beim Namen rief . Die Stimme erschien ihr bekannt , und als sie näher hinschaute , sah sie , daß es ihr Vater war . Seit zehn Jahren hatte sie nicht mehr mit ihm gesprochen . Hin und wieder hatte sie ihn auf der Gasse von fern gesehen , war ihm aber in weitem Bogen aus dem Weg gegangen . » Was gibt ' s ? « fragte sie unfreundlich . Jason Philipp räusperte sich und suchte aus dem beleuchteten Teil des Flurs wieder in den unbeleuchteten zu gelangen . Er wollte seinen schäbigen Anzug vor den Augen seiner Tochter verbergen . » Na , hör mal , du , « begann er mit erzwungener Unbefangenheit , » du könntest dich auch hin und wieder nach deinen Eltern umsehen ; die paar Schritte täten dir keinen Beinbruch zuziehen . Ehre Vater und Mutter , damit es dir wohlergehe . Deine Mutter hat ' s schließlich um dich verdient ; ich selbst , na , ich hab dich zuzeiten ein bißchen gezwiebelt , aber nur wenn ' s dringend nötig war . Ein Racker warst du ja , das mußt du zugeben . « Er lachte , jedoch seine Äuglein glänzten furchtsam . Philippine schwieg . » Was ich sagen wollte , « fuhr Jason Philipp eilig fort , wie um keine feindseligen Erinnerungen in seiner Tochter entstehen zu lassen , » leih mir mal ein kleines Goldstück . Hab morgen früh eine dringende Zahlung zu leisten und bin ganz auf dem Trockenen . Die Jungens , weißt du , deine Brüder , sie benehmen sich ja sonst tadellos , geben mir am Monatsersten gewöhnlich von ihrem Salär was ab ; wegen so ner Lappalie mag ich sie aber nicht behelligen . Da hab ich gedacht , weil du so in der Nachbarschaft bist , könnt ich dich ja auch mal bitten . « Jason Philipp log . Seine Söhne unterstützten ihn nicht . Willibald lebte in Breslau , hatte einen geringbezahlten Buchhalterposten und schlug sich kümmerlich durch ; Markus war ein Tunichtgut und steckte bis über die Ohren in Schulden . Nachdem Philippine eine Weile überlegt hatte , wies sie ihren Vater an , zu warten und ging die Stiege hinauf . Jason Philipp stellte sich unters Tor und pfiff leise . Seit er in edlem Geistesaufruhr die staatlichen Gewalten bekriegt hatte , waren viele Jahre verflossen ; und viele Jahre auch , seit er seinen Frieden mit ihnen gemacht hatte . Nichtsdestoweniger pfiff er noch immer die Marseillaise . Philippine polterte die Stiege herunter , schlurfte zum Tor und gab ihrem Vater ein Fünfmarkstück . » Da , « fuhr sie ihn an , » mehr hab ich selber nicht . « Aber Jason Philipp war auch mit der Hälfte der geforderten Summe zufrieden . Er konnte nun wieder einmal ins Gasthaus zum Essigbrätlein gehen und zu frischem Bier ein Paar Weißwürste verzehren . Von da an kam er öfter in das Haus am Egydienplatz , lauerte im Flur auf Philippine und bat sie um Geld . Mit immer kleineren Beträgen speiste ihn Philippine ab ; zuletzt gab sie ihm nur noch zehn Pfennige , wenn er kam . 12 Häufig geschah es , daß Daniel gar nicht antwortete , wenn man eine Frage an ihn richtete . Sein Ohr verlor die Worte , sein Auge die Bilder , die Zeichen , die Gesichter , die Gebärden . Er war sich selbst im Wege , sich selbst eine Qual . Dahin trieb es ihn , dorthin ; heim trieb es ihn und wieder fort . Flüchtig gewahrte er , daß Menschen über ihn lächelten , spürte , daß sie hinter ihm die Achseln zuckten . In den Mienen seiner Schüler las er Spott ; die Mägde im Haus kicherten , wenn er vorüberging . Was konnten sie wissen ? was verhehlen ? Vielleicht war seinem Innersten nicht unbekannt , was sie wußten und verhehlten , aber er wollte es nicht in den Bereich der benennbaren Dinge treten lassen . Als ob ein unsichtbarer Ohrenbläser ihm nicht von der Seite wiche , wuchs eine stille Verzweiflung . Was hast du getan , Daniel , schrie es in ihm , was hast du getan ! Die schwesterlich umschlungenen Schatten standen auf . Das Gefühl eines nicht wieder gut zu machenden Irrtums , einmal zur Gewißheit geworden , brannte wie Feuer . Das Werk , so nah der Vollendung , starb ihm plötzlich ab . Um des Werkes willen zwang er sich in den Nächten zur Ruhe , gab zaghafter Hoffnung Raum , lullte sein ahnungsvolles Gemüt ein . Der Blick , mit dem ihn Philippine betrachtete , peinigte ihn am ärgsten . Seit der Geburt des Kindes wohnte er in Lenores Kammer . Der alte Jordan war die Rücksicht selbst und ging in seiner Stube auf Strümpfen , um ihn nicht zu stören . Eines Nachts ging Daniel hinunter und trat mit der Kerze in der Hand an Dorotheas Bett . Sie erwachte , stieß einen Schrei aus , schaute verstört , dann erkannte sie ihn und war ungehalten ; schließlich lachte sie spöttisch und sinnlich . Er setzte sich an den Rand des Bettes und nahm ihre rechte Hand zwischen seine beiden . Doch es war ihm auf einmal so eigen unbehaglich , ihre Hand zu spüren , und er sah die Finger an . Sie waren ohne Feinheit in der Form , an den Spitzen dicker als in der Mitte ; sie konnten nicht ruhig liegen , beständig zuckten sie . » Es geht so nicht weiter , Dorothea , « sprach er liebreich , » du zerstörst deine und meine Existenz . Was sollen die vielen Menschen um dich ? Ist denn dein Vergnügen an ihnen so groß , daß es dein Gewissen übertäubt ? Ich weiß nicht , was du treibst . Sag mir doch , was du treibst . Die Wirtschaft verkommt , es ist keine Ordnung mehr . Wie ' s da draußen im Wohnzimmer