den Schenken kämpft die Rebe und der Saft der Gerste um den Sieg ... das christliche Opium , die Cigarre , secundirt beiden Parteien , bis die Kämpfer - vorläufig auf beiden Seiten unterliegen ... Hat sich denn , du alte Römerstadt , endlich im Zechen und Reden und Singen dein deutsches Gemüth genug gethan ? Hat es sich endlich ausdebattirt und auspolitisirt ? Sattgetrunken an ungegorenem Zeitungsmost und zu Essig gewordenen oder schon mit Schimmel bestandenen alten Gemeinplätzen ? Hat ausgeklingelt und ausgeklüngelt die Schellenkappe ? Verdampfen die lebendigen Rauchmaschinen in den Straßen und erklingen endlich nur noch die letzten guten oder schlechten Geckenwitze ? Eine Gute Nacht ! hüben und drüben ... Alles endlich still , falls nicht noch irgendwo ein Mitglied der mehreren hochberühmten Gesangvereine der Stadt ein Tenorsolo probirt bei offenem Fenster ... die musikliebende Stadt ist stolz auf ihre Leistungen im Quartett ; niemand , außer vielleicht einer Katze , wird den Sänger parodiren . Halten wir aber am sogenannten Heiligenpütz still , überschreiten links den Aschenkötter , lassen rechts den Treckkamp liegen und bleiben wir endlich vor einem mit zwei hellen Gaslaternen geschmückten , jüngst erst mit graugrüner Oelfarbe bestrichenen stattlichen Gebäude ... Das untere Stockwerk ist mit Eisengittern geschützt . Steinerne Kegel , die mit Ketten verbunden sind , halten das profanum vulgus , das ohne Wechsel oder Anweisung nur etwa aus purer Neugier in die Comptoire blicken könnte , zurück ... Irgendein Schild , irgendeine Firma ist nicht ersichtlich ... Wer hier die blitzende Messingklingel zieht , weiß , daß in diesem mächtigen Hause mit seinen weit hinaus sich erstreckenden Hintergebäuden , die alle auf den Heiligenpütz , den Aschenkötter und den Treckkamp noch ihre eigenen Thorwege hinaus haben , das erste » christliche « Geschäft der Stadt , die Firma » Kattendyk und Söhne « waltet . Oeffnet man uns dann , so steckt ein Portier den Kopf aus einem Kellerfenster des Thorwegs ... Man kennt uns ? Passirt ! Wir finden uns zurecht ... Ein Glasverschlag trennt das Treppenhaus von der Region der untern Stockwerke ; unten waltet nur das Geschäft ... Man läßt die mit Blech belegten Eichenthüren und mit Eisenstangen verschlossenen untern Comptoire liegen und steigt erst drei kleine Stufen höher ... Hier wieder eine Klingel . Die Glasthür öffnet sich . Jetzt erst schreitet man auf Teppichen in den ersten Stock hinauf ... Gewiß ist es ein behagliches Gefühl , sich Abends gegen zehn Uhr in einem Haufen todter Steine , während ringsum alles schon zu schlummern scheint , einen kleinen stillen Winkel denken zu können , wo im Winter und selbst in den ersten Herbsttagen schon die Flamme des Kamins noch nicht erloschen ist , ein gelblicher Schein von der durch einen bunten Schirm gedämpften Glaskugel der Lampe die Teppiche auf dem Fußboden und auf dem Tische erhellt , einen Winkel , wo noch ein kleiner Kreis von Menschen sich um ein Piano versammelt hat oder um ein Buch , das vorgelesen wird , oder um einen geistvollen Redner oder eine gemüthvolle Frau , die jeden heiter anzuregen versteht . Einem Einzigen , Unverbesserlichen vielleicht ist gegen zehn Uhr von der Hausfrau noch gestattet worden , dicht am Kaminrande mit Discretion eine Cigarre zu rauchen ; zwei junge Damen schneiden eine Zeichnung aus ; einige junge Herren sind über eine neue Oper in Streit gerathen ; gelöst wird der Kampf von einem nicht fehlenden , den Abend beschließenden kleinen Stegreif-Souper . Geht man dann gegen elf Uhr von dannen , so trägt jedes mit sich hinaus das Gefühl , das uns zuweilen wol noch erstens in eine geöffnete Restauration ziehen kann , um auf magenverderbende Majonaisen ein gutes Beefsteak und ein Seidel Bier zu setzen , aber auch zweitens jenes Gefühl , daß wir denn doch im Grunde ein Dasein leben , unabhängig von Holz und Stein und Stundenschlag und Nachtwächterhorn , und daß wir mit schönen Seelen noch schön empfinden können und unsere Leidenschaften zügeln oder anständig verbergen und aufgehen können in einer schönen harmonischen Weltordnung , aus der wir uns nur langsam zurückfinden in diese » schnöde Welt « - vielleicht erst durch die Mahnung eines vergessenen Hausschlüssels . Bis elf Uhr mag diese behagliche Erinnerung im allgemeinen auch auf eine Gesellschaft gepaßt haben , an der wir diesmal im ersten Stock des Kattendykschen Hauses vorübergehen . Um diese Zeit saßen bei Frau Commerzienräthin Walpurgis Kattendyk gewiß noch ihre Töchter , die verheiratheten und die unverheiratheten , zusammen , ihre Schwiegersöhne , der berühmte Procurator Dominicus Nück , Benno ' s Principal , der » Vordenker « und Agitator der Lande hüben und drüben , soweit zu Gott in lateinischer Zunge gebetet wird , vielleicht auch noch ein anderer Procurator , der Procuraführer des Hauses , Ernst Delring , der zweite Schwiegersohn ; vielleicht auch der Beichtvater der Commerzienräthin , Domherr Martinus Taube ; auch ihr Rathgeber in leiblichen Angelegenheiten , Medicinalrath Goldfinger ; vielleicht sogar , da die nahe gelegene , bedenklich bedrohte Universität Ferien hat , dessen Sohn , der Professor extraordinarius Guido Goldfinger , der um die jüngste Tochter des Hauses freit ; auf alle Fälle fehlt der dritte und sogar lustige Rathgeber des Hauses , Ignaz Pötzl nicht , ein ehemaliger Schauspieler und Sänger , der das Gnadenbrot im Hause mit Anekdoten und stillertragenem Gehänseltwerden lohnt ... und was sich sonst an Parasiten und Hausfreunden und allerlei menschlichen Schooshündchen um eine reiche , anregungsbedürftige Kaufmannsfrau , die unter der Last , sich und andern wohlzuthun , oft zusammenbricht , täglich zu versammeln pflegte ... auch eine neue Mehrung der Gesellschaft fehlte ohne Zweifel nicht - - - Lucinde Schwarz . Belauschen wir heute keinen der hier ausgestoßenen Seufzer über die Zeit , die neuen pariser Moden und die Leiden der Kirche , keine Klagen über den Aufschwung der jüdischen Häuser , keine Vermuthungen über die Besetzung des erledigten Domvicariats , keine Bewunderung vor einem neuen Zeitungsartikel oder einer neuen Selbstdemüthigung des Pater Sebastus , auch keine stille Vergleichung der glänzenden