einander abstechende Bekanntschaften zu danken ; die eine mit einem ausgemachten , übrigens sehr verständigen und witzigen - Narren ; die andere mit einem jungen Hermaphroditen , der entweder eine Art von Platonischem Androgyn88 , oder ( was ich eher glauben möchte ) weder mehr noch weniger als - ein verkleidetes Mädchen ist . Es wird dir vielleicht nicht unangenehm seyn , Laiska , wenn ich auch dich ein wenig näher mit diesen Merkwürdigkeiten des Cynosarges und der Akademie bekannt mache . Beim zweiten oder dritten Besuch , den ich dem alten Antisthenes abstattete , fand ich einen jungen Mann von Sinope bei ihm , der seine schmale Lebensweise anfangs vermuthlich aus bloßer Noth nachgeahmt haben mochte , sich aber bei der Unabhänglichkeit , die sie ihm verschaffte , so wohl befand , daß er den Sokratism in diesem Stücke noch weiter treibt , als Antisthenes selbst , und sich nicht wenig damit weiß , daß er alle seine Bedürfnisse in einem kleinen Quersack immer mit sich trage . - » Und was meinst du , fragte er mich lachend , was in meinem Quersack ist ? - Ein hölzerner Becher , eine halbe Metze Wolfsbohnen und ein alter schwarzgebrannter etwas gebrechlicher Napf aus der Verlassenschaft der königlichen Bettler des Euripides . Ich gestehe , vor wenig Tagen war ich noch um einen Haarkamm reicher , der aber einen Zacken weniger hatte , als eine meiner Hände ! Die besten Gedanken kommen uns wie durch Eingebung . Bin ich nicht ein Thor , dacht ' ich , indem ich von ungefähr meine Finger überzählte , daß ich , im Besitz eines Paars zehnmal bequemerer und zierlicherer Kämme , womit mir die Natur selbst ausgeholfen hat , mich noch mit einem so armseligen Kunstwerkzeug schleppen mag ? Fort damit , in den Ilissus ! « Diese seltsame aber genialische Laune , die mit zu viel Frohsinn gepaart ist , um geheuchelt zu seyn , und von der menschenfeindlichen Rohheit eines Timons und dem grämlichen Ernst des runzligen Antisthenes gleich stark absticht , würde mich anreizen , die Freundschaft dieses jungen Mannes zu suchen , wenn ihm sein Stolz nicht in den Kopf gesetzt hätte , daß die Freundschaft eines Menschen meiner Art für seinesgleichen nur ein euphemisches Synonym89 von Schmarotzerei und Unterwürfigkeit sey . Ich versuchte es einsmals , ihn zu einem sehr frugalen , ächt Sokratischen Abendessen einzuladen . » Wenn ich keine Wolfsbohnen mehr in meinem Quersack finde , lade ich mich von freien Stücken bei dir ein , war seine Antwort . « - Wir sehen uns also nur zufälliger Weise . Vor einigen Tagen traf ich ihn bei einem Brunnen an , da er eben Wasser aus seiner hohlen Hand schlürfte . » Wer sollte gedacht haben , sagte er zu mir , daß ein Lehrling des weisen Antisthenes durch einen Betteljungen noch weiser werden könnte ? Es sind noch nicht zwei Stunden , daß ein geborner Philosoph aus dieser Zunft mich von der Entbehrlichkeit meiner hölzernen Trinkschale überzeugt hat . Ich habe sie , fuhr er lachend fort , dem vierzähnigen Kamm in den Ilissus nachgeschickt . « - Was fehlt wohl diesem Narren , um reicher und glücklicher zu seyn als ein König ? Nun auch etwas von meinem neuentdeckten Hermaphroditen . Als ich die Akademie , wo Plato sich nicht selten öffentlich hören läßt , zum erstenmale besuchte , zog ein schöner Jüngling meine Augen auf sich , der kaum siebzehn Jahre zu haben schien , und sich immer , so nah er konnte , zu Speusippus hielt . Man sagte mir , er nenne sich Kleophron , sey der Sohn eines Bildhauers von Sicyon , und , von einer heftigen Liebe zur Philosophie entbrannt , nach Athen gekommen , wo er jetzt einer von Platons eifrigsten Schülern sey . Der junge Mensch , wie er merkte daß ich ihn aufmerksamer als andere betrachtete , schlug seine großen rabenschwarzen Augen so mädchenhaft erröthend nieder , daß mich sogleich ein Zweifel anwandelte , ob der vergebliche Kleophron nicht etwa die schöne Lasthenia seyn könnte , mit welcher Speusipp ( wie du mir vor geraumer Zeit schriebst ) in deinem Hause Bekanntschaft gemacht hatte . Was mich in dieser Vermuthung bestätiget , ist der Umstand , daß von allen Freunden und Anhängern Platons gerade sein Neffe der einzige ist , der sich ( wiewohl mit einiger Behutsamkeit ) um meine Freundschaft zu bewerben scheint . Seit kurzem hat auch der schöne Kleophron angefangen sich mir zu nähern ; er ist sogar mit Speusipp in meine Galerie gekommen , um die Gemälde zu besehen , von welchen ( wie er sagte ) in Athen so viel gesprochen werde . Er machte einige Bemerkungen , welche stark nach der Quelle schmeckten , woraus er sie geschöpft hatte ; besonders schien er bei dem Bilde des unglücklichen Kleombrot mit Nachdenken und Rührung zu verweilen . Wenn dieser Sicyonische Knabe , wie ich nicht länger zweifele , deine Lasthenia ist , so muß ich ihr das Zeugniß geben , daß sie der von dir empfangenen Bildung durch ihre Sittsamkeit nicht weniger Ehre macht , als durch die Lebhaftigkeit ihres Geistes . Auch benimmt sie sich in allem mit so vieler Besonnenheit und Gewandtheit , daß ihr Geschlecht von niemand , der nicht , wie ich , schon vorher auf der Spur ist , so leicht entdeckt werden dürfte , insofern sie nur eine gute Ausrede bei der Hand hat , sich den Uebungen auf der Palästra zu entziehen . Plato wenigstens scheint nicht den mindesten Argwohn zu hegen , und die Liebe seines Neffen zu dem schönen Knaben um so weniger zu mißbilligen , da beide , der Liebhaber und der Geliebte , erklärte Verehrer des Systems der begeisterten Diotima sind , von welcher sein Sokrates die subtile Theorie der übersinnlichen Knabenliebe ( die er der Tischgesellschaft des gekrönten Dichters Agathon so redselig vorträgt ) in seiner Jugend gelernt zu haben vorgibt . Daß dieser Speusipp ein kleiner Heuchler ist