trat zu einer Gruppe von Bauern , welche Steinhausen eben verlassen hatte , faßte zwei bei der Hand ( denn er konnte sich dazu verstehen , weil er Handschuhe trug ) und rief im biedersten Hoftone , dessen er mächtig werden konnte : » Wie freut man sich , wenn man immer in Zwangsverhältnissen leben muß , darf man einmal unter euch gemütliche , von jeder Fessel der Konvenienz entbundene Naturmenschen treten ! « Dieses Lob klang den Bauern wie Chaldäisch , und sie begannen sich nun vor ihrem Gönner zu fürchten , denn sie meinten , er habe ihnen eine neue Steuer ankündigen wollen . Sie wichen daher , wie in der Kirche , scheu vor ihm zurück , und die beiden an der Hand Ergriffenen steckten die Hände in die Rocktaschen . - Der Diakonus , welcher die ganze Zeit über den Mühwaltungen seiner vornehmen Bekanntschaft mit Behagen gefolgt war , trat zu dem unglücklichen Herablassenden und sagte : » Exzellenz , die Leute sind zu dumm , um Sie zu fassen . Übrigens bin ich der untertänigen Meinung , daß Sie , wofern Sie länger unter ihnen verweilten , bald von Ihrem Glauben zurückkommen würden . « » Wieso ? « » Gemütlich sind die Bauern gar nicht . Exzellenz , die Leute haben keine Zeit zum Gemüt . Gemüt kann man nur haben , wenn man wenig zu tun hat , der Bauer aber muß sich zuviel placken und schinden , um sich auf das Gemüt legen zu können . Er ist durch und durch gerader Verstand , Ernst , Eigensinn und erlaubter Eigennutz . Weil diese Mischung nun aber wie für die Ewigkeit bei ihm zu sein scheint , so hat sie etwas Ehrwürdiges , etwas so Ehrwürdiges wie der Granit , der auch , hart und schwer , die Erde hält . Der Bauernstand ist der Granit der bürgerlichen Gemeinschaft . « » Sie müssen sie besser kennen . - Wenigstens aber hatte ich darin recht , daß ich sie von den Fesseln der Konvenienz gelöste Naturmenschen nannte . « » Im Gegenteil - Exzellenz verzeihen - der Bauer ist zwar viel im Freien , aber nichts weniger als ein Naturmensch . Er hängt so sehr von Konvenienz , Herkommen , Standesbegriffen und Standesvorurteilen ab , wie nur die höchste Klasse der Gesellschaft . Im Mittelstande allein gilt die Freiheit des Individuums , in diesem Stande fließt einzig der Strom der Selbstbestimmung nach Charakter , Talent , Laune und Willkür . Der Bauer denkt , handelt , empfindet standesmäßig und hergebrachterweise . Die Abstufungen werden in den Dörfern wenigstens ebenso festgehalten als in den Schlössern und Palästen . Ich unterstehe mich , Ihnen zu versichern , daß dieser Hofschulze auf den Kolonen mit demselben Stolze hinuntersieht , wie nur der reichste Majoratsherr auf den Briefadel von gestern blicken kann . Ich wollte es keinem Burschen aus einem kleinen Hofe raten , um die Tochter aus einem Oberhofe zu freien . Dieselben Verwickelungen würden entstehen , als in dem Falle , wenn ein Kaufmannsdiener zu einer Erbgräfin emporblickt . Gerade hier - vom Oberhofe - geht eine alte halbverklungene Sage umher , die den schauderhaften Ausgang einer solchen mißgewandten Neigung meldet . Durch meinen nahen Verkehr mit diesen Leuten hat sich die Ansicht bei mir festgestellt , daß der Bauernstand nur einen zweiten ihm ähnlichen hat , den sogenannten alten oder hohen Adel , wo ein solcher nämlich noch wahrhaft besteht . Der Mittelstand ist eine von beiden ganz verschiedene Schicht . Bauer aber und hoher Aristokrat stimmen darin überein , daß ersterer sowohl als letzterer weniger sich , als ihrer Gattung angehören , zuvörderst Bauer sind und Aristokrat und erst nachher Mensch . « Der mythische Kavalier , welcher diese unerwartete Parallele zu hören bekam , schwieg einige Zeit tiefsinnig . Dann versetzte er : » Sie haben , Herr Prediger , dieses mehr aus Büchern . Ich versichere Sie , daß wir mit der Zeit fortgeschritten sind . Wir heiraten sogar Jüdinnen . « » Exzellenz « , fuhr der Diakonus mit aller Vergessenheit eines deutschen Gelehrten heraus , » der Adel , den Sie meinen , ist ein reines Garnichts und kommt mir höchstens vor wie der Schwamm im Hause . « Hierauf wollte die Exzellenz ein Gesicht machen , welches erhaben aussehen sollte ; es ließ sich jedoch nur vornehm an . In diesem Augenblicke kam sein Privatsekretär und meldete , daß der Wagen , zur Weiterreise fertig , vor dem Hofe halte . Er ging hierauf , sehr höflich von dem Hofschulzen und dem Diakonus geleitet , zur Pforte , wo er beide entließ . Gedanken hatte er nicht über das Vorgefallene , sondern nur die Absicht , auch den Diakonus als unruhigen Kopf bei Gelegenheit zu denunzieren . Dieser ging mit dem Hofschulzen still lächelnd zurück , sagte aber nichts . Im Baumgarten spielten die Musikanten auf und der Tanz begann . Der Bräutigam , welcher nun endlich auch zu einem Vergnügen gelangte , führte zuerst die Braut auf , dann brachte er sie den nächsten Anverwandten , einem nach dem andern zu , um auch ein Gängelchen mit ihr zu machen . Erst tanzten sie Menuett , einen Munteren darauf , und dann den sogenannten Schustertanz mit seinen possierlichen Sprüngen . Das Gras im Baumgarten war bald niedergetanzt und der Boden so glatt geworden wie eine Tenne . Die Köpfe hatten sich erhitzt , die Männer jauchzten , die Mädchen kreischten und es war viel Lärmens , Springens und Jubilierens im Oberhofe . Achtes Kapitel Eine Idylle in Feld und Busch Indessen liefen der Jäger und sein Wild durch den Eichenkamp nach den Kornfeldern , Triften und Hügeln . Das Wild floh nicht vor dem Schützen , es ließ sich küssen und streicheln ; es war ein sehr zahmes Wild geworden . Der Jäger trieb tausend Possen mit dem Wilde , er ringelte die gelben Locken sich um die Finger , und dann küßte er sie , er