im Innern war , daß Worte nicht mehr imstande waren , sie zueinander zu führen . Es verlangte ihn , mit einem Menschen zu sprechen , der Daniel liebte und seinen Weg mit reinen Gesinnungen begleitet hatte . Da mußte er freilich lange Umschau halten . Endlich fiel ihm der alte Herold ein , und er besuchte ihn . Ohne Umschweife lenkte er die Unterhaltung auf den Punkt , der ihm wichtig war , und um den Alten vertrauensvoller zu stimmen , erinnerte er ihn an eine Nacht , wo sie selbdritt , Daniel , Herold und Benda , im Mohrenkeller Wein getrunken und von kleinen und großen Dingen des Lebens gesprochen hatten . Der Greis nickte . Mit einer Bescheidenheit und Ehrfurcht , die Benda das Herz weit machte , sprach er von Daniels Genie . Er hob den Zeigefinger und sagte mit seinem schönen Feuerblick : » Für den steh ich ein . Da prophezei ich nach dem Wort der Bibel : Es wird ein Stern aufgehen aus Jakob . « Dann schwärmte er von Lenore , erzählte , wie sie ihm einst das herrliche Quartett gebracht und von Begeisterung und Helferdrang geglüht habe . Auch von Gertrud wußte er manches , von ihrer Verstörung und von ihrem Tod . Zugleich beruhigt und noch schmerzlicher aufgewühlt verließ Benda den Alten . Gedankenvoll schritt er lange Zeit dahin . Als er emporschaute , befand er sich vor Daniels Haus . Er ging hinein . 14 Daniel wußte , daß Benda zurückgekehrt war . Philippine hatte es in der Zeitung gelesen und ihm gesagt . Dorothea , die es von ihrem Vater erfahren , hatte gleichfalls darüber gesprochen . Auch andere Leute hörte er davon reden . Die erste Kunde hatte ihn erbeben gemacht . Ihm war , als müsse er hineilen , hinfliehen zu dem Freund . Dann kam die nämliche Furcht über ihn , von der Benda beseelt war : Ist es noch zwischen uns wie einst ? kann es noch so werden , wie es einst gewesen ? Und der Gedanke an die Begegnung erweckte eine Scham in ihm , der sich Bitterkeit beimischte , als Tag um Tag verging , ohne daß Benda etwas von sich hören ließ . Es ist vorbei , dachte er , er hat vergessen . Da wollte auch er vergessen , und er konnte es , denn sein Geist wandelte ruhlos in der Irre . Als er an einem Regenabend über den Platz schritt , sah er , daß die Fenster seiner Wohnung strahlend erleuchtet waren . Er trat in die Küche , wo Agnes an der Anricht saß und Zwetschgen auskernte . » Wer ist denn wieder da ? « fragte er . Lautes Sprechen und Lachen drang aus der Wohnstube . Agnes , kaum aufblickend , leierte Namen her : » Der Hofrat Finkeldey , der Herr von Ginsterberg , der Herr Samuelsky , der Herr Hahn , noch ein fremder Herr , die Kommerzienrätin Feistmantel und ihre Schwester . « Daniel schwieg eine Weile . Dann ging er zu Agnes , faßte sie mit der Hand unter dem Kinn , hob ihren Kopf und murmelte : » Und du ? und du ? « Agnes zog die Brauen zusammen und war fast ängstlich bemüht , seinem Auge nicht zu begegnen . Plötzlich sagte sie : » Heut ist Mutters Sterbetag , « und heftete einen stechenden Blick auf ihn . » So ? « erwiderte Daniel , setzte sich an die schmale Seite der Anricht und stützte den Kopf in die Hand . Drinnen in der Stube spielte jemand Klavier ; Dorothea hatte sich , da Daniel den Flügel oben in seiner Kammer hatte , aus einer Leihanstalt ein Pianino kommen lassen . Man hörte das rhythmische Schlürfen von Tanzpaaren . » Möcht fort aus dem Haus , « begann Agnes wieder und warf eine wurmige Zwetschge in den Blechkübel ; » in der Beckschlagergasse wohnt eine Weißnäherin , die will mich ' s Nähen lehren . « » Geh nur fort , « antwortete Daniel , » ist ganz vernünftig . Aber wird ' s auch der Philippine recht sein ? « » Ja , der Philippine ist ' s recht , wenn ich nur am Abend und alle Sonntag bei ihr bin . « Es läutete am Gatter , und Agnes ging hinaus . Jemand fragte nach Daniel . Zögernd trat Daniel auf die Schwelle , zuckte zurück , ergriff mit bebender Hand das Küchenlämpchen , um zu sehen , ob ihn die Halbdunkelheit nicht trog ; aber es war kein Zweifel , es war Benda . Sie blickten einander erschüttert an . Benda streckte zuerst die Hand hin , Daniel gab die seine , es löste sich etwas in ihm , ein Schwindel befiel ihn , seine starr aufrechte Gestalt wankte , und er stürzte dem Freund , den er siebzehn Jahre lang entbehrt hatte , an die Brust . Benda war auf eine so schreckliche Bewegung nicht gefaßt und konnte kein Wort hervorbringen . Alsbald machte sich Daniel los , strich die wirren Haare aus der Stirn und sagte hastig : » Komm mit mir hinauf ; droben sind wir ungestört . « Nachdem Daniel in seiner Kammer die Lampe angezündet hatte , sah er nach , ob der alte Jordan daheim sei . Aber es war finster in dessen Stube ; er schloß die Tür wieder und setzte sich Benda tiefaufatmend gegenüber . Was bedeuten nach solchem Wiedersehen erste Fragen und Antworten ? Wie geht ' s dir ? wie lange bleibst du ? du lebst also noch in der alten Weise ? nun mußt du aber erzählen . Was können solche Wendungen bedeuten ? Es soll nichts gesagt werden ; man gräbt die verschütteten Wege auf , will neue Brücken an Stelle der zerbrochenen schlagen . Benda war noch dicker geworden . Sein Gesicht war braungelb wie altes Leder , und die tiefgehöhlten Furchen um den Mund und auf der Stirn sprachen