beide Freunde sich ohne allen Rückhalt mit einander besprachen , und später vertraute mir Herr St. Julien , daß Beide gegen mich die bestimmte Hoffnung , meinen Bruder und Dich zu retten , nur darum ausgesprochen hatten , um mich vor gänzlicher Verzweiflung zu bewahren , daß sie selbst aber Euch beide als verloren beweint hätten . Es schien den Freunden zu gefährlich , sich in Paris selbst verborgen halten zu wollen , und die Abreise nach dem Elsaß , der Heimath des Herrn St. Julien , der große Fabriken in der Nähe von Straßburg hatte , wurde beschlossen . Ein Zufall begünstigte unsere Flucht . Ein alter Komtoirdiener des Herrn St. Julien war Wittwer , und seine einzige , ohne mütterliche Leitung erwachsene Tochter hatte vor mehreren Jahren den trostlosen Vater verlassen und sich in Paris einem verächtlichen Leben hingegeben , um augenblickliche Befriedigung eitler Lust zu finden . Da aber ein solches Leben der Schande auch dem Wechsel unterworfen ist , so war die leichtsinnige Tochter des redlichen Mannes in Krankheit und Armuth gerathen , und hatte sich in dieser trostlosen Lage an das Herz des Vaters gewendet . Wohl selten wird ein Vater die flehende Stimme des verirrten Kindes ohne Rührung vernehmen , und auch der alte Armand eilte , Liebe und Versöhnung im Herzen , in Begleitung des Herrn St. Julien nach Paris , den ein Handelsgeschäft dahin führte . Der Vater nahm die kranke Tochter und ihren Sohn , den lebenden Zeugen ihrer Verirrung , bei sich auf . Kein Vorwurf kränkte die ungerathene Tochter . Der alte Vater drückte das schuldlose Kind mit Liebe an seine Brust . Durch Sorgfalt und zärtliche Pflege kehrte die Gesundheit der leichtsinnigen Laurette bald zurück , die Spuren der Verwüstung , die Armuth und Krankheit angerichtet hatten , schwanden allmälig , und der zu gute Vater fand in der wieder aufblühenden Schönheit der Tochter Entschuldigung für ihre Fehler . Herrn St. Juliens Geschäfte waren beendigt , und da die Gesundheit der Tochter Armands hergestellt war , so hatte man Pässe zur Reise genommen , die auf den nächsten Tag bestimmt war . Armand hatte noch einige nöthige Vorkehrungen hiezu getroffen und kehrte , von Geschäften ermüdet , nach seiner Wohnung zurück , als er hier statt der Tochter einen Brief fand , in dem sie ihm meldete , daß es ihr unmöglich sei , Paris zu verlassen und unter seinen Augen zu leben , da jeder milde Blick , den er auf sie richte , ihr Herz wie ein Dolchstich durchbohre und es daher für beide besser sei , wenn sie sich diesen peinlichen Empfindungen und ihm den Anblick ihrer Schande entzöge . Es war nur zu wahrscheinlich , daß die neu aufblühende Schönheit der leichtsinnigen Laurette Bewunderer herbei gezogen hatte und daß sie von Neuem sich ihrem früheren Leben hingab . Der Vater war in Verzweiflung , und er erklärte Herrn St. Julien , daß er Paris nicht mit ihm verlassen könne , weil er entschlossen sei , die Spuren seiner unglücklichen Tochter aufzusuchen und alles , was väterliche Liebe und Gewalt vermöge , anzuwenden , um sie ihrem sträflichen Leben zu entreißen . Dieser Umstand , der eine Stunde vor unserer Ankunft Herrn St. Julien mit Verdruß erfüllt hatte , wurde nun von beiden Freunden als ein glücklicher Zufall betrachtet . Mein Erretter sollte unter dem Namen Armand Herrn St. Julien begleiten , und ich mit unserm Adolph als Laurette und ihr Sohn , wie sie in dem Paß angegeben waren , den Herr St. Julien schon in Händen hatte , und beide Freunde freuten sich herzlich , daß die Beschreibung der Person dieser leichtsinnigen Dirne auf mich angewendet werden könne , und so bot mir die Schande des verächtlichen Lebens einer Fremden Schutz in der traurigen Zeit , wo Tugend und Ehre mich nicht hätten schirmen können . Ich wurde bei diesen Verhandlungen nicht um meine Einwilligung gefragt , indem man sie voraus setzte , und in der That , es wäre unvernünftig gewesen , ein Rettungsmittel von sich zu weisen , das sich so unvermuthet darbot . Auch war ich so betäubt von Angst und Kummer , daß ich unfähig war zum Denken und Ueberlegen . Der erste matte Strahl der Freude und Hoffnung durchzuckte mein Herz , als ich vernahm , daß ich Adolph mit mir nehmen , daß ich mich nicht mehr von ihm trennen sollte . Wir erreichten den Wohnort des Herrn St. Julien und lebten abwechselnd auf einem angenehmen Landsitze und in Straßburg . Du kannst wohl denken , daß ich die beiden Freunde mit unablässigen Fragen über Euer Geschick bestürmte . Ach ! und endlich , geliebte Cäcilie , konnte mir das Traurigste nicht verborgen bleiben . Ich erfuhr meines unglücklichen Bruders Ende und von Dir nichts . Ich weiß nicht , wie lange ich mich der trostlosesten Verzweiflung hingab . Ich weiß nur , daß endlich die Jugendkraft über die Krankheit siegte , die meinem Leben drohte , und daß ich , als erstes Zeichen des Bewußtseins , Adolph in meine Arme schloß und mit Thränen überströmte . Als ich wieder einigen Antheil an der Außenwelt nahm , bemerkte ich , daß Herr St. Julien um Vieles blässer , älter und hinfälliger geworden war , und diese Wahrnehmung erschreckte mich . Es drängte sich mir die ganze Hülflosigkeit meiner Lage auf , wenn ich auch ihn verlieren sollte . Ich fragte nach seinem Freunde und erfuhr , daß er während meiner langen Krankheit gestorben sei . Viele nach einander folgende traurige Berichte von Hinrichtungen ihm nahe verwandter Personen hatten ihn schon auf ' s Krankenlager geworfen , und als er das gleiche Ende seines letzten Neffen erfuhr , hatte ein Schlagfluß sein kummervolles Leben geendigt . Es konnte mir nicht entgehen , daß Herr St. Julien es mit Ungeduld erwartete , daß die Aerzte mich für völlig genesen erklären möchten , um eine Unterredung mit mir zu führen , die er nicht mehr glaubte aufschieben zu dürfen und