deinen saubern Höllenzwang aber hast du ihm förmlich den Dolch auf die Brust gesetzt , wie es auch ganz einer Zeit gemäß ist , wo man sich mit Worten und Brieflein totsticht ! Ach , der arme Kerl ! er war so fleißig und gab sich Mühe , aus der Patsche zu kommen , und als er endlich ein Röllchen Geld erwarb , nimmt man es ihm weg ! Es ist so natürlich , den Lohn der Arbeit zu seiner Ernährung zu verwenden ; aber da heißt es Gib erst zurück , wenn du geborgt hast , und dann verhungere ! « Wir saßen beide eine Weile düster und nachdenklich da ; dann sagte ich » Das hilft nichts , geschehene Dinge sind einmal nicht zu ändern . Die Geschichte soll mir zur Warnung dienen ; aber ich kann sie nicht ewig mit mir herumschleppen , und da ich mein Unrecht einsehe und bereue , so mußt du es mir endlich verzeihen und mir die Gewißheit geben , daß ich deswegen nicht hassenswert und garstig aussehe ! « Ich merkte nämlich erst jetzt , daß ich darum hergekommen und allerdings bedürftig war , durch Mitteilung und durch die Vermittlung eines fremden Mundes die Vertilgung eines drückenden Gefühles oder Verzeihung zu erlangen , wenn ich mich auch gegen des Schulmeisters christliche Vermittlung sträubte . Aber Judith antwortete » Daraus wird nichts ! Die Vorwürfe deines Gewissens sind ein ganz gesundes Brot für dich , und daran sollst du dein Leben lang kauen , ohne daß ich dir die Butter der Verzeihung darauf streiche ! Dies könnte ich nicht einmal ; denn was nicht zu ändern ist , ist eben deswegen auch nicht zu vergessen , dünkt mich , ich habe dies genugsam erfahren ! Übrigens fühle ich leider nicht , daß du mir irgend widerwärtig geworden wärest ; wozu wäre man da , wenn man nicht die Menschen , wie sie sind , liebhaben müßte ? « Und sie drückte , da sie auf dem Rande des Bettes und ich auf einer altmodisch bemalten Kiste zu ihren Füßen saß , meinen Kopf auf ihren Schoß und verband ihre Hände liebevoll unter meinem Kinn . Diese seltsame Äußerung in Judiths Munde machte mich tief betroffen und verursachte mir ein langes Nachsinnen ; je länger ich sann , desto gewisser wurde es mir , daß Judith das Rechte getroffen , und ich gelangte zu einem Schluß , welcher , indem er zugleich zu einem Entschluß wurde , nämlich das Bewußtsein des begangenen Unrechtes nie mehr vergessen und immer in seiner ganzen Frische tragen zu wollen , mir die einzig mögliche Ausgleichung zu sein schien . Nur einer kann und soll verzeihen und vergessen , der von Unrecht Betroffene selbst , der Täter und alle anderen können es niemals , solange eine innere oder äußere Spur übrigleibt . Dies kann man am deutlichsten an den großen Beispielen der Geschichte sehen . Die Tausende , welche Philipp der Zweite verbrennen ließ , haben ihm gewiß längst verziehen und betrachten ihn wie einen andern Mann , der gefehlt hat , während die Millionen Protestanten , welche leben , ihm immer noch nicht verzeihen können , weil die Wirkungen seiner Tat noch täglich vor unser aller Augen sind , und ihn selbst betreffend , ist es gar nicht denkbar , daß er sein weltgeschichtliches Unrecht habe vergessen können ; denn wenn er auch mit seinem Tode als König abgesetzt und in den Wirbel der anderen Wesen gerissen wurde , so hörte er darum nicht auf , Philipp der Zweite zu sein , vielmehr , wenn er es je gewesen ist , wird er es ewig bleiben . Dadurch aber , daß nur die vom Unrecht Betroffenen unmittelbar verzeihen , was man so verzeihen nennt , bleibt zuletzt doch kein Haß übrig als derjenige gegen das Böse , das man in sich selber hat ; denn das Nichtverzeihen der übrigen ist wieder etwas anderes . Es ist merkwürdig , daß die Menschen immer nur große Dummheiten , die sie begangen , glauben nicht vergessen zu können , sich bei deren Erinnerung vor den Kopf schlagen und kein Hehl daraus machen , zum Zeichen , daß sie nun klüger geworden ; begangenes Unrecht aber machen sie sich weis allmählich vergessen zu können , während es in der Tat nicht so ist , schon deswegen , weil das Unrecht mit der Dummheit nahe verwandt und ähnlicher Natur ist . Ja , dachte ich , so unverzeihlich mir meine Dummheiten sind , wird es auch mein Unrecht sein ! Was ich an Römer getan , werde ich von nun an nie mehr vergessen und , wenn ich unsterblich bin , in die Unsterblichkeit hinübernehmen , denn es gehört zu meiner Person , zu meiner Geschichte , zu meinem Wesen , sonst wäre es nicht passiert ! Meine einzige Sorge wird sein , zu trachten , daß ich noch so viel Rechtes tue , daß mein Dasein erträglich bleibt ! Ich sprang auf und verkündete der Judith diese Ausführung und Anwendung ihrer einfachen Worte ; denn es dünkte mir ein wichtiges Ereignis , so für immer auf das Vergessen einer Übeltat zu verzichten . Judith zog mich nieder und sagte mir ins Ohr » Ja , so wird es sein ; du bist jetzt erwachsen und hast in diesem Handel schon deine moralische Jungfernschaft verloren ! Nun kannst du dich in acht nehmen , Bürschchen , daß es nicht so fort geht ! « Der drollige Ausdruck , den sie gebrauchte , stellte mir die Sache noch in ein neues und lächerlich deutliches Licht , daß ich einen großen Ärger empfand und mich einen ausgesuchten Esel , Laffen und aufgebläheten Popanz schalt , der sich so blindlings habe übertölpeln lassen . Judith lachte und rief » Denke daran , wenn man am gescheitesten zu sein glaubt , so kommt man am ehesten als ein Esel zum Vorschein ! « - » Du brauchst nicht zu lachen ! « erwiderte ich ärgerlich ,