dem Freiherrn zu erhalten oder ihn plötzlich bei sich eintreten zu sehen . Sie ließ ihre Zimmer in besondere Ordnung bringen , sie kleidete sich zeitiger an , als sie sonst pflegte , um nicht bei einer etwaigen Ueberraschung in unangemessener Weise erscheinen zu müssen , und immer wieder ging sie an den Spiegel , um zu sehen , wie die Miene zurückhaltenden Verständnisses sie kleide , mit welcher sie dem Freiherrn entgegen zu treten dachte . Sie hatte sich ein völliges System der Unterhaltung zurecht gemacht . Sie mußte als Erzieherin des Knaben der sittlichen Würde nicht ermangeln , sie durfte aber auch nicht eine übertriebene Sittenstrenge an den Tag legen , um den Vater nicht zu verletzen . Leichtlebig und doch ernsthaft , vornehm und doch zuvorkommend , selbstständig und fügsam mußte sie sich darstellen , um die Freundschaft des Freiherrn erwerben und ihm das Anerbieten nahe legen zu können , welches sie ihm zu machen wünschte , das Anerbieten , seinen Sohn an Kindesstatt zu adoptiren , um ihm mit dem Namen Weißenbach , mit dem Namen eines angesehenen Beamten eine Stellung in der Welt und in der Gesellschaft zu eröffnen , die sich ihm mit dem völlig unbekannten Namen Mannert nicht so leicht erschließen dürfte . Natürlich mußten sie und der Kriegsrath sich dann in einer Lage befinden , welche ihnen ein solches Opfer möglich machte ; aber sie in diese Lage zu versetzen , konnte einem Manne von den Mitteln und dem Einflusse des Freiherrn gar nicht schwer sein . Sie lächelte , wenn sie sich die Wendung im Geiste wiederholte , mit der sie ihm den Vorschlag thun wollte , sie sah die gütige , zufriedene Miene , sie fühlte den freundschaftlichen Händedruck , durch welchen der Freiherr ihr seinen Dank bezeigte , und sie hatte auch Nichts dagegen , wenn er es etwa angemessener finden sollte , ihrem Gatten einen besseren Posten in der Residenz zu schaffen . Sie war ihrer hiesigen Verhältnisse ohnehin jetzt müde , denn eine Mittelstadt war für eine Frau wie sie doch eigentlich niemals der rechte Wirkungskreis gewesen . Es paßte Alles so vortrefflich zusammen , wie sie es sich ausgedacht hatte , es konnte nicht fehlschlagen , wenn nur der Freiherr kam , und kommen mußte er , weil sie sich sonst ja nicht zu helfen wußte . Wie sollte sich nicht fügen , was für sie so unerläßlich schien ? Da brachte plötzlich der Einfall des unseligen Knaben einen Stillstand in ihre muthig vorwärts gehenden Gedanken . Wenn Paul seinen Vorsatz ausführte , wenn er , ohne dazu ermächtigt zu sein , den Freiherrn aufsuchte , wenn dieser glauben konnte , daß man Paul geflissentlich von der Anwesenheit seines Vaters benachrichtigt , ihn vielleicht dazu verleitet habe , sich dem Freiherrn zu nahen , so war Alles verloren . Und dem Zufalle , der Laune eines Kindes , dem Verstande und der Beredsamkeit eines unerfahrenen Mädchens alle ihre Aussichten anzuvertrauen , das wäre eine Unvorsichtigkeit gewesen , deren sich nur ihr stets zuwartender , gelassener Mann oder Leute wie ihre Wirthe schuldig machen konnten , die es gar nicht mehr zu wissen schienen , daß man fremden Beistandes bedürfen könne . Wollte sie nicht die Mühe langer Jahre vergebens getragen haben , nicht mit all ihren Hoffnungen im Angesichte des Hafens scheitern , so mußte sie ihre Maßregeln treffen , so mußte sie mit dem Knaben sprechen , und das sogleich , denn sie fühlte sich eben in der richtigen Verfassung für den Zweck . Sie wollte , wenn etwa der Freiherr am nächsten Tage käme , Herr über alle ihre Mittel sein ! Ihr durfte die Unruhe den Schlaf dieser Nacht nicht rauben ; für Paul hatte es keine Noth , denn - Kinder schlafen immer ! Viertes Capitel Paul war noch nicht zu Bette gegangen , als seine Pflegeeltern nach Hause kamen . Er stand am offenen Fenster und sah in die Straße hinaus . Gegenüber in dem Gasthofe brannte das Licht in vielen Fenstern ; aber es war nicht das vornehmste Hotel , das lag mehr zur Seite , und sein Vater konnte doch nur in dem vornehmsten Gasthofe wohnen , der immer noch lange nicht so schön und prächtig war , als Schloß Richten mitten in dem großen Parke . Schloß Richten lebte in den glänzendsten Farben in dem Geiste des Knaben . Alles , was er Großes und Erhabenes von den Prachtbauten der verschiedensten Zeiten gehört , Alles , was er den Schilderungen der Märchenwelt entlehnt , das hatte seine lebhafte Phantasie allmählich auf Schloß Richten übertragen . Je älter er geworden war , um so fester hatte sich in ihm das Verlangen ausgebildet , dieses Ideal seiner Gedanken wiederzusehen und , wie er das in mannigfachen Erzählungen gelesen , einst von seinem Vater in seinem Vaterhause aufgenommen zu werden . Seine ganze Entwicklung war auf dieses eine Ziel gerichtet . Und nicht wie der verlorene Sohn in der Bibel , nicht als ein Bettler , als ein Hülfesuchender wollte er vor seines Vaters Thüre treten . Gut und brav und geehrt wollte er sein , so gut , so brav , so geehrt , daß seine arme Mutter noch im Grabe stolz auf ihn sein durfte , daß er Lob und Liebe von des Vaters Munde hören mußte , wie sie Seba , der er diese ganze Sinnesrichtung dankte , stets von ihren Eltern zu Theil ward . Wie kam es aber , daß sein Vater ihn nicht suchte ? Er hatte ihn ja so oft auf seinen Knieen geschaukelt , als Paul noch ein Kind gewesen war und niemals daran gedacht hatte , daß es etwas Schönes sei , geliebt zu werden . Und damals hatte er seine Mutter noch gehabt ! Weßhalb liebte sein Vater ihn jetzt nicht mehr , da er keine Mutter mehr hatte , die ihn an ihr Herz schloß , da er wußte , wie elend seine Mutter umgekommen war , und da ihn