sofort , daß sein Neffe Felix in einem hohen Grade der Sklave dieser Leidenschaft gewesen sein mußte , vielleicht noch war . Er hatte den jungen Mann vor ein paar Jahren gesehen , als dieser eben die Cadettenschule verließ . Damals hatte er eine angenehme Erinnerung an den schlanken , kräftig gebauten Jüngling mit dem frischen hübschen Gesicht und den lebhaften hellen Augen davongetragen ; jetzt sah er von dieser allerliebsten Erscheinung nur noch einen traurigen Schatten . Eine gespenstige Magerheit , tiefe Furchen in dem jugendlich-alten Gesicht , die großen blauen Augen gläsern oder von einem fieberhaften Glanze leuchtend und stets mit dem starren , frechen Blick , der deutlicher spricht , als eine lange Lebensbeschreibung - die Bewegungen haftig und fahrig , offenbar in der Absicht , die innere Mattigkeit und Schlaffheit zu verdecken , die Rede vorlaut und über Alles mit derselben souveränen Oberflächlichkeit weghuschend - das ganze Wesen von einer krankhaften Eitelkeit wie zerfressen - so oder ungefähr so erschien ihm Felix , trotzdem seine Menschenfreundlichkeit hier wie überall die schlimmsten Flecken des Bildes gutmüthig vertuschte . Es that ihm leid , daß er sich von seiner Gemahlin das Versprechen hatte abnehmen lassen , in dieser Angelegenheit nicht selbstständig handelnd aufzutreten . Es kam ihm vor , als ob er sich mit diesem Versprechen doch übereilt habe , und auf jeden Fall hielt er dafür , daß eine geschickte Sondirung , wie denn Helene selbst in diesem Punkte denke , kein Bruch des Versprechens sei . So sagte er , nachdem sie eine Weile schweigend nebeneinander hergegangen waren , ihren Arm in den seinen legend : Wie befindest Du Dich , meine Tochter ? Ich danke , Vater , gut , weshalb ? erwiederte Fräulein Helene , etwas überrascht über diese plötzliche Frage . Ich dächte , Du sähest etwas blaß aus . Das kommt nur von der ungünstigen Beleuchtung hier unter den grünen Bäumen , antwortete das junge Mädchen heiter ; ich befinde mich aber wirklich ganz wohl . Ich fürchtete immer , der plötzliche Wechsel der Luft , der Lebensweise , des Umgangs würde Dir schädlich sein . Du bist zu lange vom Hause fortgewesen . Das ist nicht meine Schuld , lieber Vater . Ich weiß es wohl , ich weiß es wohl ; aber meine Schuld ist es auch nicht ; ich habe stets der Abkürzung der Pensionszeit das Wort geredet , aber - Nun , ich bin ja endlich hier und wir wollen das Versäumte möglichst nachholen . Wir wollen recht viel zusammen spazieren gehen ; ich will Dir aus Deinen Lieblingsbüchern vorlesen ; es soll ein reizendes , stillvergnügtes Leben werden , und das junge Mädchen nahm die Hand ihres Vaters und führte sie an ihre Lippen . Du bist ein gutes liebes Kind , sagte der Baron und seine Stimme zitterte etwas : gebe Gott , daß ich mich Deiner noch recht lange zu erfreuen habe . Aber , bester Vater , schon wieder solche hypochondrische Gedanken ! Du bist ja jetzt , Gott sei Dank , wieder so rüstig , wie immer . Weshalb sollten wir nicht noch lange glücklich zusammen leben ! Aber wenn Du uns verließest . Ich sterbe fürs erste noch nicht , deshalb sei nur ganz unbesorgt ; sagte Fräulein Helene lachend . Das wolle auch Gott verhüten ! aber Eltern und Kinder werden ja nicht blos durch den Tod getrennt . Wenn Du nun heirathest , so müssen wir uns doch darauf gefaßt machen , Dich abermals zu verlieren , nachdem wir Dich kaum wieder gewonnen haben . Aber , Papa , Du sprichst ja gerade , als ob ich womöglich morgen schon heirathen soll ! Ich denke gar nicht daran . Auch die Mutter fing gestern davon an . Wollt Ihr mich denn wirklich so gerne wieder fort haben ? So , so , also Deine Mutter hat schon mit Dir gesprochen , hm , hm ! sagte der alte Baron , der natürlich nicht anders dachte , als daß die Baronin mit dem längst besprochenen und vorbereiteten Plan endlich hervorgetreten sei , und der die Zeit , den Tag vor Felix ' Ankunft , auch ganz passend gewählt fand ; so , so ! hm , hm ! Nun , und wie gefällt Dir denn Dein Cousin ? Wer ? Felix ? fragte Helene , die für den Augenblick in ihrer Unbefangenheit den Zusammenhang dieser Frage mit dem Vorgehenden nicht einmal ahnte . Ja . Er kommt mir vor , wie der Champagner , den wir heute Mittag tranken . Die ersten Tropfen schmeckten recht gut , als ich das Glas eine Weile hatte stehen lassen , fand ich den Wein sehr fade und abgeschmackt . - Aber Ihr habt mich doch nicht etwa für Cousin Felix bestimmt ? fragte Fräulein Helene , der dieser Gedanke jetzt erst durch den Kopf schoß , mit großer Lebhaftigkeit . Bewahre , das heißt : ganz wie Du willst ; ich will sagen : es wird Deinem Willen in dieser Hinsicht nie ein Zwang auferlegt werden , erwiederte der alte Baron , der weder die Wahrheit sagen durfte , noch lügen wollte , mit ziemlicher Verwirrung . Helene antwortete nicht , aber der angeregte Gedanke arbeitete in ihrem lebhaften Geiste weiter . Sie verglich das gestrige Gespräch , das sie auf ihrem Zimmer mit ihrer Mutter gehabt hatte , mit dem so eben geführten . Es bedurfte nicht einmal eines so scharfsinnigen Kopfes , als der ihre war , um den Zusammenhang zwischen diesen beiden Unterredungen und den Sinn der hingeworfenen Andeutungen zu entdecken . Ihr stolzes Gemüth empörte sich , wenn sie dachte , daß man , ohne sie zu fragen , ohne ihre Meinung einzuholen , im Voraus über ihr Schicksal entschieden und ihre Hand versprochen habe ; daß dieser Felix , vor dem ihr reines keusches Herz sie instinctiv warnte , vielleicht schon in diesem Augenblick sie als die Seine betrachtete ! Diese Gedanken nahmen sie so ganz in Anspruch ,