Jubelgesang , wenn gleich die athemlose Brust ihm nur leise Töne noch zu leihen vermochte . So lebte sie hin in stiller Freundlichkeit . Nur wenn sie Hippolits gedachte , des Verlassenen , dann wollte ihr das Herz brechen bei dem Gedanken an den langen , einsamen , freudenarmen Lebensweg , der von nun an öde und düster sich vor dem Freunde durch eine unabsehbare Wüste hoffnungslos ausdehnen mußte ; und all ihr Streben ging nun dahin , seine Zukunft ihm wenigstens mit frohen Erinnerungen auszustatten , zu schmücken . Daher zeigte sie sich Hippoliten wie seine stille Ergebung es glorreich verdiente . Sie war ihm die liebendste Schwester , die innigste theilnehmendste Freundin , und jeder Tag brachte ihm neue rührende Beweise des reinsten , von keinem irdischen Hauche befleckten Vertrauens . Die Tage schwanden , der Sommer flog vorüber , immer tiefer senkte sich die Sonne und der Wald schmückte sich abermals mit Purpur und Gold . Wieder ging der Sterbetag von Gabrielens Mutter auf , doch dießmal feierte sie ihn in frommer stiller Heiterkeit , gleich einem Feste der Auferstehung , nicht des Todes . Der kalte Stein , der die geliebte Hülle bedeckte , ward nach ihrer Angabe mit einer Fülle reicher Blumenkränze geschmückt , statt der Zypressen , die sie einst mit frommer Hand gewunden hatte . Von ihr selbst blieben ebenfalls alle ihr sonst an diesem Tage gewohnten äußern Zeichen der Trauer entfernt , und kein langes schwarzes Gewand , kein dichter Kreppschleier verhüllte sie . Wie immer in blendendes Weiß gekleidet , saß sie am Abend des festlichen Tages an ihrem gewohnten Platze in einem großen Bogenfenster ; die seitwärts in das Eckzimmer fallenden letzten Strahlen der untergehenden Sonne verklärten ihre blonden Locken zur himmlischen Glorie , genau wie an jenem für Hippolit unvergeßlichen Abende , da dieser fast an der nehmlichen Stelle bewundernd ihr nachsah , als sie den dunkeln Lindengang hinabschwebte . Sie blickte hinaus in die herbstliche Wolkenpracht , die rosig und golden im tief-blauen Aether verglühte ; überirdisches Lächeln schwebte auf dem verklärten Angesicht , ihr dunkelstrahlendes Auge haftete mit dem Ausdrucke des unaussprechlichsten Entzückens auf der schimmernden Ferne , als schwebe aus ihr eine geliebte Gestalt herbei , und ihre Lippe regte sich unhörbar leise wie im Gebet . Ernesto und Frau von Willnangen hatten es nicht vermocht , der heitern Feier dieses Tages länger zuzusehen , deren Deutung sie nur zu wohl verstanden ; sie hatten beide sich entfernt , um in gegenseitigen Klagen neue Kraft zu suchen , und niemand war bei Gabrielen geblieben als Hippolit . Schweigend betrachtete er sie , und wagte es kaum zu athmen , um sie nicht zu wecken . Auch er ahnete , von ihrem Gefühl durchdrungen , welche Gebilde ihrem Auge jetzt vorüberschweben mochten ; ihm war , als empfinde auch er die Nähe der an diesem Tage zur ewigen Freude eingegangnen Mutter , der halb schon Verklärten , und kalt und geheimnißvoll hauchten Schauer aus einer andern Welt ihn , den Lebenden , an . Wie ein Engel , der vom Himmel herabschwebt , um Sterblichen von seinen Freuden Kunde und Gewißheit zu geben , wandte Gabriele sich dem geliebten Freunde endlich wieder zu ; sein Herz erwärmte sich an ihrem Blick , es war , als wolle sie zu ihm sprechen , als wolle sie irgend etwas wichtiges ihm vertrauen , doch schien sie bald wieder anders entschlossen , und bat ihn nur mit den Augen , ihr die Harfe zu reichen , die seit mehreren Tagen von ihr unberührt in einer Ecke lehnte . Hippolit gehorchte wie immer ihrem Winken , und nun begann unter ihren schwachen zarten Händen leise und langsam ein fremdartiges Tönen , gleich dem Nachhall himmlischer Lieder . Endlich erhob sich auch ihre süße Stimme , lieblicher , herzdurchdringender als Hippolit sie jemals gehört hatte , wenn gleich unendlich zart und leise . Es war gleichsam ein innerliches Singen , ein wunderbar-ergreifendes Heraufklingen aus der Tiefe ihres Herzens . In kurzen abgerissenen Sätzen , oft unterbrochen von Harfenklängen , die , der Erdensprache erst Bedeutung gebend , wie zur Erläuterung forttönten , wenn diese wortarm verstummen mußte , sang Gabriele ein regelloses Lied , von der Begeisterung des Augenblicks eingegeben . Nie hatten ihre Freunde diese Gabe der Dichtkunst in ihr vermuthet , die jetzt erst neu in ihr erwacht , der halb schon dem irdischen Leben Entschwebten eine nie zuvor von ihr geübte Sprache lieh . Gleich dem Schwane , der nur dann zum erstenmale mit süßen Klängen die Sterne begrüßt , wenn sie zum letztenmale die stille Fluth ihm versilbern , auf welcher er sterbend wogt . Gabrielens Lied sang alles Hoffen , Sehnen , Erwarten ihrer in Himmelswonne vergehenden Brust . Es waren Worte , es waren Töne , welche der Unsterblichkeit angehören und der schwache Hauch des Erdenlebens wiederzugeben nicht vermag . Sie sang , bis sie erbleichend , verstummend in ihren Lehnstuhl erschöpft zurückfiel . Noch eine Weile flüsterten die Harfentöne , endlich verstummten auch sie . Die zarten Lilienfinger entglitten matt den goldnen Saiten und Gabrielens Auge schloß sich einige Minuten lang wie im Schlummer ; doch bald öffnete es sich wieder und suchte Ihn , der , zum erstenmal in ihrer Gegenwart vom Schmerz überwältigt , in einer Ecke des Zimmers in der trostlosesten Stellung hingesunken war . » Mein Freund ! mein theurer herzlich lieber Freund ! warum so ? « sprach sie zu ihm . » Ich dachte Muth und Hoffnung in Ihre Seele zu singen , denn ich selbst bin sehr freudig , sehr hoffnungsreich in meinem Gemüthe . Das Leben ist nicht minder kurz als schön , darum sollten wir nie die köstlichen Stunden der Gegenwart in voreiliger Trauer über eine vielleicht nahe , dunklere Zukunft verschwenden . Denken Sie daran daß ohne Trennung kein Wiedersehen möglich wäre . Und welches Wiedersehen erwartet uns dort über jenen glänzenden Welten , die durch unsre kurze Erdendämmerung leuchten ! « Es war zum