freien Eingang . Da es nicht Sitte ist unter armen Leuten , vor dem Eintritt ins Zimmer anzuklopfen , so stieß Eduard unangemeldet die Thür auf und trat mit seinem Begleiter ein . » Guten Morgen Alle mit einander ! « sprach er , die versammelte Familie des Spinners grüßend . » Ein frischer Morgen heut ; ich besorge , es wird bald einwintern . Doch Alles gesund und frisch auf , Martell ? Gesundheit ist das halbe Leben für arme Leute . « Eine einzige mürrische Stimme antwortete auf diese Begrüßung und hieß die frühen Gäste willkommen . Diese Stimme gehörte dem Familienvater an , der eben von der nächtlichen Arbeit aus der Fabrik zurückgekehrt war und mit den Seinigen das Frühstück verzehrte . Die Familie bestand aus sechs Köpfen , aus Mann und Frau , drei Kindern und einem alten Großvater , der beim Schwiegersohn wohnte , sich aber selbst ernähren mußte . Die älteste Tochter , ein Mädchen von funfzehn Jahren , war so eben zur Arbeit in die Fabrik gegangen und hatte den ermüdeten heimkehrenden Vater nur im Vorüberstreifen einen Gruß zurufen können . Es kam vor , daß sich Vater und Tochter nur Sonntags die Hand reichen , einander ins Auge blicken und sich sprechen konnten , wenn sie gemeinschaftlich zur Kirche gingen , um im Gebet auf wenige Minuten das ihnen zugefallene schwere Erdenloos zu vergessen . Die sieben langen Tage der Woche begegneten sich Vater und Tochter nur auf der schaukelnden Barke . Sie waren schon glücklich , wenn die Nachen sich streiften , wenn sie im Fluge einander sehen und sich zuwinken konnten . Das Frühstück dieser armen Spinnerfamilie bestand wie das aller ihrer Mitbrüder aus Kartoffeln mit der Schale , die trocken , mit wenig Salz gegessen oder in Cichorienkaffee gebrockt wurden . Diese Kost wiederholte sich früh , Mittags und Abends alle Tage im Jahre , mit Ausschluß der hohen Festtage , wo an die Stelle der Kartoffeln wenigstens Waizenklöse und in sehr glücklichem Falle ein Stückchen Schweinefleisch trat . Erschöpfte sich der Kartoffelvorrath vor der Zeit , so mußte der Familienvater für Anschaffung von Roggenmehl Sorge tragen . Da aber dieses zu theuer war , so begnügte man sich gern mit einem Gemisch aus Kleie , Roggen und wohl auch Baumrinde . Noth kennt kein Gebot und der Arme hilft sich , wie er kann und muß . Martell , ein breitschultriger , starker Mann über Mittelgröße mit schwarzem lockigem Haar , das ihm in malerischer Wildheit um die hohe bleiche Stirn hing , lud die frühen Ankömmlinge gastfreundlich ein , das karge Mahl mit ihm und den Seinigen zu theilen , was jedoch Eduard und Paul ausschlugen , da sie bereits vor ihrem Aufbruche gefrühstückt hatten . Wer den Grafen Magnus genau gekannt hatte , mußte unwillkürlich beim Anblick des armen Spinners an ihn denken . Martell war durchaus sein Ebenbild , aber ein Ebenbild , vor dem man erschrecken konnte , denn in dem von Kummer , Sorge , Elend und Hunger abgemagerten Gesicht lag ein Stolz der Verachtung , der mit Entsetzen erfüllte ; dies dunkle brennende Auge , von der nächtlichen Arbeit entzündet , sprühte Haß , Haß Allen denen , die im Glück geboren , achtlos dem Darbenden vorübergingen . In jeder Miene sprach sich ein trotziger Ingrimm aus , der nur der Gelegenheit harrte , um sich Luft zu machen und auszutoben . Martell hatte Ursache mit Gott und Menschen zu grollen . Werfen wir einen Blick auf seinen Haushalt , auf seine Lage . Er war zweiundvierzig Jahr alt , seit achtzehn Jahren verheirathet und seit der Errichtung der Fabrik in Adrians Diensten . Das Häuschen , in dem er mit den Seinigen lebte , hatte er kaufweise von seinem noch lebenden Schwiegervater mit allen darauf lastenden Schulden übernommen . Seine Frau webte , ihr alter Vater fristete sich durch Handgespinnst . Die Kinder , zwei Töchter und ein Sohn , arbeiteten gleich dem Vater in Adrians Fabrik . Vor drei Wochen war dem zehnjährigen Sohne , Martells jüngstem Kinde , der linke Fuß von der Maschine halb abgerissen worden . Das arme verstümmelte Kind litt die entsetzlichsten Schmerzen . Die Wunde hatte sich , aus Mangel an nöthiger Pflege und passender Kost sehr verschlimmert . Man fürchtete , daß der Brand dazuschlagen und eine Ablösung des Beines nöthig machen werde . Auch litt der verunglückte Knabe seit jenem Unfall an einem Lungenübel . Nothgedrungen hatten nun zwar die Aeltern ärztliche Hilfe gesucht , weil aber der Arzt über eine Stunde entfernt war und die Umstände der armen Leute auf keine Vergütung seiner Mühwaltung schließen ließen , trat er nur selten in die elende Hütte , um sich persönlich von dem Befinden seines Patienten zu überzeugen . Dies Alles bemerkte Martell sehr wohl , da er , obwohl ohne besondere Schulbildung , doch aufgeweckten Geistes und außerdem noch mit dem Scharfblick des Mißtrauens begabt war . Er schäumte vor Wuth , als er die sichtliche Vernächlässigung seines Kindes sah und sein Zorn ward um so anhaltender , weil er Nichts sagen durfte , weil er aus Liebe zu seinem Knaben schweigen mußte . Gerade um diese Zeit hatte Adrian den Anfang gemacht , die Arbeitszeit zu verlängern und die ersten Lohnverkürzungen anzuordnen , obwohl schon Jahrelang das Verdienst eben nur zum mäßigen Auskommen hinreichte . Lore , die Frau des Fabrikarbeiters war hektisch . Das ewige Sitzen hinter dem Webstuhle , Kummer und schlechte Kost mochten ein Uebel vergrößert haben , wozu sie die Anlage mit auf die Welt brachte . Das arme Weib gehörte jedoch zu den genügsamen , unter jede Gewalt demüthig und ergeben sich beugenden Geschöpfen , die nie murren , die Alles für eine Schickung Gottes halten und mit diesem beneidenswerthen Glauben , ohne Schiffbruch an Leib und Seele zu leiden , durch das klippenreiche Meer des Lebens schiffen . Als Martell längst schon an seiner verhaltenen Wuth fast erstickte , hatte Lore kaum noch einen Seufzer ausgestoßen