außer Seba Niemand liebte ? Alle Eltern liebten ihre Kinder ; alle Väter hatten ihre Kinder bei sich ; alle Väter freuten sich an ihren Kindern ! Warum freute sein Vater sich nicht an ihm ? Was hatte er verschuldet , daß sein Vater ihn nicht liebte , daß er ihn nicht sehen mochte , da er doch in seiner Nähe weilte ? Seit Jahren hatte er darüber nachgesonnen , ohne daß er sich die Sache zu erklären gewußt hätte , aber sie drückte ihn nur desto schwerer . Es ängstigte ihn , wenn seine Kameraden sich nach seiner Heimath , nach seinen Eltern , nach seinen Aussichten erkundigten , und gerade ihn , so meinte er , gingen sie immer mit solchen Fragen an . Er mochte nicht sagen , seine Mutter habe sich ertränkt , er mochte es Niemanden wissen lassen , daß sein Vater sich um ihn nicht kümmere , und Kinder verstehen es noch nicht , jene halben Antworten zu geben , mit denen Erwachsene sich vor einer ihnen unangenehmen Zumuthung zu schützen wissen . Aber eben die Befangenheit , die Verlegenheit , welche er nicht verbergen konnte , reizte die grausame Neugier seiner Genossen , weil sie ihnen ein ungewohntes Schauspiel bot ; und Kinder sind wie die Fliegen , die sich stets auf wunde Stellen setzen . Den ganzen Abend hatte er so am Fenster gestanden und in die Straße geschaut . Einstmals hatte die Mutter ihm befohlen : Zähle die Fenster des Schlosses ! Heute hatte er die Fenster der beiden Gasthöfe gezählt und zugesehen , wie die Lichter hinter denselben kamen und verschwanden , und sich gefragt und wieder gefragt : Wo mag denn meines Vaters Zimmer sein ? Wo mögen denn wohl die glücklichen Kinder schlafen , welche die Rehe hinter dem Gitter füttern und die hinter den goldenen Scheiben des schönen Schlosses wohnen ? Eine große Traurigkeit hatte ihn dabei überfallen . Er mochte nicht essen und mochte auch kein Licht haben . Was sollte er auf der Welt , in der er nicht Eltern , nicht Geschwister hatte , in der Niemand nach ihm fragte ? Wohin er seine Gedanken wendete , es freute , es reizte ihn nichts . Wozu sollte er lernen , wozu sich auszeichnen ? Wer kümmerte sich um ihn ? Was kam darauf an , ob etwas aus ihm wurde ? - Er hätte gern weinen mögen , hätte er ' s nur gekonnt . Die Augen waren ihm so müde und so schwer wie das Herz , er konnte sie kaum erheben , sie sanken ihm immer wieder nieder , als hätte er etwas Böses gethan und dürfe sie nicht aufschlagen . Es that ihm wehe , als plötzlich der helle Lichtschein ihn berührte , als die Kriegsräthin in das Zimmer trat und ihn fragte , weßhalb er hier im Dunkeln sitze . Aber er hatte es nicht nöthig sich zu entschuldigen , denn sie nannte es gut , daß er noch wach sei , nahm ihren Hut und Shawl ab , zog ihre langen Handschuhe aus und setzte sich dann dem Lichte gegenüber auf das Sopha . Ihr Hals und ihre Wangen sahen von der Erhitzung des Tages noch ganz roth aus . Sie hatte die entblößten Arme über einander geschlagen und sich weit nach hinten gelehnt . Das that sie immer , wenn sie mit dem Kriegsrathe oder mit Paul zu schelten gedachte . Es ließ auch nicht lange auf sich warten . Paul ! rief sie ihn mit ihrer trockenen Stimme an , die immer hart klang , wenn sie dieselbe nicht geflissentlich und schmeichelnd sänftigte . Komm ' einmal her , Paul , ich habe noch mit Dir zu sprechen ! Eine unbestimmte Ahnung durchzitterte ihn , und mit einer Bangigkeit , wie er sie nie zuvor empfunden , fragte er , ihren Mittheilungen voraneilend : Von meinem Vater ? Wie kommst Du darauf ? rief sie vorwurfsvoll , obschon seine Lebhaftigkeit ihr die Mühe einer Einleitung ersparte und ihr also recht erwünscht war . Mein Vater ist ja hier , sagte er schüchtern . Dein Vater , Dein Vater ! wiederholte sie im Tone des Tadels ; hat er Dir gesagt , daß er danach verlangt , Dein Vater zu sein ? Hat er Dir gesagt , daß Du sein Sohn bist ? Paul sah die Kriegsräthin erschrocken an ; er verstand nicht , was sie meinte . Hat der Herr Baron von Arten oder haben wir es Dir jemals gesagt , daß Du sein Sohn bist ? Nein , versetzte er leise , denn jedes Wort , das die Kriegsräthin zu ihm sprach , schmerzte ihn mehr als ein Schlag . Woher bildest Du es Dir denn ein ? Woher kommst Du auf den Einfall ? Meine Mutter hat es mir gesagt , entgegnete er gepreßt . Ach , Deine Mutter ! rief die Kriegsräthin ; Deine Mutter hätte auch etwas Klügeres und Besseres thun können , als Dir solche Dinge in den Kopf zu setzen ; sie wußte ja am besten , wie es mit Dir stand ! Der Knabe regte sich nicht , aber seine Mienen drückten eine solche Angst aus , daß der Kriegsräthin bange davor wurde , und mit dem Gedanken , daß sie ein Ende machen und allen Thorheiten ihres Pflegesohnes vorbeugen müsse , sagte sie schnell und fest : Ist es Dir denn noch niemals aufgefallen , daß Deine Mutter keine Baronin war und nicht in dem Schlosse bei Deinem Vater wohnte ? Er antwortete ihr nicht . Siehst Du also , fuhr sie fort , wie gedankenlos Du immer bist ! Wenn Du es Dir nur ein wenig hättest überlegen wollen , würdest Du Dir Alles selber haben sagen können ! Deine Mutter war ja gar nicht die Frau des Herrn Barons , war nur von niederem Stande , ein Bauermädchen oder so etwas , und gar nicht mit dem Herrn Baron getraut ! Das ist aber eine Sünde und