Zweige über die Mauer des Nachbargartens hereinstreckte und mit ihren Blüten beinah bis wieder an den Boden reichte ; da saß sie , streckte ihr Hälschen und sah mir zu , wie ich mit dem Sand spielte . Nachtigallen sind neugierig , sagen die Leute , bei uns ist ' s ein Sprichwort : » Du bist so neugierig wie eine Nachtigall « ; aber warum ist sie denn neugierig auf den Menschen , der scheinbar gar keine Beziehung auf sie hat ? - was wird einstens aus dieser Neugierde sich erzeugen ? - O ! nichts umsonst , alles braucht die Natur zu ihrem rastlosen Wirken , es will und muß weitergehen in ihren Erlösungen . Ich stieg auf eine hohe Pappel , deren Äste von unten auf zu einer bequemen Treppe rund um den Stamm gebildet waren ; da oben in dem schlanken Wipfel band ich mich fest an die Zweige mit der Schnur , an der ich die Gitarre mir nachgezogen hatte , es war schwül , nun regten sich die Lüfte stärker und trieben ein Heer von Wolken über uns zusammen . - Die Rosenhecke wurde hochgehoben vom Wind und wieder niedergebeugt , aber der Vogel saß fest ; je brausender der Sturm , je schmetternder ihr Gesang , die kleine Kehle strömte jubelnd ihr ganzes Leben in die aufgeregte Natur , der fallende Regen behinderte sie nicht , die brausenden Bäume , der Donner übertäubte und schreckte sie nicht , und ich auch auf meiner schlanken Pappel wogte im Sturmwind nieder auf die Rosenhecke , wenn sie sich hob , und streifte über die Saiten , um den Jubel der kleinen Sängerin durch den Takt zu mäßigen . Wie still war ' s nach dem Gewitter ! welche heilige Ruhe folgte dieser Begeistrung im Sturm ! mit ihr breitete die Dämmerung sich über die weiten Gefilde , meine kleine Sängerin schwieg , sie war müde geworden . Ach , wenn der Genius aufleuchtet in uns und unsere gesamten Kräfte aufregt , daß sie ihm dienen , wenn der ganze Mensch nichts mehr ist , als nur dienend dem Gewaltigen , dem Höheren als er selbst , und die Ruhe folgt auf solche Anstrengung , wie mild ist es da , wie sind da alle Ansprüche , selbst etwas zu sein , aufgelöst in Hingebung an den Genius ! So ist Natur , wenn sie ruht vom Tagewerk : sie schläft , und im Schlaf gibt es Gott den Seinen . So ist der Mensch , der unterworfen ist dem Genius der Kunst , dem das elektrische Feuer der Poesie die Adern durchströmt , den prophetische Gabe durchleuchtet , oder der wie Beethoven eine Sprache führt , die nicht auf Erden , sondern im Äther Muttersprache ist . Wenn solche ruhen von begeisterter Anstrengung , dann ist es so mild , so kühl , wie es heute nach dem Gewitter war in der ganzen Natur , und mehr noch in der Brust der kleinen Nachtigall , denn sie schlief wahrscheinlich heute noch tiefer als alle andren Vögel , und um so kräftiger und um so inniger wird ihr der Genius , der es den Seinen im Schlaf gibt , vergolten haben , ich aber stieg nach eingeatmeter Abendstille von meinem Baum herab , und durchdrungen von den hohen Ereignissen des eben Erlebten , sah ich unwillkürlich die Menschheit über die Achsel an . * * * Alles ändert sich , die Menschen denken anders , wenn sie älter sind , als in der Jugend . Ach ! - was werde ich denn einstens denken , wenn mich dies irdische Leben so lange bewahrt , bis ich älter in ihm werde ! vielleicht gehe ich , statt zu dem Freund , dann in die Kirche , vielleicht bete ich dann , statt zu lieben ! Ach , wie werd ich ' s dem Lieben gleichtun im Beten ? - Hab ich je Andacht empfunden , so war ' s an Deiner Brust , Freund ! - Tempelduft , den Deine Lippen hauchen , Geist Gottes , den Deine Augen predigen , es strömt von Dir aus eine begeisternde Macht , Deine Gewande , Dein Antlitz , Dein Geist , alles strömt eine Heiligung aus . O Du ! - Deine Knie fest an meine Brust drückend , frag ich nicht mehr , was das für eine Seligkeit sein möge , die im Himmel dem Frommen bereitet ist . - Gott von Angesicht zu Angesicht schauen ? - Wie oft hab ich mit geschloßnen Augen Deiner Nähe mich gefreut . Vielleicht dringt Gott durch den Geliebten in unser Herz , - ja Geliebter ! - was haben wir im Herzen als nur Gott ? - Und wenn wir ihn da nicht empfänden , wie und wo sollten wir seine Spur suchen ? - * * * Was fasele ich vom Frühling , was spreche ich von heiteren Tagen , von Genuß und Glück ? - Du ! - das Bewußtsein von Dir verzehrt mir jede Regung ; ich kann nicht lächeln zum Scherz , ich kann nicht mich freuen , ich kann nicht hoffen mit den andern . Daß ich Dich kenne , daß ich Dich weiß , macht meine Sinne so still . * * * O heute ist ein wunderbarer Tag ! - heute leide ich Schmerzen , so schwer ist die Seele ! Du bist nah , ich weiß es , gar nicht fern ist der Weg zu Dir , aber mich trennt der kleine Raum wie die Unendlichkeit . Der Moment der Sehnsucht ist es , der gefühlt und befriedigt sein will , und wenn der Geliebte den nicht ahnt , wenn er die Liebe versäumt , was kann mich ihm nah bringen ! Ach , schauerlicher Tag , der heute in Erwartung und Sehnsucht verging ! Wen mache ich zum Vertrauten ? wer fühlt menschlich mit mir ? - wem klag ich über Dich ? - wer ist mein Freund ? - wer