nie wiedersehen . Jetzt durfte sie sich weniger als je in ein Liebesverhältnis einlassen , denn wenn sie jetzt den Gedanken faßte , zu heiraten — und ihr Eigentum von ihm forderte , war er verloren ! Seinem umsichtigen Verfahren gelang es bald , durch einen amerikanischen Agenten eine Stellung in einer großen chemischen Fabrik in New York zu erlangen . Ernestinen legte er einen glänzenden Vertrag vor , demzufolge sie dort gegen ein großes Honorar in einer naturwissenschaftlichen Gesellschaft einen Zyklus von Vorlesungen halten sollte . Die Tatsache , daß sie von einer deutschen Universität den Preis für eine Schrift erhalten , genügte , um ihr in Amerika einen Namen zu machen , und Leuthold tat das Seine redlich , um sie als ein Phänomen dort anzupreisen . Es mußte ihm in seinen jetzigen bedrohten Geldverhältnissen Alles daran liegen , sie in den Stand zu setzen , sich selbst ernähren zu können , damit sie nicht ihm zur Last fiel . Ging es mit den Vorlesungen auf die Länge nicht , so mußte sie sich eben entschließen , als „ Frauenarzt “ ihr Brot zu verdienen . Doch das verschwieg er ihr wohlweislich . Er erfüllte ihr ganzes Denken nur mit dem ungeheuern und unausbleiblichen Erfolg ihrer Vorträge . Es waren für eine ehrgeizige Frau unwiderstehliche Mittel , die er anwandte , um sie seinen Planen zu gewinnen . Als er ihr einige der großen amerikanischen Zeitungen brachte , worin sie durch lange Spalten ihr Lob las , welches natürlich ganz in dem dort üblichen , überschwenglichen Reklamenstil gehalten war , da bemächtigte sich ihrer eine Aufregung , die ihr das Blut fiebernd durch alle Adern jagte . Sie sah eine Zukunft vor sich , wie sie nie einem Weibe zu Teil geworden . Sie sah sich in einem der prachtvollen Riesensäle New Yorks vor einem Auditorium von Männern , die ihr , dem Mädchen , aufmerksam lauschten . Sie sah sich angestaunt als ein Wunder ihres Geschlechts . Die geheimsten Träume ihres Stolzes sollten sich verwirklichen , die Saat ihres stillen Fleißes sollte endlich aufgehen in der Öffentlichkeit , die Welt sollte widerhallen von dem Rufe dessen , was ein Weib kann ! Und dennoch wurde ihr die Wahl schwer . Und dennoch brauchte sie Wochen , um die wenigen Buchstaben ihres Namens unter den Vertrag zu schreiben und kein Werk , an das sie die Arbeit ihrer Tage , den Schlaf ihrer Nächte gesetzt , kostete sie so viel von ihrem Leben , wie diese einzige Unterschrift ! — Möllners schönes , strenges Antlitz hatte sie , wie Banquos Geist den Macbeth vom Thronsessel , immer wieder von dem Ergreifen dieser neuen Ehren zurückgeschreckt.99 Es war ihr , als beginge sie ein Verbrechen an ihm — und endlich in ihrer höchsten Zweifelsqual schrieb sie ihm heimlich . Sie teilte ihm Alles ehrlich mit , sie bat ihn um seinen Rat — sie verhehlte ihm nicht , daß sie keinen so entscheidenden Entschluß fürs ganze Leben fassen könne ohne seinen Segen . Warum dieser Brief nicht in Möllners Hände gelangte , das wußte außer Leuthold Niemand als Käthchen und dessen Vater . Tag für Tag verfloß , Ernestine wartete natürlich vergebens auf Antwort . Sie wartete wie auf die Entscheidung über Leben und Tod . Kein Schlaf senkte sich mehr auf ihre brennenden Lider , nur die unentbehrlichste Nahrung kam über ihre Lippen . Sie verzehrte sich in dem Verlangen nach einem Wort — einem einzigen Wort von Möllner und es kam nicht ! Sie war ihm nicht wert mehr , die Feder für sie einzutauchen , seit ihrer Zurückweisung seiner Bewerbung ließ er nichts mehr von sich hören . Er hatte seinen Schmerz besiegt , hatte sie aufgegeben und zwar schon nach so kurzer Zeit ! ! Und je größer die Sehnsucht gewesen , mit der sie seinen Brief oder seinen Besuch erwartet , desto größer war auch die Kränkung , die Erbitterung über sein Ausbleiben . So oft sie an ihren Schreibtisch trat , leuchteten ihr die großen Buchstaben des Vertrags mit allen seinen lockenden Verheißungen entgegen . Auf was wollte sie nun noch warten ? Weshalb sich nun noch besinnen ? — So war es gekommen , daß sie unterzeichnet hatte . Aber nun sollte auch nichts sie mehr in ihrem stolzen Vorhaben wankend machen . Es sollte ihre Rache sein , unwiederbringlich für ihn verloren zu bleiben , ohne Abschied zu verschwinden , um von einem fernen Weltteil herüber den Ruf ihrer verkannten Größe an sein Ohr schallen zu lassen . Selbst der Willmers vertraute sie sich nicht an , weil sie deren Geschwätzigkeit kannte . Erst am letzten Tage erhielt diese die Weisung , Ernestinens Fahrnisse so rasch als möglich zu verkaufen und ihr dann nachzukommen . Denn Leuthold wollte vor der Einschiffung von Gretchen Abschied nehmen , die er einstweilen noch in Deutschland zu lassen gedachte , und er hatte Ernestinen der Sicherheit halber bewogen , ihn dorthin zu begleiten ; er wollte sie keinen Tag mehr aus den Augen lassen . An Leonhardt schrieb sie einen innigen , schmerzlichen Abschied und bat ihn , ihre Bücher und Apparate so lange aufzubewahren , bis sie dieselben fordern werde . Sie wisse noch nicht , wo sie ihren festen Aufenthalt nehme und könne die Sachen daher jetzt noch nicht brauchen . Walter möge einstweilen damit weiter studieren . In diese zarte Form kleidete sie das kostbare Geschenk , welches sie den feinfühlenden Menschen mit den Dingen machen wollte , die Walter zu seinen Studien brauchte . Ihr Oheim sollte erst unterwegs erfahren , daß sie die physiologischen Werke und Geräte nicht verkaufen ließ , wie er es der Willmers aufgetragen . Er hätte es nimmermehr zugegeben , denn Ernestine hatte schon mehrmals zu ihrem Befremden wahrgenommen , wie sehr es ihm um bares Geld zu tun war . — Die Willmers hatte ihr in die Hand geloben müssen , Herrn Leonhardt erst nach Ernestinens Abreise den Brief zu geben und so war denn