- die heilende , aus dieser tiefen Asche herauszuwaten in ein freieres , leichteres Land - die schmeichelnde , daß das kranke , geplagte Herz im Bergschlosse vielleicht in Zitronen- und Lorbeerwäldern Freude und Genesung wieder finde , auch wohl wieder gebe - diese Aussichten waren , was die Freuden der Menschen sind , sehr schöne Spaziergänge im Hofe des Gefängnisses . Auf diesem frohen Spaziergange störte ihn bald das Bild der kommenden Linda - aber nicht seinet- , sondern seiner armen Schwester und seines Freundes wegen . Wie feindselig muß dieses fremde Irrlicht , dacht ' er , in den nächtlichen Kampf aller gegeneinander rennenden Verhältnisse hüpfen ! Roquairol schien ohnehin die zu heftig liebende Rabette mit ihren einsamen Wünschen allein zu lassen ; sie schickte wöchentlich ihre durch einen Einschluß an Albano - sonst wars umgekehrt - , briefliche Seufzer und Tränen , die er alle kalt einsteckte , ohne von ihnen oder der Verlassenen zu sprechen . Albano - im stillen Lianen und Rabetten abwägend - beklagte selber das ungleiche Los seines übereilten Freundes , über dessen Sonnenpferde nur eine Amazone und Titanide , aber nicht ein gutes Landmädchen den Zügel werfen konnte und dessen Psyches- und Donnerwagen ihm zu gut schien zu einem bloßen ehelichen Post- oder Kinderwagen . Erwürgend wird sich alles durcheinanderschlingen , dacht ' er , wenn er , am Traualtar mit Rabetten kniend , zufällig aufsieht und unter den Zuschauerinnen die unvergeßliche hohe Braut seiner ganzen Jugend findet und laut das entsagende Ja ausstammeln muß ! Er war daher zweifelhaft , ob er ihm den Inhalt des Briefs entdecken dürfe , aber doch nicht lange ; » soll ich dem Freund « ( sagt ' er ) » verhehlen und vorgaukeln ? Darf ich ihn als schwach voraussetzen und die Beschleunigung der Verhältnisse scheuen , die doch mit Ihr kommen ? « Sobald Karl zu ihm kam , sagt ' er ihm zuerst die Abreise und sogar die Bitte um dessen Mitreise ; bewegt von der ersten Trennung seines Jugendfreundes . Der Hauptmann - dessen Herz immer den Sangboden der Phantasie zum Anklang brauchte - war auf der Stelle nicht vermögend , beträchtliche Empfindungen über den Abschied zu haben und zu malen . Da gab ihm Albano - über die Lippe konnt ' ers nicht bringen - den ganzen Brief . Unter dem Lesen wurde Roquairols ganzes Gesicht häßlich , sogar in des Freundes Auge . - Er schleuderte dann ein so flammendes Zornauge gegen Albano , daß dieser es erwiderte unwillkürlich und unwissend . » O , wahrlich , ich versteh ' alles « ( sagte Karl ) - » So mußt ' es sich lösen . Warte nur bis morgen ! « Alle Muskeln an ihm waren rege , alle Züge irre , alles bewegt , so wie im heftigen Gewitter kleine Wölkchen umeinander wirbeln . Albano wollte ihn fragen und halten . » Morgen , morgen ! « rief er und stürmte davon . 87. Zykel Am Morgen erhielt Albano einen sonderbaren Brief von Roquairol , zu dessen Verständnis einige Nachrichten von seinem Verhältnis mit Rabetten vorausstehen müssen . Nichts ist schwerer , wenn man seinen Freund recht liebt , als dessen Schwester kaum anzusehen . Nichts ist leichter - nur das Umgekehrte ausgenommen - als nach der Entzauberung durch , Stadtherzen die Bezauberung durch Landherzen . Nichts ist einem Simultanliebhaber , der alle liebt , natürlicher als die Liebe gegen eine darunter . Es braucht nicht erwiesen zu werden , daß der Hauptmann in allen drei Fällen auf einmal gewesen , da er zum ersten Male zu Rabetten sagte , sie habe sein sogenanntes Herz . Sie hätte freilich die Hamadryade in einem solchen Giftbaum , durch dessen Saft so viele Amors-Pfeile vergiftet wurden , nicht so nahe anbeten sollen ; aber sie und ihre meisten Schwestern werden von den männlichen Vorzügen gegen den männlichen Mißbrauch davon verblendet . Anfangs ging manches gut ; die reine Unschuld seiner Schwester und seines Freundes warf ein fremdes Zauberlicht auf den widernatürlichen Bund . Das Vorzüglichste war , daß er als Konzertmeister seiner Liebe wenig mehr von Rabetten bedurfte als die - Ohren ; Lieben war bei ihm Sprechen , und Handlungen sah er bloß für die Zeichnung unserer Seele , Worte aber für die Farben an . Es gibt eine doppelte Liebe , die der Empfindung und die des Gegenstandes . - Jene ist mehr die männliche , sie will den Genuß ihres eignen Daseins , der fremde Gegenstand ist ihr nur der mikroskopische Objekt- oder vielmehr Subjekt-Träger , worauf sie ihr Ich vergrößert erblickt ; sie kann daher leicht die Gegenstände wechseln lassen , wenn nur die Flamme , in die sie als Brennstoff geworfen werden , hoch fortlodert ; und durch Taten , die immer lang , langweilig und beschwerlich sind , genießet sie sich weniger als durch Worte , die sie zugleich malen und mehren . Hingegen die Liebe des Gegenstandes genießet und begehret nichts als das Glück desselben ( so ist meistens die weibliche und elterliche ) , und nur Handlungen und Opfer tun ihr Genüge und wohl ; sie liebt , um zu beglücken , wenn jene nur beglückt , um zu lieben . Roquairol hatte sich längst der Liebe der Empfindung gewidmet . Daher mußt ' er so viel Worte machen . Überhaupt wurde sein Herz erst durch den Transport über die Zunge und Lippe recht feurig und trinkbar ; am Rheinfall wär ' er nicht von der besten , nämlich gerührtesten Laune gewesen , bloß weil er zum Lobe desselben - da der Fluß alles überdonnert - nichts hätte vorbringen können vor erhabenem Lärm . Sein Roman mit Rabetten nach der Liebes-Erklärung war in verschiedene Kapitel abgeteilt . Das erste Kapitel bei ihr versüßte er sich dadurch , daß sie ihm neu war und zuhörte und bewundernd gehorchte . Er schilderte ihr darin große Stücke von der schönen Natur ab , mischte einige nähere Rührungen dazu und küßte sie darauf ; so daß