nach Zigarrenrauch riecht ! Ich hab die Fenster aufgemacht . Und dein Kind ; es entbehrt die Mutter . Schau dir doch sein Gesichtchen an , wie kränklich und gelb es ist . « » Och , da kann ich nichts dafür , die Philippine tut ihm Mohn in die Milch , damit es langer schläft , « antwortete Dorothea nach der Art schuldiger Weiber , aus vielen Vorwürfen einen herauszugreifen , der ihnen ungerecht dünkt . Aber diese Antwort brachte Daniel zum Verstummen . » Ich bin so müd und schläfrig , « klagte Dorothea und schielte wieder mit dem spöttischen und sinnlichen Ausdruck nach ihm . Da er regungslos blieb , gähnte sie laut und fuhr ärgerlich fort : » Was weckst du einen denn mitten in der Nacht , wenn du bloß schimpfen willst ? Geh doch hinaus , du ekelhafter Mensch ! « Sie kehrte ihm den Rücken und stützte den Kopf auf die Hand . Dem Bett gegenüber hing ein goldgerahmter Spiegel . Sie erblickte ihr Bild darin , sie gefiel sich in ihrer beleidigten Haltung und begann zu lächeln . Daniel , der so hart und grausam gegen edle , nun zu Schatten gewordene Wesen hatte sein können , sah , wie sie sich verliebt anlächelte , im Spiegel , und fühlte Erbarmen mit dieser kindlichen Eitelkeit . » Es gibt ein chinesisches Märchen von einer Prinzessin , « sagte er und beugte sich über Dorothea , » die bekam von ihrer Mutter als Brautgabe eine Garnitur von Schachteln . In jeder Schachtel war ein kostbares Geschenk , nur die letzte , innerste , kleinste Schachtel war zugesperrt , und die Prinzessin mußte versprechen , sie niemals zu öffnen . Eine Weile hielt sie das Versprechen , aber die Neugier quälte sie immer heftiger , sie vergaß ihr Gelöbnis und machte die letzte , kleine Schachtel mit Gewalt auf . Da war ein Spiegel drinnen , und als sie nun ihr Bild erblickte und sah , wie schön sie war , fing sie an , ihren Gatten schlecht zu behandeln , und quälte ihn so , daß er sie eines Tages tötete . « Erschrocken starrte ihn Dorothea an . Dann lachte sie und erwiderte : » Och , wie dumm ! Solche Schauergeschichte . « Sie legte die Wange auf das Kissen und blinzelte wieder in den Spiegel . Am andern Morgen erhielt Daniel einen anonymen Brief folgenden Inhalts : » Haben Sie acht auf Ihre Frau , denn Sie erweisen dadurch Ihrer Ehre einen Dienst . Ein Gutgesinnter . « Er zerriß den Brief und warf die Fetzen in den Ofen . Ein kaltes Fieber schüttelte ihn . Ein paar Tage lang schleppte er sich wie mit vergiftetem Körper herum , allen im Hause wich er aus ; eines Nachts wieder trieb es ihn neuerdings zu Dorothea . Als er in ihr Schlafzimmer treten wollte , fand er die Türe zugeriegelt . Er klopfte und bekam keine Antwort . Er klopfte stärker , da rührte es sich in den Kissen drinnen . » Laß mich schlafen ! « rief Dorothea zornig . » Mach auf , Dorothea ! « bat er . » Nein , ich mach nicht auf , ich will schlafen , « schallte es heraus . Noch drei- oder viermal drückte er auf die Klinke , drei- oder viermal flehte er , daß sie ihn einlassen möge , aber sie gab keine Antwort . Da wollte er nicht weiter lärmen , stand noch eine Weile und schaute vor sich hin wie in ein schwarzes Loch und kehrte dann in seine Dachkammer zurück . 13 Friedrich Benda befand sich wieder in Europa . Alle Zeitungen hatten die Auffindung des Forschungsreisenden gemeldet . Im Herbst des vergangenen Jahres hatten ihn arabische Elfenbeinhändler im Lande der Niam-Niam getroffen , hatten sich seiner angenommen und den schwer Erkrankten zum Nil transportiert . In England wurde er als Held und kühner Pionier gefeiert , die Geographische Gesellschaft ernannte ihn zu ihrem Ehrenmitglied , und seine Erlebnisse bildeten das Tagesgespräch . Ende April kam er nach Nürnberg , um seine Mutter zu besuchen . Man hatte die blinde Greisin mit äußerster Behutsamkeit vorbereitet ; dennoch erlag sie fast der Freude , und eine Zeitlang war ihr Leben in Gefahr . Benda hatte nur eine Woche bleiben gewollt ; seine Geschäfte und seine Arbeiten riefen ihn nach London zurück ; er sollte Vorträge halten und den Druck eines Buches überwachen , in dem er die in Afrika verbrachten Jahre geschildert hatte . Die inständigen Bitten seiner Mutter bewogen ihn , seinen Aufenthalt zu verlängern . Zudem erlitt er gleich in den ersten Tagen einen Anfall jenes furchtbaren Fiebers , das er aus den Tropen mitgebracht hatte , und das ihn das Bett zu hüten zwang . Allmählich verbreitete sich in der Stadt das Gerücht von seiner Anwesenheit , und er wurde durch die Neugierde vieler belästigt , die sich vordem nicht im mindesten um ihn gekümmert hatten . Zu Daniel zog ihn eine tiefe Unruhe , und jede versäumte Stunde wurde zum Vorwurf . Aber seine Mutter wollte ihn tagsüber nicht von ihrer Seite lassen ; er mußte immer bei ihr sitzen und erzählen . Als er von den äußeren Ereignissen hörte , die sich in Daniels Leben abgespielt , erfüllte ihn Schrecken . Den stärksten Eindruck übte auf ihn die Kunde von seiner Verheiratung mit Dorothea Döderlein . Dann trug man ihm allerlei Nachrichten über die Ehe der beiden zu , und mit jedem Tag dünkte ihn der Gang zu Daniel schwerer . Eines Abends hatte er sich entschlossen , hinzugehen und befand sich schon auf dem Egydienplatz , da überfiel ihn eine solche Furcht vor der Veränderung , die durch Zeit und Schicksale mit dem Freund geschehen sein mochte , daß er wieder umkehrte . Es war ihm zumut , als könne er durch ein Bild getäuscht werden , das vielleicht noch die Züge des Daniel aus vergangenen Jahren zeigte , aber so verwandelt