Veränderung in Mariens Benehmen . Sie , die sonst so Heitere , Gleichmüthige , ließ das Köpfchen hangen , war bald blaß und bald roth , bald ausgelassen lustig , bald zum Sterben traurig - weder Monsieur noch Frau Hauptmann wußten , was sie daraus machen sollten . Zu allem Unglück wurde Monsieur in der Zeit so krank , daß er das Zimmer hüten mußte und in Folge dessen die Pflege der Frau Hauptmann mehr wie gewöhnlich in Anspruch nahm , so daß Marie sich vielfach selbst überlassen blieb . Sonst hatte sie Monsieur regelmäßig des Abends aus dem Atelier , in welchem sie arbeitete , abgeholt , jetzt mußte sie den Weg allein machen . Was nun während dieser Zeit geschehen , in welche Schlingen das arme unglückliche Mädchen gefallen ist - Frau Hauptmann hatte es nie erfahren . Aber eines Morgens , als sie die Kleine wecken wollte , fand sie das Zimmer leer und auf dem Tisch ein Briefchen , in welchem die Unglückliche schrieb , daß Gründe , über die sie sich nicht näher erklären dürfe , sie zwängen , die Stadt zu verlassen ; daß sie ihre Wohlthäter mit tausend Thränen um Verzeihung bitte , wenn sie ihnen jetzt für all ihre Liebe nur mit scheinbarer Undankbarkeit lohne ; daß sie aber zu Gott hoffe , es werde bald ein Tag kommen , wo all dieses Leid sich in Freude verwandele . Dieser Tag war nie gekommen , dafür hatte sich für die arme Frau Leid auf Leid gehäuft . Monsieur war über die Nachricht von Mariens Flucht beinahe wahnsinnig geworden und hatte mit furchtbarem Eid geschworen , daß er von dieser Stunde an nicht ruhen und nicht rasten wollte , bis er Marien aus den Händen des schändlichen Verführers befreit und sich persönlich an ihm gerächt habe . Monsieur d ' Estein war der Mann , sein Wort zu halten . In dem kleinen , schwächlichen Körper lebte ein energischer Geist . Das zeigte sich jetzt , wo eine freche Hand das Glück seines Lebens grausam zerstört hatte . Denn die Frau Hauptmann konnte nicht länger zweifeln , daß der sonderbare Mann die Verlorene mit all der Leidenschaft , die so verschlossenen , wunderlichen Naturen eigenthümlich ist , geliebt habe . Er betrieb die Nachforschungen mit einer rastlosen Thätigkeit , die von Erfolg gekrönt war . Er hatte die rechte Spur gefunden . Wohin sie führte ? - - er sprach sich darüber nicht aus , wie er denn überhaupt die ganze Angelegenheit selbst vor seiner alten Freundin in tiefes Geheimniß hüllte . Er packte in seinen Koffer , was er zu einer längeren Reise brauchte , riß sich von der Weinenden los , mit dem Versprechen , in acht Tagen spätestens Nachricht von sich zu geben - aber seitdem waren nun beinahe fünfundzwanzig Jahre vergangen , und Frau Hauptmann wartete noch immer , daß Monsieur sein Versprechen erfüllte . Die alte Dame hatte , in ihre Erinnerungen verloren , ganz vergessen , daß es nicht sowohl ihre Absicht gewesen , das eigene Leid zu klagen , als das des jungen Fremden in Erfahrung zu bringen ; und sie wurde erst durch die Blässe von Oswalds Gesicht , die , während ihrer Erzählung nur immer zugenommen hatte , daran erinnert . Aber Sie sind wirklich kränker , als Sie glauben , lieber junger Herr , unterbrach sie sich ; Ihre Hand ist glühend heiß und - verzeihen Sie einer alten Frau ! - Ihre Stirn brennt . Erlauben Sie mir , daß ich nach unserm Arzt schicke ! Bitte , lassen Sie das ! sagte Oswald , sich gewaltsam emporraffend ; ich will Ihnen gestehen : ich bin die ganze Nacht schlaflos gewesen , wahrscheinlich aus übergroßer Abspannung in Folge der langen Reise . So legen Sie sich wenigstens jetzt noch einige Stunden hin ! bat die alte Dame . Ich weiß es wohl : die Jugend kann des Schlafes nicht entbehren , wie wir alten Leute . Das will ich , sagte Oswald , während sich Frau Hauptmann erhob . Sie sollen sehen : der Schlaf macht Alles wieder gut . Das gebe Gott , erwiderte die alte Dame , Oswald noch einmal freundlich die Hand drückend ; bitte , bitte , keinen Schritt weiter ! Ich werde nach einigen Stunden wieder anfragen . Die Thür hatte sich kaum hinter der Frau Hauptmann geschlossen , als Oswald wie vernichtet in den Sopha zurücksank . Was hatte er eben gehört ! Daß dies die Fortsetzung der Geschichte sei , die ihm im vorigen Sommer die alte Mutter Clausen in Grenwitz erzählt hatte - an jenem Abend , als er mit Timm in ihrer Hütte Schutz vor dem Regen suchte - daran hatte er schon nach den ersten Worten der Frau Hauptmann nicht mehr gezweifelt . Stimmten doch alle Umstände ! - So , genau so , wie die alte Dame den fremden Cavalier geschildert hatte , blickte noch heute das Porträt des Barons Harald von Grenwitz aus seinem breiten Goldrahmen ; und hatte nicht das arme schöne Mädchen , die unglückliche Verführte , Marie geheißen , wie die Pflegetochter des Monsieur d ' Estein ! Aber das war es nicht , was ihm jetzt das Blut erstarren machte und alle seine Glieder wie im Fieber schüttelte . Es war eine andere , furchtbare Ahnung , die aus den Tiefen seiner Seele mit dämonischer Gewalt heraufstieg . Oder waren es auch nur die Fiebergeister , die am lichten Tage ihren schauerlichen Spuck von neuem begannen ? war es Wahnsinn , daß in seiner erhitzten Phantasie aus dem Monsieur d ' Estein , dem grillenhaften französischen Sprachmeister , sein Vater , der alte wunderliche Mann wurde ? und aus der schönen Tochter des französischen Obristen die schöne junge Frau mit den holdseligen Augen , um deren Kniee er als Kind an hellen Sommermorgen in dem lauschigen Garten hinter der Stadtmauer gespielt hatte , während die weißen Schmetterlinge sich über dem blauen Rittersporn wiegten ? Und in