. Er fand keinen Grund , ihr diese Beleidigung zuzufügen , wohl aber hundert Gründe , das Gegenteil zu tun . » Komm , Katharina « , sagte er , am Wege stehen bleibend . » Ich heiße nicht Katharina « , erwiderte sie . » Christina ist mein Name . « » Du heißt also wie meine Frau ? « rief er erstaunt . » Warum haben dir denn die Deinigen einen falschen Namen gegeben ? « » Um meiner Sicherheit willen « , antwortete sie . » Ich bin aller Länder , außer Frankreich , Sachsen und Ungarn , verbannt , hab überall Urfehde schwören müssen , und wenn ich mich betreten ließe , so ging mir ' s um den Hals . « » Noch so jung und schon so viel erlebt ! « sagte er . » Von Kindesbeinen an bin ich in der Welt herumgehetzt und hab früh lernen müssen auf eigenen Füßen stehen , denn meine Mutter kann mir raten , aber nicht helfen , sie ist eben eine uralte Frau . « » Wo ist sie jetzt ? « » Sie betet ein Pater und Ave Maria ums andere , damit unser nächstes Vorhaben gelingen möge . « » Das kommt mir sonderbar vor « , bemerkte er . » So gut stehen wir Lutheraner nicht mit dem Himmel , daß wir so frei wären , ihm zuzumuten , er solle uns bei - solchen Dingen noch behilflich sein . « » Warum denn nicht ? « versetzte sie ruhig . » Deine honetten Spießbürger , die Ketzer wie die katholischen Christen , beten auch täglich zu Gott , daß er sie in ihrer Hantierung segnen möge , und was ist ihre Hantierung ? Einander bestehlen , betrügen , unterdrücken , den guten Namen morden . Geh in den Landen umher und zähle die Leute , die im wahren Sinn des Wortes ehrlich sind und also allein zu beten berechtigt wären . Du wirst keine große Tafel zum Aufschreiben brauchen . « » Du hast recht « , erwiderte er . Sie gingen einige Zeit stumm nebeneinander , während welcher er es nicht unterlassen konnte , wiederholt ihre Augen zu suchen . » Du scheinst mir nicht recht aufgeräumt zu sein « , begann sie nach einer Weile . » Es gefällt dir nicht bei uns . « » Was das betrifft « , erwiderte er mit einem mehr als freundschaftlichen Blicke , » so glaubst du wohl selbst nicht , was du sagst . Aber wahr ist ' s , es hat mich verdrossen , daß ich nur als Schmarotzer mitlaufen und außen Wache stehen soll , während die anderen die Gefahr auf sich nehmen . Das halbe Sündigen ist mir in Tod zuwider : entweder ganz oder gar nicht ! Auch liegt ein Mißtrauen drin : ich merk ' s wohl , man will mich nur probieren . « Sie lächelte freundlich und zutraulich mit einem Ausdruck von Achtung , den er tief empfand . » Du irrst dich « , versetzte sie . » Es hätte sich nicht geschickt dich stärker in Anspruch zu nehmen , wo es sich darum handelte , ein Geschenk für dich aufzutreiben . Auch hast du dich ja nur zu einem einzigen Unternehmen anheischig gemacht , brauchst also das von heute nacht nicht zu rechnen . Wenn du so ehrenhaft denkst , selbst Hand anlegen zu wollen , statt andere für dich arbeiten zu lassen , so soll ' s dir nicht lang an Gelegenheit fehlen . « » Nur zu ! « rief er , mit finsterer Entschlossenheit die Stirne faltend . » Du scheinst mir aber doch nur mit halber Seele dabei zu sein « , setzte sie hinzu , » denn du sprichst von sündigen und nimmst die Sache schrecklich ernsthaft . Ich merke wohl , an was du klebst . Tor ! Die Menschen sind alle von einem Schlag , nur mit dem Unterschied , daß die einen den Galgen andiktieren und die anderen ihm davonlaufen . Wenn aber Stehlen todeswürdig ist , so gehört den einen so gut wie den anderen der Strang . Daß die Spitzbuben mit Haus und Hof über die heimatlosen Spitzbuben herfallen und ihnen von jeher nichts haben gönnen wollen , das ist eben eine ungerechte Verfolgung . « Der überlegene Ton , der ihn von einem Manne abgestoßen haben würde , machte aus diesem Munde einen mächtigen Eindruck auf ihn . Er fühlte sich gedemütigt und angezogen zugleich . » Wenn du aber der Sünde , wie du ' s heißt , ganz absagen willst « , fuhr sie lachend fort , » so kann ich dir in meiner eigenen Familie ein Musterbild von Tugend und Ehrbarkeit aufstellen . Lache nicht , es ist buchstäblich wahr . Ich habe noch eine zweite Schwester , die sich am Tode so vieler Verwandten ein Exempel genommen hat und sich mit ihrem Manne , einem Scherenschleifer , ehrlich und redlich fortbringt . Sie ist nicht besonders schön , dabei etwas schmierig und schlampig , wie es auch bei ihrer armseligen Lebensart nicht anders sein kann . Wir haben zwar keinen großen Geschmack aneinander , aber wenn du eine Empfehlung willst , um das Scherenschleifen zu lernen , so steh ich zu Diensten . « » Es hat wohl eine Zeit gegeben « , sagte er , » wo mir dieses verachtete Handwerk gut genug gewesen wäre ; aber jetzt bin ich freilich dazu verdorben . Du hast keinen Begriff , von was ich mich losreißen muß . Du sagst selbst , du seiest von Kindesbeinen an hinausgestoßen gewesen und habest dich gegen die Welt wehren müssen . Aber denk dir einmal , du seiest der Sohn des vermöglichen Sonnenwirts in Ebersbach , der nicht zu rauben braucht , weil er Geld genug hat , und seiest von einer liebevollen , sorgsamen Mutter , die alle Tage zu dir sagt : Mein Kind , fliehe die Sünde ! zur