möglich ? Wissen es die Eltern schon ? Nein , und bitte , sagen Sie auch nichts ; ich könnte es jetzt nicht ertragen , daß darüber gesprochen würde . Sie hatten den Professor wohl recht lieb ? Er war mein bester , vielleicht mein einziger Freund . Wie beklage ich Sie , sagte Helene , und auf ihrem schönen Antlitz war die Theilnahme , die sie empfand , deutlich zu lesen ; ein solcher Verlust muß fürchterlich sein . Und Sie stehen hier ganz allein mit Ihrem Kummer und Keiner nimmt Theil an Ihrem Schmerz . Ich bin das von jeher gewohnt gewesen . Haben Sie denn keine Eltern , keine Geschwister , Verwandte ? Meine Mutter starb , als ich noch ein Kind war ; mein Vater vor mehreren Jahren ; Geschwister habe ich nie gehabt ; Verwandte , wenn ich welche habe , nie gekannt . Helene schwieg und zeichnete mit der Spitze ihres Sonnenschirms Linien in den Sand . Plötzlich hob sie den Kopf und sagte in einem Ton , der halb wie eine Klage und halb wie eine Herausforderung klang : Wissen Sie , daß man Eltern und Geschwister und Verwandte haben und doch recht allein sein und sich recht einsam fühlen kann ? Und Sie haben es noch immer gut ; Sie sind ein Mann ; Sie können für sich selbst handeln , während - Das junge Mädchen brach ab , als fürchtete sie , sich von ihren Empfindungen zu weit hinreißen zu lassen . Sie stand auf und trat einige Schritte von Oswald weg dicht an den Rand des steilen Ufers . - Es war ein wundersam schönes Bild , diese stolze , schlanke Gestalt auf dem lichten Hintergrunde des goldenen Abendhimmels , der ihr herrliches Haupt wie mit einem Glorienschein umgab . Und wie ein Engel des Himmels erschien sie Oswald , in dessen krankes Herz ihre guten mitleidigen Worte wie milder Regen auf eine welke Blume gefallen waren . Und nun zum ersten Male erinnerte er sich wieder des Gespräches , das er am Tage seiner Zurückkunft von Saffitz mit dem Doctor gehabt hatte . Also wirklich ! dies holde , herrliche Geschöpf sollte auch verkauft werden , wie Melitta verkauft worden war ! Sie sagte es selbst ! aus ihrem eigenen Munde hatte er es nur eben gehört : sie hatte keinen Freund ! sie stand allein da in der Welt ! sie konnte nicht für sich selbst handeln ! Und sie hatte noch Mitleid und Trost für ihn , sie , die sie selbst des Mitleids und des Trostes - nein , thätiger Hülfe - so sehr bedurfte ! Da gellte von dem Strande , auf dem die Uebrigen jetzt angekommen waren , ein Schrei empor - und wie Helene , die sich vom Schwindel ganz frei wußte , noch einen Schritt näher an den Rand trat und sich über den Abhang beugte , ein zweiter , noch greller , noch schriller , noch angstvoller . Um Himmelswillen , rief Helene ; was kann denn da geschehen sein ? Mir däucht , es war Bruno ' s Stimme . Lassen Sie uns hinab ! Der Weg zum Strande , der sich im Zickzack an den Kreidefelsen hinwand , war trotz seiner Steilheit im Nu von den jungen Leuten zurückgelegt . Als sie athemlos unten ankamen , sahen sie Bruno ohnmächtig , von Albert gehalten , während die Anderen rathlos umherstanden . Holen Sie Wasser , schnell ! sagte Oswald , Albert den Knaben abnehmend und diesem das Halstuch abknüpfend und die Kleider öffnend , woran noch Niemand gedacht hatte . Wie ist denn dies gekommen ? fragte Helene , die kalten Hände Bruno ' s in ihre Hände nehmend , und angstvoll in sein schönes blasses Gesicht starrend . Es weiß es Niemand von uns , sagte die Baronin . Es wird ein Anfall von Schwindel sein , meinte Felix . Unterdessen hatte Oswald von dem Wasser , welches Albert - in Bruno ' s Hut - gebracht hatte , des Knaben Stirn und Schläfen und Brust reichlich benetzt . Helene erinnerte sich , daß sie ein Fläschchen Eau de Cologne bei sich führe , und half Oswald in seinen Bemühungen . Es gelang ihnen in Kurzem , den Ohnmächtigen wieder zu sich zu bringen . Er schlug langsam die großen Augen auf , sein erster Blick fiel auf Helene , die sich über ihn beugte . Bist Du todt , ganz todt ? murmelte er , die Augen wieder schließend . Man glaubte , er habe den Verstand verloren . Komm zu Dir , Bruno ! sagte Helene , den Knaben mit leiser Hand über Stirn und Augen streichelnd . Bruno ergriff diese Hand und drückte sie fest auf seine Augen , durch deren geschlossene Wimpern sich zwei große Thränen drängten . Dann richtete er sich mit Oswald ' s Hülfe vollends auf . Mir ist wieder ganz wohl ! sagte er ; ich bin wohl gar ohnmächtig gewesen ? Wie lange habe ich so gelegen ? Nur ganz kurze Zeit , sagte Oswald , Bruno ' s Gesicht mit seinem Taschentuche abtrocknend und den Anzug wieder in Ordnung bringend . Du hast uns einen rechten Schrecken verursacht ; was hattest Du denn nur ? fragte die Baronin . Ich weiß es nicht , antwortete der Knabe , dessen blasse Wangen plötzlich hohe Purpurgluth bedeckte ; es kam so plötzlich . Danke , danke , ich glaube , ich kann jetzt mit Herrn Steins Hülfe ganz gut weiter kommen . Wir wollen wieder umkehren , sagte die Baronin . Daß einem doch jedes , auch das bescheidenste Vergnügen durch irgend einen Unfall verleidet wird ! Man stieg langsam das Ufer wieder hinauf und trat , ziemlich einsilbig und verstimmt , den Rückweg durch den Wald an . Felix , der sich zu erkälten fürchtete , ermahnte zu größerer Eile ; Oswald bemerkte trocken , er wolle die übrige Gesellschaft nicht aufhalten , man möge ihm indessen erlauben ,