sich vor , sich diesen Winter ganz den Studien zu widmen , um den Schmerz der Trennung zu besiegen und , um sich zu erholen , mit dem einzigen ihm bleibenden Freunde , dem Prediger , den Plan des Hauses zu entwerfen , welches nach seiner Meinung alle Forderungen des Geschmacks und der Bequemlichkeit befriedigen sollte . Da der Graf dem Schloßgärtner befohlen hatte einen großen Obst-und Gemüsegarten auf dem neuen Gute anzulegen , so führte die lebhafte Phantasie des Arztes ihm tausend reizende Bilder der Zukunft vor , wie er im Schlafrocke neben seiner jungen , zärtlichen Frau in einer Weinlaube seines Gartens sitzen und Kaffee trinken würde , oder er sah sich , mit dem Prediger Tabak rauchend , zwischen seinen hohen Kornfeldern wandern und bewunderte schon jetzt im Geiste den reichen Segen der goldnen Aehren , indem er mit stolzen Schritten in seinem Zimmer auf und ab wandelte , und den Rauch aus der Pfeife , die er wirklich rauchte , vor sich hinblies . Das sind idealische Träume , rief er dann wohl , indem er sich mit der Hand rasch die kurzgelockten Haare durcheinander wühlte . Aber kann irgend ein Mensch hoffen , daß die Träume seiner Sehnsucht erfüllt werden , so bin ich es , denn mein Glück steht mir so nahe , daß ich es mit den Händen erreichen kann , und wahrlich , meine Welterfahrung wird es nicht vorüberfliehen lassen , sondern sicher ergreifen und festhalten . So von allen Seiten befriedigt hatte man sich getrennt . Der junge Gustav war von dem Grafen nach Breslau gesandt worden , wo er noch ein Jahr bleiben sollte , um dann auf die Universität , die er sich selbst wählen würde , abzugehn . Dübois , der den Jüngling väterlich liebte , hatte ihm beim Abschiede noch ein ansehnliches Geschenk aufgezwungen , ob er gleich mit Allem überflüssig versorgt war , denn auch der Graf Robert hatte ihn mit allen Beweisen herzlicher Freundschaft entlassen . So war nun Schloß Hohenthal , wo sich eben noch so viel Leben geregt hatte , auf einmal öde und verlassen , und nur aus den Zimmern des Arztes schimmerte dem Wanderer ein einsames Licht entgegen , das aber wie ein freundlicher Stern dem Hülfe Suchenden leuchtete , denn je mehr der Wohlstand und die Zufriedenheit des Arztes zunahmen , je mehr fühlte er sich verpflichtet , seine Wissenschaft , die er als die Quelle seines Glücks betrachtete , zum Heile seiner Mitmenschen anzuwenden , und wenn er auch täglich hochmüthiger wurde in der Ueberzeugung seines anerkannten Werths , so hinderte ihn dieser unschuldige Hochmuth doch nicht , täglich zugleich milder und wohlwollender zu werden . Der Graf war mit seiner Familie und seinen Freunden in Berlin angelangt , und hier versprach er der noch immer liebenswürdigen Adele , ihre und St. Juliens Angelegenheiten ordnen zu helfen , ehe sie die Rückreise mit diesem nach Frankreich antreten müsse . Denn wie sich auch das Schicksal des jungen Mannes gewendet hatte , so fiel es doch Niemandem ein , daß er anders handeln könne , als zu seinem Regimente zurückzukehren . Schon in Hohenthal hatte die Gräfin , nachdem die stürmische Bewegung der Seele sich gemildert hatte , die durch Entdeckungen entstehen mußte , welche die tiefsten Gefühle des Herzens aufregten , alle nöthige Auskunft über die Erhaltung ihres Sohnes empfangen . An jenem unglücklichen Tage , so hatte die Schwester des Grafen Evremont ihre Erzählung begonnen , als Dich , geliebte Schwester , und meinen theuern Bruder unerwartet ein entsetzliches Schicksal traf , kehrte ich ruhig , nachdem unsere kleinen Geschäfte abgemacht waren , mit unserer Leonore nach unserer Wohnung zurück . Ich sage Dir nichts von dem Jammer und der Verzweiflung , die hier meine Seele erfüllten . Ich dachte nicht an mich , ich wollte zu Euch , und wäre gewiß ohne den Freund und Retter , der mir wie ein Bote des Himmels erschien , ebenfalls ein Opfer der Grausamkeit geworden , die sich damals Vaterlandsliebe nannte . Der Chef des Handlungshauses , dem mein Vater und mein Bruder mit so großem Recht ihr Vertrauen schenkten , erschien , und wurde mein und Adolphs Retter . Ich war von Angst und Schrecken so betäubt , daß ich ihm willenlos folgte . Ich bemerkte kaum , daß er Leonore von mir trennte , und ahnte nicht , welcher Gefahr der gute Mann sich aussetzte , um die letzten Ueberreste des Hauses Evremont zu schützen . Erst später erfuhr ich , was ich Dir jetzt im Zusammenhange mittheile . Er mochte vielleicht selbst einige Hoffnung hegen , daß mein armer Bruder gerettet werden könnte . Vielleicht aber täuschte er mich auch nur mit dieser Hoffnung , damit ich ohne Widerstand mich seinen Maßregeln fügte . Genug , er brachte mich in eine entlegene Vorstadt , wo ein schon bejahrter Mann , sein Freund und Verwandter , Herr St. Julien , das Hinterhaus eines ansehnlichen Gebäudes bewohnte . Hier erfuhr ich , daß mein Erretter sein Haus verlassen hatte , um nicht wieder dahin zurückzukehren . Er hatte die Abwesenheit seines ersten Buchhalters benutzt , desselben , den er im Verdacht hatte , meines Vruders Unglück veranlaßt zu haben , und von dem er glaubte , daß er das Komptoir nur verlassen habe , um ihn selbst der Regierung als einen Feind des Vaterlandes zu bezeichnen . Die kurze Zeit , die dem alten Manne blieb , war von ihm benutzt worden , alle Wechsel und baar vorräthigen Summen mit sich zu nehmen , so wie die Hauptbücher seiner Handlung und wichtige von meinem Bruder bei ihm niedergelegte Papiere . Er hatte einen Miethkutscher genommen , den er , ehe er unsere Wohnung erreichte , mit einem andern vertauschte . Dieß that er noch zwei Mal , ehe wir die abgelegene Wohnung seines Freundes erreichten , der , obwohl nicht vorbereitet auf unsern Empfang , uns dennoch liebreich und bereitwillig bei sich aufnahm . Ich bemerkte bald , daß