» Jesus ! « Mit den blutenden Armen zerrte er den Gestürzten unter dem Gaul heraus , stülpte ihm den Helm über das Grauhaar , gab ihm die Waffe in die Faust und half ihm auf das eigene Roß hinauf . Fürst Pienzenauer in seiner Erschöpfung stammelte : » Deinen Namen ! « Schweigend wandte sich der Ramsauer ab und verschwand im Gewirr der Gäule . Das war in dem gleichen Augenblick , in dem der Hauptmann Seipelstorfer den Herzog Ludwig halb aus dem Sattel gerissen hatte . Doch er brachte ihn nicht ganz zu Boden , mußte ihn wieder lassen , weil ein übles Versehen geschah . Ein Söldner , der die Landshuter Farben trug und dem unter dem Helmsturz eine weiße Narbe gegen das braune , magere Kinn herunterlief , verbeulte dem Fürstenfänger mit einem verirrten Flachhieb den Helm so fürchterlich , daß der Seipelstorfer duselig wurde . Und Kaspar Törring , diese hilfreiche Sekunde nützend , riß den Herzog in eine freie Gasse - und drosch und sägte mit seinem schartig gewordenen Eisen - und schrie dem taumeligen Seipelstorfer höhnend zu : » Sag deiner hundsmörderischen Laus , daß ich ihr den Loys genommen hab ! « Hinter dem klein zusammengeschmolzenen Häuflein der Ingolstädter , das die Umzingelung durchbrochen hatte und im Tal des Webelsbaches einen Fluchtweg gegen Norden fand , ging noch lange die hetzende Verfolgung her . Der Weg , den sie nahm , wurde bestreut mit niedergebrochenen Rossen und blutenden Menschen . Um die Mittagsstunde - während die Sieger zu Sackmachern wurden , das Lager plünderten , die große Zahl der adligen Gefangenen um alle kostbaren Waffenstücke erleichterten und mit etwas unchristlicher Sonntagsarbeit die kaltgewordenen Feinde bis auf die letzte Leinwand schälten - in dieser sonnenschönen Mittagsstunde von St. Matthäi war Hauptmann Seipelstorfer noch immer ein bißchen duselig und wurde geplagt von stetem Brechreiz . In so üblem Zustand mußte er seinem Herrn die Meldung bringen , daß Herzog Ludwig der eisernen Schlinge entronnen war . Fluchend ritt er zum Fürstenzelt hinauf , das inmitten einer freien Waldhöhe in der Sonne stand , umzogen von einer Schanze und einem blitzenden Ringe stahlgeschienter Wachen , die der Büchsenmeister Kuen befehligte . Herr Heinrich hatte reichlich für die Sicherheit seines Lebens gesorgt , das an diesem Tage minder vom Feinde als von dem brennenden Fieber in seinem Blute bedroht war . Der Eingang des Zeltes war bewacht von vier Trabanten , die mit blankem Eisen neben ihren Gäulen standen - unter ihnen Jul , dessen bleiches Gesicht mit irrendem Blick heraussah unter dem geflickten Schirmblech des Reiherhelmes . Hauptmann Seipelstorfer bekreuzte sich , bevor er das Zelt betrat . Ein Bündel senkrechter Sonnenstrahlen , durchwoben vom bläulichen Dampfe des Räucherwerkes , fiel von der Zeltgabel in den dämmerigen Raum . Der Leibarzt und vier Diener waren da ; und weiße Tücher sah man , Schüsseln mit Essig und Wasser , Näpfe mit qualmenden Wohlgerüchen . Neben dem Tragsessel stand das Feldbett , auf dem der kleine braune Herzog im Zittern und Zähneschauer seines Leidens ruhte , mit nacktem Oberkörper und in den mit Stahl geschienten Reithosen . Sein Gesicht war verzerrt und brannte heiß . Die dünnen Lippen hatten eine weiße Kruste vom Fieberschorf . Und unter dem wirren Schwarzhaar , das sich buschig nach zwei Seiten sträubte , brannten die Augen wie ruhelose Flammen . Beim Eintritt des Seipelstorfer fuhr Herr Heinrich auf , griff mit den kleinen , mageren Fäusten in die Luft und schrie : » Wo ist er ? Habt ihr ihn ? « Der Hauptmann brauchte nicht zu antworten ; sein Gesicht hatte dem Herzog schon alles gesagt . Ein welscher Fluch . Eine jagende Flut von Schimpfworten . Und mit den Zuckungen eines Tobsüchtigen fiel Herzog Heinrich auf die Kissen zurück . Während der Arzt und die Diener um den von Fieber und Jähzorn geschüttelten Fürsten beschäftigt waren , blieb der Seipelstorfer ratlos stehen , noch lange . Endlich ging er . Als er das Zelt verließ und in die Sonne hinaustrat , hörte er den Herzog lallen : » Gott hat ' s nicht wollen . Aber ein Gutes hat auch Gottes Unlust . Heut hab ich tausend Dukaten gespart . « Draußen sagte der Hauptmann zum Büchsenmeister Kuen : » So , du ! Jetzt spei mich an ! Ich bin in Ungnad . « Der andere , mit den Brandnarben von Plaien im Gesichte , antwortete ruhig : » Das ist allweil so . Sobald er dich braucht , schießt ihm die Gnad schon wieder ein . « Seipelstorfer nickte . » Hast recht ! Ich tu , was sein muß . Fragt der Herr , so sag ihm , daß ich die Gefangenen nach Landshut führen laß . Viel Ehr stecken wir heut nicht auf den Helm . « Mürrisch ging er davon und schwang sich in den Sattel . Nach einer Weile kam einer von den Dienern aus dem Zelt gesprungen : » Flink , ihr Leut ! Drei , viere sollen reiten ! Nach Dachau hinauf . Und einen geistlichen Herren holen ! Schnell ! « Jul und die drei anderen , die vor dem Zelt die Wache hatten , jagten davon . Zu Dachau fanden sie einen alten , kleinen , dicken Pfarrer . Der nahm sein frommes Heilgerät in einem Schnerfsack auf den Rücken . Dann schnallten sie ihn auf den Gaul des Jul , weil der Falbe unter den vier Rossen das frömmste war . Im Saus davon . Der hochwürdige Herr , der über dem Sattel wie ein Kleiensack hin und her schotterte und vor Angst und Mühsal fürchterlich zu schwitzen begann , wurde auch von der Frage noch gemartert , wie man mit einem Herzog vor seinem letzten Stündlein reden müsse . So wie mit einem Dachauer Bauern ? Das ging nicht . Da mußte man feiner kommen . Aber wie ? Der Hochwürdige fand es nicht . Er wollte sich nach der Titulatur des Herzogs erkundigen und wandte