mich die sanfte Macht der Unschuld , hatte mich Thekla , die gewißlich mein Schutzgeist war . » Engel ! « jauchzete ich über den tosenden Abgrund und hub gefaltete Hände . Mit gleicher Gebärde antwortete sie , als habe sie mich verstanden . Und manch süßes Wort rief ich hinüber , während sie die Hand ans Ohr hielt und manchmal sich neigte , als danke sie für Gehörtes . Auf einmal wandelte sie zum Waldsaum , und schon besorgte ich , die Frist unseres Minnespiels sei abgelaufen ; da bückte sie sich , und ich ward inne , daß sie Holz zu einem Feuer sammelte . Beifall winkte ich und beobachtete , wie sie auf einem Felsen inmitten der Waldwiese das Holz schichtete , alsdann mit einem Feuerzeug das gelbrote Flackern erweckte und den blauweißen Dunst . Eifrig holte sie weitere Nahrung für die Flamme , und es hub sich die Rauchsäule , verfolgt von Theklas Blick wie vom meinigen . Auf ihres Feueraltars Schwelle ließ sich nun meine liebe Vestalin nieder und träumte , das Haupt an den Stein gelehnt , zu mir herüber . Ich sang ihr feierliche Lieder , die sie zu vernehmen schien , derweilen die Rauchsäulen hüben und drüben hoch in die stille Luft stiegen und zusammenschmolzen , bedeutend , daß kein Außen , nicht Kluft noch Strom , zu trennen vermöge zwo Seelen , so im Himmel tiefinnen ihre Vermählung fanden . Wie Theklas Feuer niedergebrannt war , erhub sie sich , legte abermals aufs Herz ihre Hände und winkte mir Abschied . Ich antwortete mit Zuwerfen von Küssen . Langsam , unter wiederholtem Zurückschauen , stieg sie zum Waldrande empor , zuletzt warf auch sie einen Kuß über die Kluft und verschwand zwischen den Tannen . - Aus Theklas folgenden Briefen hebe ich noch die Stelle heraus : » Vielleicht wann die Zeit unser Haar gebleicht hat , das Angesicht faltig ist , und in unseren Herzen die jugendliche Unrast durch friedliche Weisheit abgelöst worden , so sonnen wir uns im güldenklaren Spätherbst , und geschieht uns wohl wie den beiden alten Hirtenleuten , von denen ich Dir sagen ließ : Im dunkeln Seelengrunde Winkt einer Krone Gold , Und hast du sie gefunden , Wird Minne dir zum Sold . « Unter dem Austausch unserer Briefe ging der Herbst zur Rüste , nach langwierigem Sturme regnete es tagelang , und dann war der Winter da . Erst brachte er klares Frostwetter , am zweiten Advent aber ein Schneetreiben , das Weg und Wildnis überwogte , also daß Sibylle außerstande war , ihres Botenamtes zu walten . Endlich am Sonntage vor Weihnachten stieg Rauch vom Breiten Berge , auf Schneeschuhen flog ich bergab zum Kesselstein und sahe schon an der Fußspur , daß ein Mensch durch den Schnee gewatet war . Die gute , treue Sibylle ! Im hohlen Baume fand ich ein Päcklein , das enthielt außer dem erwarteten Briefe ein handgroß Bildnis Theklas , auf Glas gemalt . Unverkennbar war ihr Angesicht , vom braunen Gelock umrahmt - wiewohl die Frische und Keckheit der Jugend einer blassen Zartheit und wehmütigen Güte gewichen war . Das dunkle Auge , größer und tiefer als ehedem , sprach so rührend von Sehnsucht und Liebe , daß ich hingerissen das Konterfei mit Küssen bedeckte . Der Brief lautete : » Nur noch ein paarmal tagt es , dann kommt der Heilige Abend . Da muß ich meinem Liebling doch ein Christkindel bescheren . Dies Bild hat der alte Werner zu Petersdorf gemalt , so in besseren Zeiten ein begehrter Glasmaler gewesen . Besser hat er mich gemacht , als ich wirklich bin ; wenn es uns vergönnt sein wird , einander in der Nähe zu betrachten , wirst Du Deine Thekla gealtert und mager finden . Habe Nachsicht , guter Johannes ! Und noch eine andere Gabe nimm freundlich auf . Begib Dich vom Kesselstein nach Schreiberhau zu Jakob Liebig , dem Schmied , und heische den Korb , den Kiesewalds Sibylle für Dich abgegeben . Den Mohnstollen hat mir Sibylle backen helfen . Die Wolle der Kleidungsstücke ist von unseren Schafen , und selber haben wir sie gesponnen . Vor zween Tagen war ' s , daß wir den Korb zu Tale brachten , im Hörnerschlitten fuhr uns Heinrich nach Petersdorf . War das ein glückselig Stündlein ! Als ich neben Sibyllen im Schlitten saß , von Heinrich mit Wolldecken und Stroh gut verwahrt , blühte Zärtlichkeit aus seinem Herzen , daß er mich auf Mund und Hände küßte , gerührt sprechend : » Ich danke jedem Tage , der die liebe Agnete gesund und froh sein lässet . « Alsdann zog der Gute seine Pelzkappe über die Ohren , begab sich vor den Schlitten zwischen die beiden Kufen , so gleich mächtigen Ziegenhörnern sich emporkrümmten , packte sie mit behandschuhter Faust und zog den Schlitten . Immer hurtiger stampften seine hohen Stiefel durch den Schnee , und dann kam das Abwärtsgleiten . Mit eisenbeschlagenen Hacken lenkend , sperrte sich der starke Mann , daß der aufgewühlte Schnee wie Wassergischt umherspritzte , und blieb alleweil des Schlittens Meister . Indessen jauchzete Sibylle ; mir aber war , als schaukle ich in der Wiegen und schwebe zugleich als Schwalbe . Frisch und rein die Winterluft , Wärme und Glück rann durch meine Adern . Rechts und links die Tannen von Rauhreif dick versilbert , von der Schneelast gebeugt . Am violenblauen Himmel erglommen die Sterne . Sibylle hielt mich umschlungen , und das fromme Klingen unserer Seelen scholl zweistimmig in die magische Nacht : Da draußen , da draußen Vor der himmlischen Tür , Da steht ein ' arme Seele , Schaut traurig herfür . Arme Seel mein , arme Seel mein , Komm mit mir herein , Und da werden deine Kleider So weiß und so rein . Ja so weiß und so rein , Viel weißer , denn Schnee . Und so wolln wir mitsammen Ins Himmelreich gehn . Ins Himmelreich ,