während er sich zwang , es nicht zu bemerken , aber sichtlich sich hundertmal zurückhalten mußte , sie mit der zuckenden Hand nicht zu berühren . Gelang es ihr dagegen einmal , sich so zu stellen , als ob sie seine trocken väterliche Art verstehe und würdige , und dabei ein Weilchen die Hand auf seiner Schulter liegenzulassen oder gar sich wie ein unbefangenes Kind einen Augenblick an ihn zu lehnen , so leuchtete das Glück aus ihren Augen , und sie blieb dann den ganzen Abend hindurch zufrieden und genügsam . Das Verhältnis begann für alle schwierig und bedenklich zu werden , die Mutter ausgenommen , welche die Belebung ihres Hauses angenehm empfand und nicht zweifelte , daß Lys eines Tages mit einem ernsten Antrage sich einstellen werde , gerade weil er so zurückhaltend sei . Auch Erikson mühte sich , anderweitig in Anspruch genommen , nicht stark um die Sache , und besonders wenn wir das zierliche Haus zusammen verließen , ging er unverweilt seine eigenen Wege , während ich mit Lys bald vor seine , bald vor meine Haustüre zu wandeln und dort noch stundenlange zu verhandeln und zu streiten pflegte . Ich wagte zwar nicht , ihn des Mädchens wegen offen zur Rede zu stellen ; denn er war hierin kurz abgebunden und stellte sich , je unentschlossener er sich fühlte , um so fester , als einer , der wisse , was er tue und zu tun habe . Dafür nahm ich den Umweg durch metaphysische Disputationen , weil ich die Leichtfertigkeit , deren ich ihn mit aufrichtigen Schmerzen bezüchtigte , mit der Gottlosigkeit zusammenwarf , welche er in so später Stunde ebenso eifrig und närrisch verteidigte , wie ich sie unaufhörlich angriff . Wir sprachen zuweilen so lange und so laut durch die Stille der Nacht , daß die Scharwächter der Stadt uns zur Schonung der schlafenden Bürger vermahnten . Plötzlich aber , zur Zeit da das Künstlerfest vorbereitet wurde , unterbrach Lys einmal meine Rede , von der er wohl merkte , wo sie hinauswollte , und kündigte mit ruhigen Worten an , daß er die Agnes als seine Festgefährtin einladen und auf den Verlauf des Festes abstellen wolle , ob eine bleibende Verbindung zwischen ihnen sich ergeben werde . Bei derartigen Anlässen , sagte er , pflegen die befangenen Menschenkinder aus sich herauszugehen und schicksalsfähiger zu sein als in gewöhnlichen Tagen . Auch für ihn stehe die Sache so , daß er einer zufälligen Entscheidung bedürfe , indem die Kraft des Wunsches und die Besorgnis eines Fehltrittes sich vollkommen die Waage hielten . Agnes blühte augenblicklich in neuer Hoffnung auf , als der Geliebte das Wort des Heiles an sie richtete ; denn sie hatte schon in stiller Trauer dem Gedanken entsagt , im Glanze jener Festfreuden ihm auch nur nahe sein zu können . Aber sie wollte das Heil nicht berufen und fügte sich still und demütig allen seinen Anordnungen , als er mit den reichen Stoffen zu ihren Gewändern erschien , welche die schlanke Gestalt umspannen , ihren Wuchs zum Ausdrucke rein geprägter Schönheit bringen sollten . Aber während er ihre schwarzen Haarwellen , die für drei Mädchenköpfe ausgereicht hätten , vorprüfend durch die Hände laufen ließ und in neue Lagen ordnete und sie lautlos das Haupt dazu hinhielt , beschloß sie in diesem selben jungen Haupte stumm und feierlich , nur darnach zu trachten , wie sie ihn im rechten Augenblick in ihre Arme zwingen und ihr Leben unauflöslich mit dem seinigen verbinden möge . Der kühne Vorsatz konnte nur die Ausgeburt des kindlich einfachen , aber in Aufregung geratenen Wesens sein . Dreizehntes Kapitel Wiederum Faßtnacht Das größte Theater der Residenz war in einen Saal umgewandelt und hatte , voll erleuchtet , bereits die beiden Körper des Festheeres , die Darstellenden und die Zuschauer , in sich aufgenommen . Während auf den Galerien und in den Logen reihen die schauende Welt versammelt harrte und einstweilen sich selbst in ihrem Schmucke betrachtete , summten die Seitensäle und Gänge , dicht angefüllt von den sich ordnenden Künstlerscharen . Hier wogte es hundertfarbig und schimmernd durcheinander . Jeder war für sich eine inhaltvolle Erscheinung und Person , und indem er selber etwas Rechtem gleichsah , schaute er freudig den Nächsten , welcher in der schönen Tracht nun ebenfalls so vorteilhaft und kräftig erschien , wie man gar nicht hinter ihm gesucht hätte , trotzdem der Kern der Festgebenden nicht aus leeren Figuranten und Lebemenschen , sondern aus schwungvollen , vom Genius gehobenen Jünglingen und längst in gediegener Arbeit ausgereiften Männern bestand , welche einen rechtsgültigen Anspruch besaßen , die bewährten Vorfahren darzustellen . Außer den Malern und Bildhauern gingen im Zuge Baumeister , Erzgießer , Glas- und Porzellanmaler , Holzschneider , Kupferstecher , Steinzeichner , Medailleure und viele andere Angehörige eines voll ausgegliederten Kunstlebens . In den Gießhäusern standen zwölf Ahnenbilder für den Königspalast , soeben vollendet , jedes zwölf Fuß hoch und im Feuer vergoldet . Zahlreiche Statuen von Landes-und Geistesfürsten eigener und fremder Nationalität , zu Roß und Fuß , samt den Bildwerken ihrer Fußgestelle waren schon vollendet und in der Welt zerstreut , riesenhafte Unternehmungen begonnen , und es ging in den Feuerhäusern wohl schon so gewaltsam und kraftvoll her wie an jenem Gußofen zu Florenz , als Benvenuto seinen Perseus goß . In Fresko und Wachs waren schon unabsehbare Wände bemalt ; haushohe gemalte Fenster wurden gebrannt und zusammengesetzt in einem Farbenfeuer , das der Auferstehung einer untergegangenen Kunst angemessen war , um sie würdig zu feiern . Was die Gemäldesammlungen an seltenen und unersetzbaren Schätzen auf vergänglicher Leinwand bewahrten , wurde zur Erhaltung in dauernder Wiedergabe von geübten Arbeitern mit anspruchlosem Fleiße auf Porzellantafeln und edle Gefäße übergetragen mit einer Kunst , die erst seit wenig Jahren in solchem Grade bestand . Was nun der ganzen Trägerschaft dieser Kunstwelt , den großen und kleineren Meistern , den Gesellen und Schülern einen erhöhten Wert verlieh , das war der reinere Abglanz der ersten Jugendreife einer solchen Epoche