wie überraschte ich ihn durch anmuthige Geselligkeit ! Die Tonkunst , die er liebte , und die ich deshalb glaubte übersehen zu können - plötzlich beschützte ich sie ; ich sang selbst ein Lied , was ich mit Thränen des Zornes einstudirt hatte , ihm lächelnd vor . Die Beschäftigung , die ich durch diese Vorkehrungen hatte , zerstreute mich ; ich blieb frisch , von jener übellaunigen Schwermuth verschont , mit der Frauen ihre Männer vollends zum Hause hinaus jagen - und jetzt hätten Sie sehen sollen , wie schnell ich meinen Gemahl aufs neue gefesselt hatte , wie liebenswürdig er mich fand , wie ich der andern Neigung Rang abgewann ; und da er einige Male die Procedur wiederholte , ich die Mittel , ihn wieder einzufangen , so entwickelten sich wirklich gute Angewöhnungen in mir . Ich bekam Eigenschaften für mich selbst , die ich anfänglich für kleine Hülfsmittel geachtet hatte . « - » Ach , « sagte Viktorine - » welch ' ein Glück , wenn uns der Stolz nicht gegen uns selbst bewaffnet , wenn er die Kraft wird , mit der Achill den Felsblock aufhob , um die Waffen hervorzuholen , mit denen er unbesiegbar ward . Ich fürchte , wenn ich in solche Lage käme - der Felsblock fiele auf mein Herz , und die Waffen verrosteten . « » Das werden Sie mich nicht überreden , « erwiederte die Marquise - und eben erwachte Louis Maria in seiner Wiege . Viktorine rührte die Glocke , die Wärterin erschien mit der Amme , und beide Frauen wendeten ihre Aufmerksamkeit den kleinen Beobachtungen zu , ob das Kind zugenommen habe , ob lustig zur Nahrung sei ? So wichtig , so süß und beglückend für ein mütterliches Herz ! - Es war der letzte Tag vor der Beisetzung des Marschalls , und die Audienzen der Beileidsbezeigungen waren auch für diesen letzten Tag geschlossen . Von einigen allzu lästigen Stücken ihrer beschwerlichen Trauerkleidung befreit , saßen die Damen des Hauses mit dem Herzoge und der Herzogin von Lesdiguères beisammen , und es waltete über Allen der Zwang , den leere Trauer-Ceremonien so ermüdend ausüben , und denen man sich nicht entziehen darf , ohne gegen eine höhere Idee zu sündigen , die doch gerade in diesen lästigen äußeren Zeichen zu ersterben beginnt . Alle sehnten sich , von einander loszukommen , um sich nur einmal der Natur nach regen und wenden zu können . Aber es war Sitte , daß man in den inneren Gemächern soupirte und bis dahin zusammen blieb ; so hielt Jeder den Andern im Schache mit einer angenommenen Empfindung , die sich nach Wechsel sehnte . Um diese Zeit fuhr derselbe einfache Wagen ohne Livreen , der einst , bloß von Jaques geführt , den Weg nach St. Sulpice zuürcklegte , unter dem Trauerwappen der Familie hindurch in das Schloßportal ; und das Erste , womit der junge Herr des Schlosses begrüßt ward , war das Salutiren der Wappenherolde mit ihren düstern Fahnen , und schaudernd fühlte er erst jetzt die Wahrheit der erschütternden Nachricht . Schweigend und mit der ängstlichen Spannung , die sein auffallendes Betragen auch jedem Diener gegeben , ward er in dem düstern Hause empfangen . Ach , die tiefe Trauer , die er um Fennimor trug , wie wohl paßte sie zu den schwarzen Treppen und Wänden , die ihn bald umfingen ! » Nach dem Trauersaale ! « stammelte er kaum hörbar . Die Thüren öffneten sich - der schreckliche Pomp lag vor ihm ausgebreitet - der Sohn an den Stufen des Sarges auf seinen Knieen . Sein Gebet war ein zuckend , schmerzhastes Aufblicken zu Gott ; mehr eine Hoffnungslosigkeit , beten zu dürfen - mehr ein Ausruhen im Schmerz , als eine Erhebung zu Gottes Gemeinschaft ! Laut hielten die Mönche von St. Sulpice die Exequien über die Leiche - der fungirende Priester fügte dem gewöhnlichen , vorgeschriebenen Ritus ein lautes Gebet hinzu : » Laß ' Dir auch die Herzen empfohlen sein , die , belastet von der Noth , die eigne oder fremde Schuld ihnen gab , in Gram gebeugt vor Dir seufzen . Tröste und erhebe sie . Die Vergangenheit hast Du unwiederruflich gemacht ; aber selbst die Schuld in ihr kannst Du erblassen machen durch den Muth , Deiner göttlichen Gemeinschaft zukünftig theilhaft werden zu wollen . Es soll Allen vergeben werden , die von Herzen reumüthig sind , und ihre Schuld ihnen nicht folgen auf dem Pfade der Besserung ! « Jetzt sprach er den Segen mit einer Kraft und Bewegung , daß Leonin über die Gewalt erbebte , von der sein Herz aufgerissen ward . Er hob den Kopf - Fenelon , der blasse Priester von St. Sulpice , stand mit erhobenen Armen und erhobenem Haupte über ihm , und schien vom Himmel die Flammen andächtiger Ueberzeugung hernieder zu rufen , mit denen er die Seelen erwärmte . » Fenelon , « rief er - » hast Du den Schlüssel zu lösen und zu binden ? « - » Der hat ihn , der sich voll Glauben an seine göttliche Kraft dem in die Arme wirft , der Alle heilt , die reumüthig und beladen sind . In seinen Sünden verzweifeln wollen , heißt Gottes Allmacht verläugnen ! « Er hatte dies leise nur zu ihm , dem Knieenden , gesprochen . Er machte das Zeichen des heiligen Kreuzes über ihm und schloß sich dann den Mönchen an , die ihren Umzug hielten . Als die erhabene Gestalt aber an ihm vorüberglitt , hörte Leonin wie einen Lufthauch die Worte : » rette Viktorine ! « Er fühlte sie bis in sein tiefstes Innere , und sie gaben ihm die Richtung , die er bei den schwachen Angaben seiner Gefühle vielleicht nicht erkannt hätte . Er erhob sich und folgte dem harrenden Kammerdiener zu den Zimmern seiner Mutter . Wie lastete die düstere Pracht dieser Gemächer auf ihm ! Jedes Zimmer schien ein Katafalk zu sein