daß sie nicht einmal in das bewundernde : Ah , wie schön , wie herrlich ! einzustimmen vermochte , in das die übrige Gesellschaft ausbrach , als man einige Minuten später aus dem Walde auf den Rand des hohen Ufers hinaustrat . Die Sonne war soeben in das Meer gesunken und schien die in allen Schattirungen von Roth und Gold prangenden Wolken wie in einem Strudel hinter sich herzuziehen . Von dem Punkte , wo sie untergegangen war , schossen lichte Streifen durch die Wolken nach allen Seiten bis hoch hinauf in den durchsichtig blauen Himmel . Die See war nach dem Horizonte hin ein Feuermeer , und auf einzelnen höheren Wellen zitterten die goldenen Funken bis zum Strand herüber . Das hohe vielfach zerklüftete Kreide-Ufer und der Buchwald , der es krönte , waren von dem rothen Abendschein , wie von einer bengalischen Flamme angestrahlt . Rings umher tiefe feierliche Stille , nur unterbrochen von dem dumpfen Rauschen der Wogen unten auf den Kieseln des Strandes , und dann und wann von dem grellen Schrei einer Möve , die über den erregten Wassern flatterte . Die Gesellschaft stand , in Betrachtung des herrlichen Schauspiels , das mit jedem Augenblicke wechselte , verloren , gruppenweis da . Oswald , dem die ewigen Ausrufe der Bewunderung , an denen sich besonders die Baronin und Felix überboten , nachgerade langweilig wurden , hatte sich etwas von den Uebrigen entfernt und sich auf die bloßliegende Wurzel einer mächtigen Buche gesetzt . Haben Sie noch einen Platz für mich ? fragte Helene , die ihm gefolgt war . Ich räume Ihnen gern den meinigen ein , sagte Oswald aufstehend . Nur für einen Augenblick ; ich weiß nicht , der Spaziergang hat mich außergewöhnlich müde gemacht . Sie sind heute Morgen vielleicht zu lange im Garten gewesen . Nein , aber à propos , wie kommt es , daß ich Sie heute und auch schon gestern nicht gesehen habe ? Bloßer Zufall . Das freut mich . Weshalb ? Ich fürchtete , aufrichtig gestanden , ich hätte Sie aus dem Garten vertrieben ; ich dachte , dies ewige Sichbegegnen mit derselben bewußten Person wäre Ihnen unleidlich geworden . Sie denken in der That äußerst bescheiden von der bewußten Person . Nein , spotten Sie nicht ; ich dachte es im Ernst - ja und noch mehr : Sie sind seit vorgestern Abend sehr still und , wie mir vorkam , besonders kurz gegen mich . Sie haben mir auch gestern meine Literaturstunde , auf die ich mich so sehr freute , nicht gegeben . Bin ich vielleicht unwissentlich die Veranlassung - Wie meinen Sie ? Nun , ich rede manchmal , was vielleicht hart und anmaßend klingt ; wenigstens ist mir dieser Vorwurf oft gemacht worden ; aber ich meine es wirklich nicht so - Und Helene blickte mit ihren großen dunkeln Augen freundlich zu Oswald empor , der in Bewunderung ihrer Schönheit und in Erstaunen über diese plötzliche und unerklärliche Milde und Theilnahme verloren , vor ihr stand . Was sehen Sie mich so seltsam an ? Daß sich so viel Güte hinter so viel Stolz verstecken kann ! Ist es denn die Welt werth , daß wir ihr unser Herz zeigen ? Eine sonderbare Frage in dem Munde eines so jungen Mädchens . Freilich , wir dürfen ja über nichts nachdenken . Wir sind , wenn ' s hoch kommt , hübsche Puppen , mit denen man spielt und die man an den ersten Besten verschenkt , der merken läßt , daß er uns gern haben möchte . Cousine , rief Felix , wir wollen zum Strande hinabgehen ; wollen Sie mit ? Nein ! sagte Helene , ohne sich nach dem Sprechenden umzuwenden . Es ist eine reizende Partie ; rief Felix . Möglich ; erwiederte das junge Mädchen kurz , ohne ihre Stellung zu verändern . Felix kam zu dem Platze , auf dem sich Oswald und Helene befanden , herüber und sagte : Aber , Helene , Sie werden doch diese erste Bitte , die ich an Sie richte , nicht abschlagen ? Weshalb nicht ? erwiederte diese und der Ton ihrer Stimme klang eigenthümlich scharf und bitter ; ich kann das Bitten und die Bittenden nicht leiden , das können Sie nicht früh genug lernen . Haben Sie sich den Fuß vertreten , theuerste Cousine ? Weshalb ? Weil Sie so unbeweglich sitzen und in so schauderhafter Laune sind ; erwiederte Felix lachend und ging ohne ein Zeichen , daß ihn das Benehmen Helenens irgend verletzt habe , zu den Uebrigen . Wollen Sie sich nicht der Gesellschaft anschließen , Herr Doctor ! fragte Helene , auf deren Wangen noch die Erregung der letzten kleinen Scene brannte , als jetzt die Andern den ziemlich steilen Weg , der zum Strand führte , hinabzusteigen begannen . Sie wünschen allein zu sein ? Nicht doch ; im Gegentheil , ich freue mich , wenn Sie hier bleiben wollen . Nach der geistreichen Unterhaltung von heute Mittag und heute Abend fühlt man das Bedürfniß , endlich einmal ein verständiges Wort zu sprechen . Sie haben mir noch immer nicht gesagt , ob ich Ihnen , ohne es zu wissen und zu wollen , durch irgend eine unvorsichtige Bemerkung vielleicht , weh gethan habe ? Nein , durchaus nicht . Ich habe vorgestern Abend eine Nachricht erhalten , die mich sehr betrübt . Erinnern Sie sich des Professor Berger von Ihrer Badereise nach Ostende vor drei Jahren ? Ei gewiß ! wie könnte man den vergessen ! Mir ist , als ob ich ihn gestern gesehen hätte , so deutlich steht er vor mir mit seinen geistvollen Augen unter den buschigen Brauen und stets mit einem Bonmot auf den Lippen . Was ist mit ihm ? er ist doch nicht gar todt ? Nein , schlimmer als das - er ist wahnsinnig geworden . Um Gottes Willen ! der Professor Berger - dieses Bild der Klarheit und Geisteshoheit ! Wie ist das