. » Lassen Sie uns auf den Frühling hoffen , guter Graf Hippolit ! « sprach sie in solchen Stunden ihm oft zum Troste . » Im Frühlinge richten alle Blumen sich wieder auf , auch unsre schöne Freudenblume wird in ihm wieder erblühen , lassen Sie uns nur getrost die nahe Zeit erwarten . « Der Frühling kam , mit seiner Herrlichkeit , mit seinem milden belebenden Hauche . Ueberall sproßten neue Blumen , überall erwachte das schlummernde Leben , aber Gabrielens Zustand blieb sich gleich , ohne alle merkliche Abänderung weder zum Schlimmern noch zum Guten , und die bange ängstliche Besorgniß ihrer Freunde stieg peinlicher mit jedem Tage . Endlich kam es dahin , daß den Aerzten nichts übrig blieb , als die gewöhnliche Zuflucht in Fällen , wo ihre Kunst sie verläßt , der Rath : Heil und Genesung in einem ruhig ländlichen Aufenthalte und in frischer Waldesluft zu suchen . » Ja auf dem Lande ! « rief , als sie dieses vernahm , Gabriele mit ungewohnter Lebendigkeit . » Ja auf dem Lande , da werde ich genesen ; in Schloß Aarheim , wo ich geboren ward ! Dorthin liebe Frau von Willnangen , dorthin bringen Sie mich , dort wird es mit mir besser werden , ich weiß es . In den Armen meiner zweiten Mutter werde ich in Schloß Aarheim alles Weh schwinden sehen , und ein neues Leben beginnen ! « Eine eigne Bangigkeit bemächtigte sich der Frau von Willnangen bei diesen , in fast prophetischer Begeisterung ausgesprochnen Worten , so tröstlich sie übrigens klangen , und auch Hippolit , der eben zugegen war , fühlte sich sonderbar dabei ergriffen . Gabriele bemerkte es , und strebte durch erheiterndes Gespräch den Eindruck wieder zu verlöschen , den sie unwillkührlich bei ihren Lieben erregt hatte . Sie sprach viel von der wilden ernsten Pracht ihres Gebürges und von dem ehrwürdigen Ansehen und Alter ihrer Burg . » Sie können mich jetzt doch nicht verlassen ! « setzte sie hinzu , den bittenden Blick zur Frau von Willnangen erhoben . » Sie müssen ja die Wiege ihres Kindes sehen , und den Ort , wo meine Mutter lebte ; ach ! wie werden meine armen alten Burgbewohner sich wundern und freuen , wenn sie die Nievergessene in ihrem hochverehrten Ebenbilde wieder unter sich wandeln zu sehen glauben werden ! « » Mein Kind , mein herzliebes Kind , meine Gabriele ! « rief Frau von Willnangen und nahm sie recht liebend in ihre Arme ; » wie könnte ich jetzt von Dir gehen , so lange Du meiner Pflege noch bedarfst ? Mögen die Meinigen noch immer mich ein Weilchen entbehren ; Auguste hat ihre Kinder und den Oheim , die geben ihr Freude und Beschäftigung , wenn gleich Adelbert , von mancherlei Geschäften behindert , jetzt wenig daheim ist . Ich weiß , sie selbst würde mich schelten , wenn ich ohne die Gewißheit deiner völligen Genesung zurück käme . « Beide Frauen vertieften sich nun im Gespräche über die Vorkehrungen zu dieser kleinen Reise , die sie , von Gabrielens sehnsüchtiger Ungeduld getrieben , gleich in den nächsten Tagen anzutreten beschlossen . Hippolit blieb dabei ein stummer Zuhörer , während Gabrielens hochklopfendes Herz ihr nicht erlaubte , ihm nur einen Blick , vielweniger ein Wort , zuzuwenden . In banger Ungewißheit sprach sie immer fort , sie wußte kaum was , bis Frau von Willnangen , die nur zu gut sie verstand , sie aus dieser Verlegenheit zog . » Und Sie , Graf Hippolit ! wo bleiben Sie ? « fragte diese , den freundlichen Blick ihm zugewendet , da Gabriele eben von der Wahl des Fuhrwerks sprach . » Und ich ! « erwiderte er mit einem Ton , in welchem all sein Wünschen , sein Hoffen , sein sehnendes Erwarten lag . Gabriele fühlte in den tiefsten Tiefen ihres Herzens diesen Ton wiederhallen . » Mag Frau von Willnangen entscheiden , ob wir in Abwesenheit meines Gemahls den Grafen nach Schloß Aarheim einladen dürfen ; « fiel sie hoch erröthend ein , und wagte es nicht die Augen dabei aufzuschlagen , um durch keinen Blick den Ausspruch der Freundin zu leiten . » Ich sehe nicht recht ein , warum wir es nicht dürften , « erwiderte nach sehr kurzem Bedenken Frau von Willnangen , mit möglichster Gleichgültigkeit , und blickte dabei recht ämsig auf ihre Arbeit , um beide zu schonen ; doch niemand antwortete ihr . Es entstand eine für den Moment recht drückende Pause , der Frau von Willnangen nur dadurch ein Ende zu machen wußte , daß sie begann , etwas umständlich ihre Meinung von dem q ' uen dira-t-on , und von der Nachgiebigkeit , die man ihm schuldig ist , aus einander zu setzen . » Diese sogenannte Welt , « sprach sie , » der wir von Kind auf so manches schwere Opfer bringen müssen , ist doch beim Lichte besehen , ein sehr schwankendes Kameleonartiges Wesen ; jeder von uns hat seine eigne , die Hofdame wie die Schneidersfrau , so wie man sagt , daß auch jeder seinen eignen Regenbogen hat ; jeder ehrt nur die seine und ignorirt alle übrigen , und am Ende läuft es mit allen diesen ideellen Welten , wie mit dem Regenbogen auch , nur auf eine optische Täuschung hinaus . Millionen Regentropfen , von denen ein einzelner doch nur sehr wenig ist , setzen vor unsern Augen das stattliche Fantom zusammen , das im kühnen Bogen die halbe Erde zu umfassen scheint , und wenn wir die einzelnen Glieder der Menge betrachten , deren gesammtes Urtheil uns so bedeutend dünkt , daß wir es zur Richtschnur unsrer Handlungen erheben , so möchte die Mehrzahl derselben wohl auch nicht viel größern inneren Gehalt haben als solch ein kleiner farbloser fader Wassertropfen . « » Sie sprechen aus meiner Seele , « rief Hippolit mit ungewohnter Lebhaftigkeit . » Warlich ja , Sie haben recht