sie seine Lippen wirklich in zwei Gestalten genoß , in der redenden und in der handelnden ; von ihr wollt ' er , wie gesagt , nur ein Paar offne Ohren . In diesem Kapitel nahm er noch einige Möglichkeit ihrer - Heirat an ; die Männer vermengen so leicht den Reiz einer neuen Liebe mit dem Wert und der Dauer derselben . Er machte sich an sein zweites Kapitel und schwamm darin selig in den Tränen , aus denen er es zu schreiben suchte . In der Tat gewährte ihm diese Augenlust mehr wahre Freude als fast die besten Kapitel . Wenn er so neben ihr saß und trank - denn wie ein totes Fürsten-Herz begrub er gern sein lebendes in Kelche - und nun anfing zu malen sein Leben , besonders seinen Tod , und seine Leiden und Irrtümer vorher und seinen Selbst- und Knabenmord auf der Redoute und seine weggestoßene Liebe für Linda : wer war da mehr zu Tränen bewegt als er selber ? - Niemand als Rabette , deren Augen - durch ihren Vater und Bruder so wenig mit Männertränen bekannt geworden als mit Elefanten- , Hirsch- und Krokodilstränen - desto reicher in seine Trauer und Liebe , aber nicht so süß als bitter überströmten . Das goß wieder neues in seine Flamme und Lampe , bis er am Ende wie jener Schüler des Hexenmeisters von Goethe die Besen , welche Wasser zutrugen , nicht mehr regieren konnte . Poetische Naturen haben eine mitleidige ; gleich der Justiz besolden sie neben der Folterbank einen Wundarzt , der die gebrochnen Glieder sogleich wieder ordnet , ja sogar vorher die Stellen der Quetschungen reguliert . Der Mann sollte nie seinetwegen , ausgenommen vor Entzückung , weinen . Aber Dichter und alle Leute von vieler Phantasie sind Zauberer , welche - gerade als Widerspiele der verbrannten Zauberinnen - leichter weinen , obwohl mehr vor Bildern als vor dem rohen , wunden Unglück selber , um die armen Zauberinnen auf die schlimmste Wasserprobe zu setzen . Trauet nicht ! Auf dem Machinellen-Giftbaum werden die Regentropfen giftig , die von seinen Blättern rollen . Indes muß es nie verschwiegen werden , daß der Hauptmann in diesem zweiten Kapitel seinen Entschluß bestärkte , die gute und so weiche Rabette wirklich zu - ehelichen ; » du weißt , « ( sagt ' er zu sich ) » was im ganzen an den Weibern ist , ein paar Mängel auf oder ab tun wenig ; deine männliche Narrheit , sie wie die Zins- und Deputattiere ohne Fehl zu fodern , ist doch wohl vorüber , Freund . « - Jetzt setzt ' er sich hin , um zu seinem dritten Kapitel einzutunken , worin er spaßte . Seine Lippen-Allmacht über das zuhorchende Herz erquickt ' ihn dermaßen , daß er häufige Versuche machte , ob sie sich nicht halb tot lachen könnte . Weiber nehmen in der Liebe aus Schwäche und Feuer das Lachkraut am leichtesten ; sie halten den komischen Heldendichter noch mehr für ihren Helden - und beweisen damit die Unschuld ihres Auslachens . Aber Roquairol liebte die Lachende weniger . In seinem vierten Kapitel - oder Sektor , oder Hundsposttag , oder Zettelkasten , oder wie ich sonst ( lächerlich genug ) statt der Zykel abteile - in seiner vierten Jobelperiode , sag ' ich , hielt es sozusagen härter mit ihm . Rabette wurd ' es endlich gewohnt und satt , daß er immer abstieg und den zwischen den Rädern hängenden Teertopf der Tränendrüse aufmachte , um den Trauerwagen zu teeren . Tiefes Rühren und Bewegen wurd ' ihm täglich sauerer gemacht und vergället , er mußte immer längere und grellere Trauerspiele geben . Da fing er an zu merken , daß die Zunge des Landmädchens nicht eben die größte Landschaftsmalerin , Seelenmalerin und Silhouettrice sei und daß sie zu ihm wenig mehr zu sagen wisse als : du mein Herz ! Er machte deshalb im vierten Kapitel seltnere Besuche ; das half wieder viel , aber kurz . Glücklicherweise gehörte die halbe Meile von Pestitz nach Blumenbühl zu Rabettens Schönheitslinien und Strahlen ; in der Stadt , in einer Straße oder gar unter einem Dache wär ' er zu kalt geblieben vor Nähe . Die natürlichste Folge aus einem solchen Kapitel ist das fünfte oder das Wechselkapitel , das einige Flammen noch durch den immer schnellern Wechsel von Vorwürfen und Versöhnungen aufbläset , so daß beide sich , wie elektrische Körper kleine , wechselnd anziehen und abstoßen . Zuweilen trank er nichts und fuhr sie bloß an , zuweilen nahm er sein Glas und sagte zu ihr : » Ich bin der Teufel , du der Engel . « Den größten Stoß gab seiner Liebe sein Vater durch den Beifall , den er ihr wider Verhoffen schenkte . Dem Hauptmann war gänzlich so , als begeh ' er die Silberhochzeit , wenn er einmal die goldne feiere . Im Dienste der Liebesgöttin wird man leichter kahl als grau ; er war schon gegen die Silberbraut moralisch-kahl . Zum Glücke trieb er kurz vor dem Flammensonntag in Lilar144 alle Vernachlässigungen und Sünden so weit , daß er am Sonntag imstande war , sie zu verfluchen ; nur nach Zürnen und Sündigen konnt ' er leichter lieben und beten , wie der kriechende Springkäfer sich nur aufschnellt , auf den Rücken gekehrt . Es ist wohl wenigen Lesern aus jenem Sonntag entfallen , wenigstens entgangen , daß Roquairol morgens mit Rabetten im Flötentale gesessen - daß Rabette da beklommen und einsam gesungen - und daß er aufgelöset seinem von der Liebe verherrlichten Freunde aufgestoßen . Die Tal-Sache ist natürlich : nach so langem Kühl- ( nicht Kalt- ) Sinn - an diesem luftigen , freien Otaheiti-Tage - bei so vielem , was er in den Händen hatte ( eine fremde - und eine Flasche ) - neben ihrem Herzen , so warm und doch so ruhig wie die Sonne droben - neben der einsamen Waisen-Flöte , die er rufen