nächsten Bettler , der vorüber kommt , wenn Dir ’ s Freude macht . Lebt wohl miteinander — ich will keine Minute mehr versäumen , denn nun ist es Zeit , daß ich zum Äußersten schreite . Gott mit Euch ! “ Er drückte Leonhardt die Hand und ging rasch dem Schlosse zu . „ Was muß da oben zwischen dem Oheim und dem Fräulein geschehen sein ? “ fragte Leonhardt kopfschüttelnd . „ Vater Leonhardt , “ sagte Käthchen , „ Du mußt mich nicht verraten , aber ich weiß was ! “ „ Nun was denn , mein Kind ? “ „ Der Vormund da droben , der ist ein recht schlechter Mensch . “ „ Das ist eine alte Geschichte , Käthi ! “ meinte Walter . „ Ja , aber denkt nur , was der tut : Der räumt den Briefkasten am Schulhause aus , wenn ’ s dunkel ist ! “ „ Warum nicht gar ! “ „ Ja , der Vater hat ’ s gesehen , aber er hat mir gedroht , wenn ich ’ s Jemand sagte , sperre er mich drei Tage lang ein . “ „ Mein Gott , “ rief Herr Leonhardt entsetzt , „ wie kam Dein Vater zu der Entdeckung ? “ „ Ja , er hat ’ s der Mutter erzählt und ich hab ’ s gar nicht hören sollen , ich hab ’ s aber doch gehört . Wie er vorige Woche einmal Nachts auf die Lauer ging wegen des Traubendiebstahls , da hat er was gegen das Schulhaus schleichen gehört und sich versteckt , weil er meinte , es sei der Dieb . Und da hat er den Herrn Gleißert erkannt , wie er sich am Briefeinwurf was zu schaffen machte . Dann ist der Vater näher hinzugeschlichen und hat ’ s ganz deutlich wahrgenommen , daß der Herr mit etwas Langem die Briefe zum Spalt herauszog , ein Schwefelhölzchen anzündete und den Hut vorhielt , daß es Niemand sehen sollte . Bei dem Schwefelhölzchen habe er dann die Aufschriften gelesen und die Briefe wieder in den Kasten gesteckt — bis auf einen , den habe er behalten . Dann sei er wieder dem Schlosse zugegangen . — Der Vater sagt , er habe einen Augenblick Lust verspürt , ihn zu packen , aber er habe sich nicht getraut , man könne ja nicht wissen , was so Einer für Waffen bei sich trage . Und anzeigen wollte er ihn auch nicht , wer mit dem anbinde , der könne doch nur dabei zu Schaden kommen . “ „ Was mag dieser Bösewicht im Schilde führen ? “ meinte Herr Leonhardt besorgt . Walter lachte : „ Ei , Vater , das ist die Vergeltung dafür , daß ich immer die Adressen seiner Briefe lesen mußte , wenn der Briefbote sie holte . “ „ Nun , das war doch etwas Anderes , “ sagte Leonhardt ernst . „ Mein Gott , ich glaube , das sollte unser Freund noch wissen , bevor er auf das Schloß kommt . Walter lauf , Du hast junge Beine , suche ihn einzuholen und teile es ihm mit . “ , ,Ja , Vater , ich will ihn schon erreichen . Bleib nur hier sitzen , ich werde schnell zurück sein ! “ rief der junge Mann und eilte leichtfüßig wie ein Hirsch davon . Herr Leonhardt tastete nach Käthchen : „ Kind , bist Du da ? “ „ Ja , Vater Leonhardt ! “ „ Käthchen , heute hast Du mir alle Liebe gelohnt , die ich für Dich im Herzen trug . “ Er strich prüfend mit der Hand über das abgemagerte Gesichtchen . „ Ich kann Dich nicht mehr sehen ; sie sagen , Du seist sehr verändert , und es scheint mir auch so . Vor meiner Seele stehst Du unverlöschlich mit den schelmischen , schwarzen Äuglein und den roten Pausbäckchen aber — auch das schwarze Heidelbeermäulchen sehe ich immer noch ! Käthchen — nicht wahr — Du hast seither nie mehr gelogen ? “ „ Nein , Vater Leonhardt , auf Seelenseligkeit , nie mehr — und will ’ s auch nie mehr tun . Ich bin jetzt das reichste Kind in der ganzen Gegend , sagt die Mutter , so will ich auch das bravste sein und dem lieben Gott so danken , wie Du sagst , daß man ’ s müsse , mit guten Werken . Und weißt Du , seit ich beim Gebet die Hände nicht mehr falten kann , ist mir ’ s ordentlich , als müsse ich noch viel andächtiger beten als sonst . Es fehlt mir was : Ich meinte früher immer , ich hielte den lieben Gott fest zwischen meinen gefalteten Händen und er müsse um so lange still halten und mich anhören , bis ich ihn wieder losließ , jetzt ist das anders — jetzt meine ich , ich müsse ihn viel brünstiger anrufen , daß er zu mir kommt und bei mir bleibt , so lange ich ihn um was bitten will . “ „ Du gutes Kind ! Der Herr ist Dir immer gegenwärtig , — wo sollte er denn lieber sein , als in solch einem reinen Kindesherzen ? Käthchen , Du bist die Blume auf dem Wege eines Blinden ! Weißt Du , was ich damit sagen will ? “ Käthchen legte sein Köpfchen auf Leonbardts Kniee : „ Ich denke mir , Du willst damit sagen , daß Du mich lieb hast ! “ „ Ja , mein Kind — und daß auf meinem Wege mir nicht viel Freude blüht , wie die , welche ich an Dir erlebe . “ „ Aber Vater , Du hast ja den Walter , der muß Dich doch noch mehr freuen als ich ! “ „ Gott segne ihn , er ist mein Stab in der Nacht ! Er ist mein Bestes auf Erden . “ „ Vater Leonhardt , wenn ich