und seinem Sohne hinterlassen , der ein mittelmäßiger Bildnismaler und zugleich ein Ersatzmann in des Königs Hartschiergarde gewesen , da er ein stattlicher Mann war . Die Witwe dieses malenden Hartschiers lebte mit ihrer Tochter in dem alten Hause von einem kleinen Witwengehalt und einer gewissen Summe , welche ihr jährlich dafür bezahlt wurde , daß sie ohne höhere Bewilligung das Haus nicht verkaufte noch an der Fassade etwas zerstören oder ändern ließ . Die Tochter , Agnes geheißen , war das Urbild jener letzten Zeichnung in dem Album des schönheitskundigen Lys , der erst das Haus und sodann , das Innere desselben beschauend , auch das Juwel entdeckt hatte , das das Kästchen umschloß ; die Mutter war nicht nur die Hüterin der Schönheit von Kind und Haus , sondern auch ihrer eigenen , soweit sie noch in einem lebensgroßen Bildnisse von der Hand ihres toten Eheherren erglänzte . Von einem hohen Kamme überragt , zu jeder Seite der Stirn drei querliegende Locken , beherrschte sie im Schimmer ihres Brautstandes das Gemach , und vor dem Bilde standen jederzeit zwei rosenrote Wachskerzen , die noch nie gebrannt hatten . Trotz der flachen und schwächlichen Malerei machte sich die ehemalige Schönheit geltend ; es war dabei nicht zu erkennen , ob eine gewisse Seelenlosigkeit mehr von dem Ungeschick des Malers oder dem Wesen der Frau herrührte ; dennoch regierte sie mit dem Bilde noch immer das Haus und brauchte bloß einen Blick darauf zu werfen im Vorübergehen , um die Schönheit der Tochter sich nicht über den Kopf wachsen zu lassen . Diese Blicke wiederholten sich während des Tages ebenso regelmäßig wie das Eintauchen ihrer Fingerspitzen in das Weihwasserkesselchen neben der Stubentüre . Von der Seele aber , die in der Reihenfolge des Werdens ihr ohne Aufenthalt entschlüpft , war ein Teil in der Tochter wieder zum Vorschein gekommen , freilich so schwank , still und elementarisch wie das Leibliche , in dem sie wohnte . Als Lys mit gewandten und angenehmen Sitten sich soweit eingeführt hatte , daß er jene Figur zeichnen durfte , zwar nicht in das bewußte Buch , sondern vorerst in größerer Form auf ein besonderes Studienblatt , fand er weder den Mut noch den Anlaß , den gewohnten Zyklus durchzuführen , und es blieb bei dem einzigen Eintrag in das Album , den er nach der Studie mit Liebe und Sorgfalt vornahm . Er verbrachte zuweilen einen Abend bei den Frauen , führte sie auch einmal in das Theater oder in einen Lustgarten , und wo sie erschienen , erregte die seltene Erscheinung der Agnes ein so allgemeines und zugleich reines Wohlgefallen , daß sich keinerlei Nachrede oder Mißdeutung vernehmen ließ . Alle ihre ruhigen Bewegungen waren einfach und kurz nur auf den nächsten Zweck gerichtet und daher voll Anmut ; ihre Augen glänzten , wenn sie von irgendeinem Reiz angesprochen wurde , mit der treuherzigen Unschuld eines jungen Tieres , das noch keine Mißhandlung erfahren hat , und so kam es , daß Lys , anstatt eine seiner früheren Liebeleien anzufangen , unwillkürlich in einen ehrenhaften ernstern Verkehr hineingeriet , der ihm zum bisher unbekannten Bedürfnis wurde . Seine Befangenheit mehrte sich , wenn die Mutter in der Absicht , die Bravheit des Kindes zu rühmen , in dessen Abwesenheit erzählte , wie es nie imstande gewesen sei , die kleinste Lüge auch nur zum Scherz aufzubringen , und schon in frühsten Jahren jede Übertretung selbst angezeigt habe , und zwar mit einer solchen Ruhe , wenn nicht Neugierde über den Erfolg , daß die Strafe als unmöglich oder überflüssig erschien . Die Mutter konnte dann in ihrer Weise , um nicht selbst für unklug zu gelten , die Andeutung nicht unterlassen , das Kind dürfte allerdings keines der geistreichsten , dafür aber um so ehrlicher und vollkommen aufrichtig sein . Lys wußte aber bereits , daß Agnes klüger war als die Mutter , wenn sie dessen auch noch nicht innegeworden ; nicht minder übertraf sie dieselbe an Geschicklichkeit ; denn er bemerkte , daß sie häusliche Geschäfte rasch und geräuschlos besorgte , ohne je etwas zu zerbrechen , während die Mutter alles mit beträchtlichem Aufwand von Hin- und Hergehen , Reden und Klappern verrichtete und ihre Taten nicht selten mit dem Klirren eines entzweigegangenen Geschirres abschloß . Alsdann pflegte die Tochter eine erklärende oder tröstliche Bemerkung zu machen , welche dem graziösesten Witze gleich und doch mit tiefem Ernste rein sachlich gemeint und gegeben war . Allein welcher Art der Geist oder das Wesen dieses Geschöpfes sei , blieb ihm unbekannt , und wenn man ihn wegen seiner Entdeckung beglückwünschte und erklärte , die Agnes werde das beste Malerfrauchen abgeben , das man finden könne , still , harmonisch und eine unerschöpfliche Quelle schöner Bewegung , so schüttelte er den Kopf und meinte , er könne doch nicht ein Naturspiel heiraten ! Dennoch setzte er seine Besuche in dem schlanken Häuschen , drin das schlanke Wesen wohnte , fort und hütete sich nur , etwas Verliebtes zu tun oder zu sagen . Die Augen des Mädchens kamen ihm vor wie ein stilles Wasser , das wohl widerstandslos , aber auch für einen guten Schwimmer nicht gefahrlos ist , da man nicht wissen kann , welche Pflanzen oder Tiere es in seiner Tiefe verbirgt . Von der unbestimmten Vorstellung solcher Fährlichkeiten bedrückt , geriet er in ungewohnte Sorgen und stieß hie und da einen Seufzer aus , ohne es zu wissen ; diese Seufzer aber entfachten die geheime Glut einer herzlichen Neigung , die seit geraumer Zeit in dem kaum siebzehnjährigen Mädchen entzündet war , zur lebendigen Flamme . Jedermann konnte das liebliche Feuer sehen ; auch wir Freunde sahen es , als Lys bei den beiden Frauen zuweilen eine kleine Abendbewirtung anstellte und uns dazu einlud , um nicht allein dort zu sein und doch das Haus nicht meiden zu müssen . Wir sahen , wie sie stets die Augen auf ihn richtete , sich traurig wegwendete und doch immer wieder näherte ,