uns eine platt getretene Idee , die einen augenblicklichen Glanz hat , zu Combinationen verführen kann , die , an sich falsch , doch Irrthümer auferziehen , deren wahrer Beschaffenheit wir gar nicht mehr nachfragen . Wir Frauen werden bei dem Gedanken erhalten , daß die Männer ein großes Vorrecht vor uns haben , weil sie sich sehr Viel mehr erlauben dürfen , als wir ; und wir haben dieses unbezweifelte Recht mit dem Worte : Freiheit , profanirt . Was können wir denn in Wahrheit Freiheit nennen , wenn nicht die Entwickelung der Seele und des Karakters , die uns die Zustände beherrschen läßt , uns von Ihnen unabhängig macht , ihnen einen höheren Willen entgegen stellt . Es ist der einzige Begriff , der diese Idee aus dem Zustande relativer Willkür in eine feste , dann unangreifbare Stellung bringt , und das Vorrecht der Männer hat damit so wenig Zusammenhang , daß ich es gerade ihnen hinderlich erachten muß . Und sollen wir ihnen also den materiellen Besitz der Freiheit so hoch anrechnen ? Ich schäme mich fast , daß wir dies thun ! - Sie werden nun den Gang meiner Gedanken bald auffinden , wenn ich so nachsichtig bei den Fehlern der Männer erscheine . Unbehütet von Jugend auf , werden ihnen Reinheit und Züchtigkeit der Gedanken nicht bewahrt ; in materielle Verhältnisse getrieben , ungestraft durch ihre sich gleich bleibende Stellung zur Gesellschaft - endlich von der Natur selbst mit anderen Bestandtheilen des Blutes versehen , die leicht zu erkennen sind , kämpfen sie mit einer schwierigen Naturanlage und entbehren dabei den Schutz der häuslich-sittlichen Ordnung , die das Weib von Jugend auf bestimmt ist einzuhegen . Wenn wir noch hinzu rechnen , wie sie eine doppelte Existenz entwickeln müssen , nämlich die häusliche und die öffentliche , und die eine oft mit der andern im grellsten Widerspruche steht , so erstaune ich billig über ihre schwierige Aufgabe und erstaune billig nicht mehr , sie oft ungelöst zu finden . « - Viktorine schwieg ; - dann sagte sie , wie sich überwindend : » nicht immer steht ihre äußere Stellung zu ihrer häuslichen in Widerspruch ; und dennoch sehen wir sie diese gering achten , nach kurzem Erfassen sie aufgeben , als gehörte sie nicht zu ihnen . « » Ja wohl , « erwiederte die Marquise schnell - » die Harmonie zwischen Beiden herzustellen , erfordert eine so vollkommene , männliche Entwickelung , daß wir fast immer das Eine auf Kosten des Anderen bei ihnen erreicht sehen ; und diese mangelhafte Reife macht , daß sie die Hand nach dem äußeren Leben lieber ausstrecken und erwarten , das andere werde schon hinterdrein kommen . Wie groß diese Täuschung ist , da es eine eben so warme Auffassung verlangt , beweist sich nur zu bald , indem sie die Häusliche allmälig ganz damit verlieren - und der Trübsinn , der Lebensüberdruß , der nirgends mehr anzuknüpfen weiß , gewöhnlich die traurige Folge ist . Aber eben so gewiß zwingt sie auch in den meisten Fällen das Leben , erst mit allen Erfordernissen die öffentliche Existenz sich zu erringen ; und oft , ja vielleicht immer , wo diese Existenz auf edle , würdige Weise erstrebt wird , bilden sich zugleich Fähigkeiten aus für das natürlichere Leben des Hauses , wenn auch das Bedürfniß dafür erst später eintritt . « » Ach , und darauf zu warten ! « rief Viktorine - » vielleicht das ganze Leben vergeblich darauf zu warten - wie viele Herzen hat das indessen gebrochen ! « » Viele ! Viele ! « rief Frau von Sevigné gerührt - » denn es ist nur die Aufgabe für ein starkes , weibliches Herz , die schwere Prüfung zu bestehen und ungestört den heiligen Beruf zu verfolgen , den unsere Bestimmung dennoch festzuhalten erlaubt ; - aber zugleich ein herrlicher Triumph , zu Gottes Ehre indessen ein Weib geworden zu sein in der vollen Pracht unseres Berufs - wie jener schöne , dunkle Baum des Südens , über gereiften , goldnen Früchten die duftenden Blüten zu tragen , und dem ermüdet zurückkehrenden Gatten , der lange vergessen und übersehen , was er besaß , zeigen zu können , ein Weib sei für sich etwas Großes und Göttliches , wenn sie ihren Beruf verstanden ; - und der Heerd , den er verschmachtend sucht , sei indessen wohl gehegt , und das göttliche Symbol unseres Geschlechtes , Milde und Vergebung , sei sein Empfang ! « Viktorine schwieg ; aber sie weinte jetzt , den Kopf auf das Bettchen ihres Kindes gelehnt . Die Marquise schien es nicht zu sehen - im leichteren Tone fuhr sie fort : » oft gedenke ich einer liebenswürdigen Freundin , die den lebhaftesten , Liebe suchendsten Mann der Erde gewählt hatte . Die Neigung zu Thorheiten aller Art , die ihr Gemahl besaß und die ihn in Versuchung führte , sich in jedes neue und schöne Gesicht zu verlieben , hatte mehr gute Eigenschaften an ihr entwickelt , als seine treuste , sorgfältigste Liebe erzogen hätte . Sie erzählte mir oft mit der heitersten Laune die Art und Weise , mit der sie dem Uebel gesteuert hatte . Als sie das erste Mal diese Entdeckung machte , überwältigte sie der Zorn fast ; aber es erwachte zugleich ein Stolz , ein Selbstgefühl , was alle ihre Kräfte ins Leben rief . Die Frau , in die ihr Gemahl sich verliebt hatte , war schön und geistreich . Sie wurde Beides augenblicklich auch . Nie saß ich länger vor meiner Toilette , « sagte sie . » Aber nicht ich allein - mein ganzes Haus mußte meine Schönheit unterstützen - meine Küche , meine Service , Blumen , Düfte . Ueberall entlockte ich einen Reiz - eine Annehmlichkeit . Ich war coquett von dem kleinen Sammetpantoffel an , worin er zuerst meinen Fuß erblickte , bis zu dem Küchenzettel und der Visitenliste . Wie wählte , wie sonderte ich ,