wohl , gütige Mrs. Fairfax ! « flüsterte ich , als ich an ihrer Thür vorüberglitt . » Lebewohl , mein Liebling Adele ! « sagte ich , als ich einen Blick auf die Thür des Kinderzimmers warf . Dem Gedanken hineinzugehen und sie zu umarmen durfte ich nicht Raum geben . Es galt ein feines Ohr zu täuschen ! Wußte ich denn , ob es nicht in diesem Augenblick lag und horchte ? Ich würde auch an Mr. Rochesters Zimmer ohne Aufenthalt vorübergegangen sein ; da jedoch mein Herz für einen Augenblick zu schlagen aufhörte , als ich an seiner Schwelle vorbeieilen wollte , war ich gezwungen , meine Schritte für eine Minute inne zu halten . – Da war kein Schlaf eingekehrt ! Der Bewohner durchschritt ruhelos das Gemach von einem Ende zum andern ; wiederholt stieß er einen tiefen Seufzer aus , während ich dort stand und horchte . In jenem Zimmer war mein Himmel – mein irdischer Himmel , wenn ich wollte ! Ich brauchte nur hineinzugehen und zu sagen : » Mr. Rochester , ich will Sie lieben und bei Ihnen bleiben bis an das Ende unseres Lebens , « und ein Born der Wonne und des Entzückens würde sich in meine Seele ergießen . Daran dachte ich . Jener gütige Mann , mein Herr und Gebieter , der jetzt keinen Schlaf finden konnte , wartete mit Ungeduld auf den kommenden Tag . Am Morgen würde er nach mir schicken – dann war ich fort ! Er würde mich suchen lassen – umsonst ! Er würde sich verlassen fühlen , seine Liebe für verschmäht halten . Er würde leiden , vielleicht der Verzweiflung anheimfallen . Auch daran dachte ich . Meine Hand machte eine Bewegung nach der Thürklinke . Doch ich zog sie zurück und schlich weiter . Traurig suchte ich meinen Weg nach unten . Ich wußte , was ich zu thun hatte und that es mechanisch . In der Küche suchte ich den Schlüssel zur Seitenthür ; außerdem nahm ich eine kleine Flasche mit Öl und eine Feder , um den Schlüssel und das Schloß zu ölen . Ich trank ein wenig Wasser und nahm ein Stück Brot , denn vielleicht würde mein Weg ein weiter sein , und meine Kräfte , welche in letzter Zeit auf so harte Proben gestellt waren , durften mich nicht verlassen . Alles dies that ich ohne das leiseste Geräusch . Ich öffnete die Thür , ging hinaus und schloß sie leise . Trübe Dämmerung lag über den Hof gebreitet . Die großen Thore waren verschlossen ; aber ein Seitenpförtchen in einem derselben war nur eingeklinkt . Durch dieses ging ich hinaus . Dann schloß ich es auch . Und jetzt lag Thornfield hinter mir . Eine Meile von dort , hinter den Feldern , zog sich eine Straße hin , welche in die entgegengesetzte Richtung von Millcote führte ; eine Straße , auf der ich noch niemals gefahren , die ich aber bemerkt , und bei deren Anblick ich mich oft verwundert gefragt , wohin sie wohl führen möge . Dorthin lenkte ich meine Schritte . Jetzt durfte ich keinem Nachdenken Raum geben ; keinen Blick durfte ich zurückwerfen – nicht einmal einen in die Zukunft thun . Keinen Gedanken durfte ich weder der Vergangenheit noch der Zukunft weihen . Erstere war ein Blatt im Buche des Schicksals , das so himmlisch süß – so tödlich bitter – daß es meinen Mut erschüttern würde , meine Energie vernichten , wenn ich auch nur eine Zeile darin lesen wollte . Letztere war eine grauenhafte Öde : etwas , das der Erde ähnlich , als die Sündflut vorüber war . Ich ging an den Feldern entlang , an Hecken und Gäßchen , bis die Sonne aufgegangen war . Ich glaube , es war ein unendlich lieblicher Sommermorgen . Ich weiß noch , daß meine Schuhe , welche ich wieder angezogen , nachdem ich das Haus verlassen hatte , bald von Thau durchtränkt waren . Aber ich blickte weder zur Sonne empor , noch zu dem lächelnden Himmel , noch herab auf die erwachende Natur . Der Mensch , der auf einem schönen Wege zum Schaffot schreitet , denkt nicht an die Blumen , die am Grabesrand wachsen , sondern an den Block und das Beil ; an die Trennung von Leib und Seele ; an das gähnende Grab , das seiner harrt – und ich dachte an die traurige Flucht und an das heimatlose Umherwandern , und ach ! mit Todesqual dachte ich an das , was ich zurückgelassen ! Ich konnte nicht anders . Ich dachte jetzt an ihn , wie er ruhelos in seinem Zimmer hin- und herwanderte und auf den Sonnenaufgang wartete ; wie er hoffte , daß ich bald kommen und ihm sagen würde , daß ich bei ihm bleiben und die Seine werden wolle . Ich sehnte mich danach , ihm anzugehören ; ich war in Versuchung zurückzukehren . Noch war es nicht zu spät . Noch konnte ich ihm den bittern Schmerz der Trennung sparen . Ganz gewiß , noch war meine Flucht nicht entdeckt . Noch konnte ich zurückgehen und seine Trösterin sein – sein Stolz , seine Erlöserin aus tiefem Elend , vielleicht seine Retterin vom Verderben . O , jene Furcht vor seiner Vereinsamung – viel schlimmer als meine eigene – wie sie mich marterte ! Es war ein vergifteter Pfeil in meiner Brust , der mir alles zerriß , wenn ich versuchte , ihn herauszuziehen ; er tötete mich fast , als die Erinnerung ihn mir noch weiter , bis zum Sitz alles Lebens , hineinstieß ! In Feld und Busch begannen die Vögel zu singen ; die Vögel waren einander treu , Vögel waren das Sinnbild der Liebe ! Aber was war ich ? Inmitten meiner Herzensqual , meiner verzweifelten Anstrengung , meinen Grundsätzen treu zu bleiben , verabscheute ich mich selbst . Ich hatte meinen Herrn beleidigt – gekränkt – verwundet – verlassen ! Ich erschien