, wie man es in der Geschichte der bildenden Kunst nimmt , wo man von einer florentinischen , römischen und venezianischen Schule spricht , wird sich künftighin nicht mehr auf das deutsche Theater anwenden lassen . Es ist ein Ausdruck , dessen man sich vor dreißig , vierzig Jahren vielleicht noch bedienen konnte , wo unter beschränkteren Umständen sich eine natur- und kunstgemäße Ausbildung noch denken ließ ; denn genau gesehen gilt auch in der bildenden Kunst das Wort Schule nur von den Anfängen ; denn sobald sie treffliche Männer hervorgebracht hat , wirkt sie alsobald in die Weite . Florenz beweist seinen Einfluß über Frankreich und Spanien ; Niederländer und Deutsche lernen von den Italienern und erwerben sich mehr Freiheit in Geist und Sinn , anstatt daß die Südländer von ihnen eine glücklichere Technik und die genauste Ausführung von Norden her gewinnen . Das deutsche Theater befindet sich in der Schlußepoche , wo eine allgemeine Bildung dergestalt verbreitet ist , daß sie keinem einzelnen Orte mehr angehören , von keinem besondern Punkte mehr ausgehen kann . Der Grund aller theatralischen Kunst , wie einer jeder andern , ist das Wahre , das Naturgemäße . Je bedeutender dieses ist , auf je höherem Punkte Dichter und Schauspieler es zu fassen verstehen , eines desto höhern Ranges wird sich die Bühne zu rühmen haben . Hiebei gereicht es Deutschland zu einem großen Gewinn , daß der Vortrag trefflicher Dichtung allgemeiner geworden ist und auch außerhalb des Theaters sich verbreitet hat . Auf der Rezitation ruht alle Deklamation und Mimik . Da nun beim Vorlesen jene ganz allein zu beachten und zu üben ist , so bleibt offenbar , daß Vorlesungen die Schule des Wahren und Natürlichen bleiben müssen , wenn Männer , die ein solches Geschäft übernehmen , von dem Wert , von der Würde ihres Berufs durchdrungen sind . Shakespeare und Calderon haben solchen Vorlesungen einen glänzenden Eingang gewährt ; jedoch bedenke man immer dabei , ob nicht hier gerade das imposante Fremde , das bis zum Unwahren gesteigerte Talent der deutschen Ausbildung schädlich werden müsse ! Eigentümlichkeit des Ausdruckes ist Anfang und Ende aller Kunst . Nun hat aber eine jede Nation eine von dem allgemeinen Eigentümlichen der Menschheit abweichende besondere Eigenheit , die uns zwar anfänglich widerstreben mag , aber zuletzt , wenn wir ' s uns gefallen ließen , wenn wir uns derselben hingäben , unsere eigene charakteristische Natur zu überwältigen und zu erdrücken vermöchte . Wieviel Falsches Shakespeare und besonders Calderon über uns gebracht , wie diese zwei großen Lichter des poetischen Himmels für uns zu Irrlichtern geworden , mögen die Literatoren der Folgezeit historisch bemerken . Eine völlige Gleichstellung mit dem spanischen Theater kann ich nirgends billigen . Der herrliche Calderon hat so viel Konventionelles , daß einem redlichen Beobachter schwer wird , das große Talent des Dichters durch die Theateretikette durchzuerkennen . Und bringt man so etwas irgendeinem Publikum , so setzt man bei demselben immer guten Willen voraus , daß es geneigt sei , auch das Weltfremde zuzugeben , sich an ausländischem Sinn , Ton und Rhythmus zu ergetzen und aus dem , was ihm eigentlich gemäß ist , eine Zeitlang herauszugehen . Yorik-Sterne war der schönste Geist , der je gewirkt hat ; wer ihn liest , fühlt sich sogleich frei und schön ; sein Humor ist unnachahmlich , und nicht jeder Humor befreit die Seele . » Mäßigkeit und klarer Himmel sind Apollo und die Musen . « Das Gesicht ist der edelste Sinn , die andern vier belehren uns nur durch die Organe des Takts , wir hören , wir fühlen , riechen und betasten alles durch Berührung ; das Gesicht aber steht unendlich höher , verfeint sich über die Materie und nähert sich den Fähigkeiten des Geistes . Setzten wir uns an die Stelle anderer Personen , so würden Eifersucht und Haß wegfallen , die wir so oft gegen sie empfinden ; und setzten wir andere an unsere Stelle , so würde Stolz und Einbildung gar sehr abnehmen . Nachdenken und Handeln verglich einer mit Rahel und Lea ; die eine war anmutiger , die andere fruchtbarer . Nichts im Leben außer Gesundheit und Tugend ist schätzenswerter als Kenntnis und Wissen ; auch ist nichts so leicht zu erreichen und so wohlfeil zu erhandeln ; die ganze Arbeit ist Ruhigsein und die Ausgabe Zeit , die wir nicht retten , ohne sie auszugeben . Könnte man Zeit wie bares Geld beiseitelegen , ohne sie zu benutzen , so wäre dies eine Art von Entschuldigung für den Müßiggang der halben Welt ; aber keine völlige , denn es wäre ein Haushalt , wo man von dem Hauptstamm lebte , ohne sich um die Interessen zu bemühen . Neuere Poeten tun viel Wasser in die Tinte . Unter mancherlei wunderlichen Albernheiten der Schulen kommt mir keine so vollkommen lächerlich vor als der Streit über die Echtheit alter Schriften , alter Werke . Ist es denn der Autor oder die Schrift , die wir bewundern oder tadeln ? es ist immer nur der Autor , den wir vor uns haben ; was kümmern uns die Namen , wenn wir ein Geisteswerk auslegen ? Wer will behaupten , daß wir Virgil oder Homer vor uns haben , indem wir die Worte lesen , die ihm zugeschrieben werden ? Aber die Schreiber haben wir vor uns , und was haben wir weiter nötig ? Und ich denke fürwahr , die Gelehrten , die in dieser unwesentlichen Sache so genau zu Werke gehen , scheinen mir nicht weiser als ein sehr schönes Frauenzimmer , das mich einmal mit möglichst süßem Lächeln befragte : wer denn der Autor von Shakespeares Schauspielen gewesen sei ? Es ist besser , das geringste Ding von der Welt zu tun , als , eine halbe Stunde für gering halten . Mut und Bescheidenheit sind die unzweideutigsten Tugenden ; denn sie sind von der Art , daß Heuchelei sie nicht nachahmen kann ; auch haben sie die Eigenschaft gemein , sich