! Wir brauchen nur die Einzelnen recht ernstlich ins Auge zu fassen , die wir , in unsrer Idee zu einem Ganzen versammelt , als Richter über Glück und Unglück anzusehen uns gewöhnten , um verachtend , und über unsre bisherige Verblendung lachend , aus der schimpflichen Knechtschaft zu scheiden . « » Sachte , sachte , junger Freund , « erwiderte freundlich wenn gleich mit aufgehobnem drohendem Zeigefinger Frau von Willnangen . » Was ich andeuten wollte , war nicht ganz so gemeint , wie Sie es nehmen . Nie soll man , ohne die äußerste Noth der öffentlichen Meinung den Krieg ankündigen . Eine große Masse , sie sey zusammengesetzt wie sie wolle , ist immer etwas Furchtbares und hat Ansprüche auf unser Nachgeben in billigen Dingen ; sie rächt sich schwer und sicher , wenn wir es ihr versagen . Indessen muß ich mich aber doch zu dem Glauben bekennen , daß es Fälle geben kann , in welchen es erlaubt , sogar billig ist , einmal eine Ausnahme von der großen Regel zu machen und sich nicht viel um das zu kümmern , was die andern etwa sagen möchten . Zum Glück aber sind diese Fälle obendrein gewöhnlich solche , bei denen gerade diese aus Leuten zusammengesetzte Welt , trotz ihrer gewohnten Kälte und ziemlicher Absurdität , dennoch zuletzt sich bewogen findet , uns beizustimmen . « Frau von Willnangen schwieg hier , doch da niemand das Gespräch fortzusetzen den Muth bezeigte , nahm sie nach einer kleinen Pause es wieder auf . » Ich glaube , « sprach sie , » daß die Frage , ob der Graf uns nach Schloß Aarheim begleiten soll oder nicht , gerade zu jenen Fällen gehört , deren ich eben erwähnte . Man hat sich seit langem schon gewöhnt , ihn als zu uns gehörend zu betrachten , man hat sich schon tausend mal darüber so müde gesprochen und gewundert , daß man vielleicht sogar recht erfreut wäre , durch sein Hierblieben während wir fortgehen , neuen Anlaß zur Verwunderung und zu Muthmaßungen zu erhalten . Ueberdem bin ich überzeugt , daß das , was man über seinen Besuch auf Schloß Aarheim sagen könnte , so wenig von dem verschieden seyn wird , was man bis jetzt wahrscheinlich schon gesagt hat , daß es deshalb wohl schwerlich der Mühe verlohnen möchte , uns ein Entbehren aufzulegen , welches wir alle Drei doch schmerzlich empfinden müßten . « » Ich bitte , lassen Sie uns in dieser Stunde noch nichts entscheiden , « nahm jetzt Gabriele das Wort . » Morgen sind wir ruhiger , dann sehen wir alle heller , was zu thun ist , was nicht ? Ich würde es dann vielleicht am liebsten Hippolits eigner Entscheidung überlassen , ob er sogleich in diesen Tagen uns begleiten will , oder ob er es für besser hält später meiner Einladung zu folgen wenn - « eine kleine augenblickliche Schwäche verhinderte sie hier zu vollenden und zwang sie Ruhe zu suchen . Ernestos höchst unerwartete erfreuliche Erscheinung machte am folgenden Tage allem Zweifel und allem Berathen über diesen Gegenstand ein Ende . Er stand plötzlich in der Mitte seiner Freunde , ohne daß einer von ihnen seine nahe Ankunft nur geahnet hatte , denn der Brief , der sie Hippoliten verkünden sollte , war verspätet oder vielleicht verloren ; ein gar nicht ungewöhnlicher Fall auf den italienischen Posten . Hippolits beängstende Darstellungen von Gabrielens Zustand , vereint mit Ottokars dadurch veranlaßter und mit jedem Tage wachsender Besorgniß um sie , hatten ihn aus seinem geliebten Rom getrieben . Er wollte selbst sehen , helfen , retten , trösten wo es Noth that , und nun schien bei seinem lange entbehrtem Anblicke Gabrielen neues Leben zu durchströmen . Sie eilte auf die erste Nachricht seiner Ankunft ihm entgegen , fröhlich und leicht , fast wie ehemals ; ihre bleichen Wangen röthete die Freude und ihr ganzes Wesen schien mit einemmale alle bange Besorgnisse ihrer Freunde vernichten zu wollen . Ernesto und Frau von Willnangen erklärten scherzend den Anstand für völlig abgefunden , jetzt da die Damen nicht mehr nur einen , sondern zwei Männer des Glückes würdigten , sie begleiten zu dürfen , und Gabriele hatte ihre eignen stillen Gründe , ihren Freunden hierin nicht zu widersprechen . Die Reise ging vor sich , wenige Tage nach Ernestos Ankunft , und unter den frohesten Hoffnungen , zu denen Gabrielens fortwährendes Wohlbefinden Alle zu berechtigen schien . Die Luft ihres Geburtsortes , die Ruhe , die Stille , der balsamische Waldeshauch bewirkten augenscheinlich ein Wunder , dessen Anblick alle Bewohner der Burg mit unbeschreiblicher Freude erfüllte . Nur Ernesto hatte dem kleinen Kreise dieser durch die innigsten Bande vereinigten Menschen noch gefehlt ; mit ihm war erst das rechte Leben unter sie gekommen , im ernsten Scherze und frohem Ernste , in ewig rascher Theilnahme und stetem unterhaltendem Wechsel der sie aufregenden Gegenstände . Ihnen selbst schien ihr Glück unermeßlich . Doch leider sank es nur zu bald wieder , wie alles Glück dieser Erde . Gabriele vermochte nur kurze Zeit alle den Wonnen und Schmerzen zu widerstehen , die stärker als je zuvor heimlich auf sie einstürmten . Ihre Kräfte schwanden eben so schnell , als sie wiedergekehrt waren , und ihre Lieben begannen von neuem , sie und einander mit immer hoffnungsloserem Blicke zu betrachten ; besonders Ernesto . Er allein las deutlich in Gabrielens Herzen alles unausgesprochne Weh , unter dessen Last es erlag , und sein eignes drohte vor Schmerz und Reue zu zerspringen , wenn er daran dachte , daß er Jahre vorher mit prophetischem Geiste alles vorhergesagt habe , was jetzt in trauriger Erfüllung ihn der Verzweiflung nahe brachte , und daß er doch dabei verblendet genug gewesen sey , um nicht Hippolits Rückkehr zu Gabrielen aus allen Kräften zu verhindern . Er begriff es nicht , wie es ihm möglich gewesen , später die Gefahr zu übersehen , welche die Nähe des schönen liebenswerthen Mannes