eine Schande , und darum hat der Herr Baron Dich fortgegeben ! Er mochte Dich nicht bei sich haben und wollte Dich auch nicht an einem Orte lassen , an welchem alle Welt es wußte , wo Du herstammtest , und wo Dir Deine Geburt lebenslang zur Schande gereichen mußte ! Was willst Du also von dem Herrn Baron ? Sie hätte noch lange so fortsprechen können , ohne daß der fassungslose Knabe sie unterbrochen , sie hätte ihn noch oftmals fragen können , ohne daß er ihr geantwortet haben würde . Er hörte Alles , als klinge es aus weiter , weiter Ferne dumpf und unverständlich zu ihm herüber , und doch traf ihn Alles bis ins Herz . Es war ihm , als höbe man ihn von dem Boden empor , auf dem er stehe , und drehe ihn in der Luft umher , und in aller seiner Pein hatte er doch den Drang , sich von den Qualen zu befreien , die man ihn erdulden ließ , sich loszureißen , fortzulaufen , die Hand zum Schlage zu erheben und dem Zorne , der beängstigenden Scham und der Verzweiflung Luft zu machen , die ihn fast erstickten , die ihn lähmten . Einmal in seinem Leben war ihm eben so , beinahe eben so zu Muthe gewesen : auf dem Balle , bei welchem der Graf Berka von dem Freiherrn von Arten gesprochen hatte , und wo ihm eingefallen war , was seine Mutter ihm gesagt hatte ; aber die Pein , welche er jetzt eben litt , war weit größer , war noch weit schwerer ! Er konnte sie nicht fassen , obschon er sie ertrug . Nun , Paul , sagte die Kriegsräthin endlich mit milderem Tone , da sein starres Schweigen ihr lästig ward , nun weißt Du , woran Du bist , und Du bist alt und klug genug , daß man es Dir sagen konnte . Du bist nur ein unehelicher Sohn des Herrn Barons , und er braucht sich , wenn Du eingesegnet bist , gar nicht weiter um Dich zu kümmern . Sei also ordentlich und vernünftig , und beweise ihm durch Deinen Gehorsam , daß Du die großen Wohlthaten , die er Dir gethan hat , verdienst . Er hätte gar nicht nöthig gehabt , Dich hier als unsern Sohn erziehen zu lassen ; aber wenn Du ihm gehorchst , wenn Du ihn nicht ohne seine Erlaubniß an Dich erinnerst , wird er gewiß seine Hand nicht von Dir abwenden . Ich will sehen , was ich für Dich bei ihm zu erwirken und ob ich es nicht vielleicht für Dich durchzusetzen vermag , daß wir Dich an Kindesstatt annehmen , daß Du immer bei uns bleiben und daß Du doch auf diese Weise einen Namen bekommen kannst , mit dem Du Dich in der Welt und vor den Leuten sehen lassen darfst ! Und nun geh ' , und schlafe Dich aus , und sei vernünftig ! Nein , nein ! rief der Knabe so laut und plötzlich , daß die Kriegsräthin davor zusammenschreckte . Du willst nicht gehen ? fragte sie und nahm ihn bei der Hand . Er zog seine Hand aus der ihrigen . Ich will keinen anderen Namen haben , ich will meinen Namen behalten , ich will Paul Mannert heißen und nicht anders ! Die Kriegsräthin schüttelte ärgerlich das Haupt und schob ihn fort . Heiße , wie Du willst , sagte sie , und geh ' zu Bett ! Das aber bitte ich mir aus , daß Du keine Dummheit machst und Dir nicht etwa beikommen läßt , den Herrn Baron belästigen zu gehen ! Sie nahm das Licht und verließ ihn ; Paul blieb allein im Dunkeln zurück , aber das Dunkel genügte ihm nicht , es war ihm nicht undurchdringlich genug . Er eilte fort in seine Kammer , warf sich in seinen Kleidern auf sein Lager und hüllte das Gesicht in die Kissen . Er wollte nichts sehen , nichts hören , es sollte ihn auch Niemand sehen , Niemand etwas von ihm hören . Sterben , sterben , ich will sterben ! rief es immer in seinem armen , jungen Herzen , und die bittere Scham brannte in seinem Gehirn , daß die Thränen ihm davon versiegten . Sünde und Schande , hatte die Kriegsräthin gesagt . Sünde und Schande ! sagte er sich immerfort , hörte er es immerfort um sich erklingen . Sünde und Schande waren es gewesen , die seine Mutter in den Tod getrieben hatten ! Eine Sünde war es , daß er auf der Welt war , die Schande heftete sich an ihn , und ihr konnte er nicht entfliehen ! - Nun wußte er , weßhalb seine Kameraden ihn immer um seine Eltern fragten , warum sie immer wissen wollten , wo er zu Hause sei . Sie hatten alle Mütter , die getraut mit ihren Männern waren , sie hatten alle Väter , die sich ihrer nicht zu schämen brauchten , sie hatten ein Vaterhaus , in das sie hineingehörten . Er hatte nichts , nicht Vater , nicht Mutter und nicht Heimath ! Nichts war sein eigen als die Schande , die mit ihm geboren war ; und nicht einmal seinen Namen wollte man ihm lassen , auch seinen Namen wollte die Kriegsräthin ihm nehmen , die ihn so gemartert hatte , daß er auch in seiner Herzensangst nicht mehr weinen konnte ! Das war es gewesen , was ihn zum Aufschreien gezwungen , das war es gewesen , weßhalb er so ängstlich sein Nein , Nein ! gerufen . Sein Name war das Einzige , das ihm gehörte . Er hatte nichts , nichts auf der Welt , als diesen seinen Namen , den sollte man ihm nicht nehmen , nur den Namen nicht ! Er schlug die Hände über dem Kopfe zusammen und weinte endlich bitterlich . Aber schmerzlich , wie die Thränen ihm entquollen , befreiten sie ihn