! Ihr wohlgewogener Freund . Dies nur in Eile , ich bin zu sehr beschäftigt ! « Erst vor einem Jahre erfuhr ich , daß Römer in einem französischen Irrenhause verschollen sei . Wie es dazu kam , wird in obigem Briefe ziemlich klar . Meine Mutter , welcher ich alles verhehlte , konnte keine Schuld treffen als diejenige aller Frauen , welche aus Sorge für ihre Angehörigen engherzig und rücksichtslos gegen alle Welt werden . Ich hingegen , der ich gerade zu dieser Zeit mich gut und strebsam glaubte , sah nun ein , welche Teufelei ich begangen hatte . Ich log , verleumdete , betrog oder stahl nicht , wie ich es als Kind getan , aber ich war undankbar , ungerecht und hartherzig unter dem Scheine des äußern Rechtes . Ich mochte mir lange sagen , daß jene Forderung ja nur eine einfache Bitte um das Geliehene gewesen sei , wie sie alle Welt versucht , und daß weder meine Mutter noch ich je gewaltsam darauf bestanden hätten , ich mochte mir lange sagen , daß Erfahrung den Meister mache und man auch diese Art Unrecht , als die gangbarste und am leichtesten zu begehende , am besten durch ein tüchtiges Erlebnis recht einsehen und vermeiden lerne , mochte ich mich auch überreden , daß Römers Wesen und Schicksal mein Verhalten hervorgerufen und auch ohne diesen Vorgang seine Erfüllung erreicht hätte ; alles dies hinderte nicht , daß ich mir doch die bittersten Vorwürfe machen mußte und mich schämte , sooft Römers Gestalt vor meinen Sinn trat . Wenn ich auch die Welt verwünschte , welche dergleichen Handlungen als klug und recht anerkennt ( denn die rechtlichsten Leute hatten ms zu der Wiedererlangung ; , der Summe beglückwünscht ) , so fiel doch alle Schuld wieder auf mich allein zurück , wenn ich an die Anfertigung jenes Billetts dachte , welches ich so recht con amore und ohne die mindeste Mühe geschrieben und gleichsam aus dem Ärmel geschüttelt hatte . Ich war bald achtzehn Jahre alt und entdeckte jetzt erst , wie ruhig und unbefangen ich seit den Knabensünden und Krisen gelebt , sechs lange Jahre ! Und nun plötzlich diese Teufelei ! Wenn ich schließlich bedachte , wie ich jenes unverhoffte Erscheinen Römers als eine höhere Fügung angesehen , so wußte ich nicht , sollte ich lachen oder weinen über den Dank , den ich dafür gespendet . Den unheimlichen Brief wagte ich nicht zu verbrennen und fürchtete mich , ihn aufzubewahren ; bald begrub ich ihn unter entlegenem Gerümpel , bald zog ich ihn hervor und legte ihn zu meinen liebsten Papieren , und noch jetzt , sooft ich ihn finde , verändere ich seinen Ort und bringe ihn anderswohin , so daß er auf steter Wanderschaft ist . Drittes Kapitel Diese Demütigung traf mich um so stärker , als ich , in Annas Träumen und Ahnungen rein und gut zu erscheinen , den Winter über ein puritanisches Wesen angenommen hatte und nicht nur meine äußerliche Haltung , sondern auch meine Gedanken sorgfältig überwachte und mich bestrebte , wie ein Glas zu sein , das man jeden Augenblick durchschauen dürfe . Welche Ziererei und Selbstgefälligkeit dabei tätig war , wurde mir jetzt erst bei dieser gewaltsamen Störung deutlich , und meine Selbstanklage wurde noch durch das Gefühl der Narrheit und Eitelkeit verbittert . Anna hatte während des Winters streng das Zimmer hüten gemußt und wurde im Frühling bettlägerig . Der arme Schulmeister kam in die Stadt , um meine Mutter abzuholen ; er weinte , als er in die Stube trat . Wir schlossen also unsere Wohnung zu und fuhren mit ihm hinaus , wo meine Mutter wie ein halbes Meerwunder empfangen und geehrt wurde . Sie enthielt sich jedoch , alle die Orte , die ihr teuer waren , aufzusuchen und ihre gealterten Bekannten zu sehen , sondern eilte , sich bei dem kranken Kinde einzurichten ; erst nach und nach benutzte sie günstige Augenblicke , und es dauerte monatelang , bis sie alle Jugendfreunde gesehen , obgleich die meisten in der Nähe wohnten . Ich hielt mich im Hause des Oheims auf und ging alle Tage an den See hinüber . Anna litt morgens und abends und in der Nacht am meisten ; den Tag über schlummerte sie oder lag lächelnd im Bette , und ich saß an demselben , ohne viel zu wissen , was ich sagen sollte . Unser Verhältnis trat äußerlich zurück vor dem schweren Leiden und der Trauer , welche die Zukunft nur halb verhüllte . Wenn ich manchmal ganz allein auf eine Viertelstunde bei ihr saß , so hielt ich ihre Hand , während sie mich bald ernst , bald lächelnd ansah , ohne zu sprechen , oder höchstens , um ein Glas oder sonst einen Gegenstand von mir zu verlangen . Auch ließ sie sich oft ihre Schächtelchen und kleinen Schätze auf das Bett bringen , kramte dieselben aus , bis sie müde war , wo sie mich dann alles wieder einpacken ließ . Dies erfüllte uns mit einem stillen Glücke , und wenn ich dann beinahe stolz auf dies so zarte und reine Verhältnis fortging , so konnte ich nicht begreifen , wie und warum ich Anna in Erwartung schmerzenvoller Qualen zurückließ . Der Frühling blühte nun in aller Pracht ; aber das arme Kind konnte kaum und selten ans Fenster gebracht werden . Wir füllten daher die Wohnstube , in welcher ihr weißes Bett stand , mit Blumenstöcken und bauten vor dem Fenster ein breites Gerüste , um auf demselben durch größere Töpfe möglichst einen Garten einzurichten . Wenn Anna an sonnigen Nachmittagen eine gute Stunde hatte und wir der warmen Maisonne das Fenster öffneten , der silberne See durch die Rosen und Oleanderblüten hereinglänzte und Anna in ihrem weißen Krankenkleide dalag , so schien hier ein sanfter trauernder Kultus des Todes begangen zu werden . Manchmal aber wurde Anna in solchen Stunden ganz munter und verhältnismäßig redselig ; wir setzten uns dann um ihr