Recht ! Die Freundschaft ist groß , groß wie die Welt , wäre sie nur auch so mächtig , so treu , wie Gold ! Grüß Dich Gott , armer Junge ! « Und Martell drückte seinem Verwandten die Hand , daß sie ihm schmerzte . » Woran liegt es , daß die Armen so unmächtig sind ? « entgegnete Eduard . » An uns selbst , an uns ganz allein ! « Martell sah ihn düster an , dann senkte er den Blick und schüttelte traurig das Haupt . » Nein , o nein , « erwiederte er , » das liegt nicht an uns Armen . Wir vermögen nichts , weil wir nichts haben . Das Geld ist das Mark des Lebens , der Hebel zur That ! Wo dieses fehlt , da gibt es nicht Kraft , nicht Ausdauer , nicht Zusammenhalten ! - O ich weiß es , ich kenne diese entsetzliche Schwäche , an der Millionen hinsiechen und die , Gott mag es wissen , vielleicht in wenigen Jahrzehnten die ganze Menschheit einigen Tausenden zinnsbar macht , die durch Glück und Schlechtigkeit diesen allmächtigen Gott der Welt in ihre Hände gebracht haben . « » Dahin soll es nicht kommen